06.11.16

Tobias Kaufmann

Der perfekte Roman

Ich werde einen Roman schreiben. Nicht irgendeinen Roman, sondern den großen Roman des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts.

Nun werden Sie sich gleich zu Beginn fragen: Na und? Fang halt an und melde dich, wenn du fertig bist.

Aber so einfach ist das nicht. Das fängt mit dem Anfangen schon an. Und ist mit dem Fertigwerden noch gar nicht fertig. Einen Roman zu schreiben ist eine große Sache. Ein Roman will gut überlegt, sorgfältig geplant und durchdacht sein. Man muss über sehr viele Seiten eine Story durchhalten, durch die der Leser von möglichst gut ausgewähltem Personal geführt wird.

Nun werden Sie sagen: Hä? Seit wann das denn? Die meisten gut verkauften Bücher kommen völlig ohne Story aus, von Charakteren mal zu schweigen. Siehe die wandernde Kupfervenus-Hure und ihre päpstlichen Freundinnen.

Das stimmt nur so weit, wie es stimmt, dass potenziell jeder von uns einen verrosteten Stahlträger in eine deutsche Innenstadt stellen und sich das als Kunstobjekt von der Kommune oder der Kulturstiftung eines Konzerns fürstlich entlohnen lassen kann. Mag sein. Aber man braucht halt die Idee; die Disziplin, sie umzusetzen; den Stahlträger, nicht zu vergessen – und am Ende die Kommune oder die Kulturstiftung eines Konzerns, die das Ganze mitmacht.

So ist das mit dem Romaneschreiben auch. Man muss vorher wissen, um was es geht. Und wie lange.

Ich spreche aus Erfahrung, denn dieser große Roman, den ich schreiben werde, ist nicht mein erster. Ich habe schon in der 7. Klasse einen geschrieben. Es gab darin eine ziemlich beeindruckende Einstiegsszene, wie ich fand, in der ein Junge aus einem Computerspiel steigt. Die Story wurde später sogar verfilmt, allerdings hatte das nichts mit mir zu tun. Die Idee, dass ein Junge aus einem Computerspiel steigt, hatten wohl noch ein paar andere, und die sind vor mir fertiggeworden. Nicht nur vor mir, sondern überhaupt. Fertiggeworden.

Es wird nicht mein erster Roman, eher der vierte, aber es wird der erste, den ich zu Ende schreibe. 40 Seiten auf Karopapier mit einem starken Beginn und einem abrupten Ende, das kein Abschluss ist, sondern ein Aufhören, weil der Autor einfach nicht mehr weitergeschrieben hat, sind nämlich gar kein Roman, sondern ein Fragment. Bestenfalls. Mit Roman-Fragmenten wird man in der Regel nur berühmt, wenn man tot ist und vorher irgendwann mal was Großes zu Ende geschrieben hat. Beides trifft nicht zu in meinem Fall.

Das wäre also geklärt. Damit sind wir aber schon bei der nächsten Herausforderung. Wovon soll der Roman handeln? An diesem Punkt ist es wichtig, dass ich mich von mir selbst löse. Es geht bei diesem Projekt nicht darum, das Buch zu schreiben, auf das man immer schon mal Lust hatte. Allein in Deutschland erschienen 2015 rund 14.000 belletristische Artikel, und da ist die Kategorie „Deutsche Literatur“ noch gar nicht eingerechnet. Es gibt statistisch gesehen vermutlich überhaupt nur zwei Arten von Deutschen. Die einen können nicht lesen und schreiben, alle anderen haben schon ein Buch geschrieben. Die allermeisten haben einfach Lust darauf gehabt, aber die allerwenigsten wurden damit reich. Weil ihre Zielgruppe zu eng ist.

Neulich habe ich im Büdchen in unserem Veedel (so heißen in Köln Stadtteile) einen Veedels-Krimi auf der Theke gesehen. Der spielte im Grunde in einem Keller in unserer Nachbarschaft. Entsprechend endet der Markt für dieses Buch schon an der übernächsten Bushaltestelle der Linie 143, die übrigens auf dem Titel abgebildet war, wenn ich mich recht erinnere. Jemand aus Vingst kauft niemals einen Veedelskrimi aus Rodenkirchen.

Solche Ausschlusskriterien schaden dem Projekt. Damit das klar ist: Einen Roman schreiben und nicht damit reich werden, das kommt für mich absolut nicht in Frage. Ich habe genug Dinge geschrieben, die mich nicht reich gemacht haben. Der größte Fehler wäre deshalb, viel Zeit und Aufwand in einen Roman zu stecken, den Frauen nicht lesen. Denn die Mehrzahl der Bücher wird von Frauen gekauft. Ausführliche Beschreibungen von Waffensystemen oder Oldtimern sind in dem großen Roman des 21. Jahrhunderts deshalb fehl am Platze.

Auch mit Humor muss man vorsichtig sein. Mein gedankliches Romanprojekt unter dem Arbeitstitel „Beiß mich endlich, du Sau!“ verbände, wenn ich mich ließe, die Trends Vampire und Hausfrauen-Hauen zwar auf kongeniale Weise – aber dürfte nicht darauf hinauslaufen, dass die Zielgruppe das Buch kauft. Sie wird es nicht einmal verbrennen, was eine Top-PR wäre, sondern einfach doof finden und ignorieren. Was gleichbedeutend ist mit: Nicht kaufen.

Der Roman, den ich schreiben werde, soll hintergründig und klug sein, aber auch platt. Er soll witzig sein, aber auch ernst. Er muss Frauen zum Weinen bringen und Männer zum Nachdenken, und Männer zum Weinen und Frauen zum Nachdenken. Er muss lang sein, aber kurzweilig. Es muss pikante Stellen in ihm geben, die oberflächliche Leser sofort nachschlagen, um mitreden zu können. Sex und Gott müssen vorkommen, aber um Gottes Willen nicht in Kombination. Der Text muss so angelegt sein, dass man ihn in alle Sprachen der Welt übersetzen kann und an Orten spielen, die entweder jeder kennt – oder keiner. Er muss der niedergeschriebene Dreiminutendreißig-Hit sein, dem man sich im Radio über Monate nicht entziehen kann. Und zusätzlich Beethovens Neunte.

Schreib doch genau darüber einen Roman, denken Sie jetzt vielleicht. Also hierüber. Über das Suchen nach dem perfekten Roman.

Tolle Idee. Hatte ich schon. Hatte auch schon jemand anders – und der hat’s gemacht. Das Machen ist eine ganz entscheidende Voraussetzung dafür, dass man etwas fertigmacht. Handele so, dass du handelst. Das gilt für Rote Linien in Syrien, es unterscheidet aber auch die Romanidee vom Roman. Wer mal abends nicht einschlafen kann oder im Auto unterwegs ist und dann plötzlich Idee um Idee im Hirn umherwehen fühlt, kann dafür keine Tantieme verlangen. Aufschreiben, nicht nur ausdenken. Siehe Stahlträger, siehe oben.

Also lenken Sie mich bitte nicht mit Ihren Gedanken ab, sondern widmen wir uns nochmal der Story. Ich könnte statt eines schwierigen Romans natürlich etwas niederschreiben, das mich seit langem beschäftigt und einfach raus muss. Einen Aufreger! Warum Deutschland untergeht, warum die Börse lügt, warum die Presse die Kurse manipuliert oder die Moslems das Abendland im Stich lassen. Und umgekehrt.

Aber das Problem bei kontroversen Büchern ist: Sie sind kontrovers. Irgendjemand fühlt sich immer beleidigt. Wenn man Pech hat, braucht man Polizeischutz oder man bekommt, was ähnlich schlimm sein kann, stehenden Applaus von Leuten, von denen man nun wirklich nichts hören will, schon gar keinen Applaus.

Dazu kommt: Wenn ich morgen ein Aufreger-Buch schreiben müsste, dann würde es heißen: „Regt euch ab!“ Ich glaube nämlich, dass von Trump bis AfD, von Glyphosat bis ARD-Terrorfilm vieles überhaupt nur so empörend dramatisch geworden ist, weil wir uns so dramatisch empören. Dass die Empörung die Empörung nicht wert war, dämmert uns irgendwann, aber wir kriegen den Grund gar nicht mit, weil wir schon wieder über etwas Anderes empört sind. Ein Buch mit dem Slogan, dass wir uns jetzt genug empört haben und vielleicht einfach mal wieder ein bisschen glücklich und zufrieden und nachdenklich und nett zueinander sein sollten. Das würde ich vielleicht schreiben.

Um damit aber auf die Bestseller-Liste zu kommen und durch die Talkshows tingeln zu können, fehlt mir leider ein glaubwürdiger persönlicher Hintergrund. Ich bin weder Arzt noch Psychologe noch Comedian, ich habe keine Extremerfahrung und keine Erleuchtung in Tibet vorzuweisen. Selbst meine Großeltern können nicht helfen. Sie waren weder bekannte Nazis, noch waren sie in der Résistance. Entscheiden Sie selbst, ob Sie das spannend finden: „Ich bin 40, ich habe eine tolle Familie, einen tollen Job, aber das Wetter und die Stimmung hier gehen mir so dermaßen auf den Zeiger, dass ich gedacht habe: Regt euch ab! Ach ja: Und kauft mein Buch!“ Was soll Frank Plasbergs Redaktion denn da in die Bauchbinde schreiben?

Außerdem will ich ja gar nicht durch die Talkshows tingeln. Ich will in Florida aufs Meer gucken.

Ja, lieber Leser. So verrucht ist mein Motiv. Mein großer Roman soll kein Fanal werden für eine gute Sache. Ich werde weder die russische Steppe noch die indianische Seele erklären, weder das Leid der Tiere noch 500 Jahre Luther treiben mich an. Meine Inspiration ist ganz unzeitgemäß egoistisch. Reines Mittel zum Zweck, das Gegenteil von bescheiden und nachhaltig, und der Zweck ist eine finanzielle Grundversorgung, die uns ein Leben in Florida ermöglicht. Im Sommer, wenn es dort unangenehm ist, würden wir nach Neu-England ausweichen. Dort würde ich vielleicht weitere Romane schreiben, aber ich würde es nicht müssen.

Dafür werde ich einen Roman schreiben. Den Roman des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Den, der zugleich von den Kritikern gefeiert und so unendlich viel gekauft wird, dass wir nichts weiter tun müssen, als ihm dabei zuzusehen, wie er sich verkauft. Ein literarischer Banküberfall. Nur, dass man einen Banküberfall im Geheimen plant.

Mein Romanplan ist dagegen durchgesickert. Na gut: Ich habe ihn durchsickern lassen. Wenn nur genügend Leute wissen, dass ich dabei bin, den großen Roman zu schreiben, auf den alle warten, dann wird dieser Druck dazu führen, dass es gelingt. So wie aus Kohlenstoff Diamanten werden, nur möglichst ein paar Milliarden Jahre schneller.

Meine Töchter, zu denen bekanntlich die Kleine Vorsitzende gehört, haben das Prinzip verstanden. Sie fragen mich jeden Abend, ob ich endlich angefangen habe.

Klar habe ich. Morgen.


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