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Was gehört zu einem gepflegten Fußballspiel? Tobias Kaufmann stellt rechtzeitig zur WM jeden Tag je ein wichtiges Element auf kolumnen.de vor: Elf Gebote für Fußballfans und solche, die es werden wollen:

Gebot 1: Rasen | Gebot 2: Trikots und Schuhe | Gebot 3: Aberglaube | Gebot 4: Der Ball | Gebot 5: Fans | Gebot 6: Trainer | Gebot 7: Teamgeist | Gebot 8: Tore | Gebot 9: Taktik | Gebot 10: Schiedsrichter

08.06.06

Tobias Kaufmann

Die Elf Gebote
Gebot 10: Schiedsrichter

29. April 1998. Schalke 04 gegen den 1. FC Köln. Null zu null. Noch wenige Minuten zu spielen. Wenn Köln gewinnt, ist der Klassenerhalt fast gesichert. Tretschok für Köln im Strafraum. Setzt sich durch. Schuss. Toooor! Nein! Der Schalker Feldspieler (!) Oliver Held boxt den Ball von der Linie. Hand! Hand! Hand! Jeder im Stadion hat diese Szene so gesehen. Nur der Schiedsrichter nicht. Er läuft zu Held und fragt: »Haben Sie den Ball mit der Hand gespielt?« Denn das wäre, um es mit Hiob (31, 11) zu sagen »eine Schandtat und eine Schuld, die vor die Richter gehört«. Held antwortet: »Nein, es war mit dem Kopf.« Dass Kölns Torjäger Toni Polster dem Schalker Held daraufhin »einen Kreuzbandriss und viel Pech für seine weitere Karriere« an den Hals gewünscht hat, war sicher nicht ganz fein. Aber noch viel unfeiner war, dass Schalke das Spiel praktisch im Gegenzug noch mit eins zu null gewann und der 1. FC Köln in die zweite Liga abstieg. Wir Kölner sind bis heute überzeugt, dass vor allem der Lügner Oliver Held und der blinde Schiedsrichter an dieser Katastrophe schuld waren, die aus dem glorreichen FC erst die Fahrstuhlmannschaft machen konnte, die er heute ist.

Das ist nichts Ungewöhnliches, denn viele, wenn nicht die meisten unvergessenen Episoden der Fußballgeschichte ranken sich um die Entscheidungen der – hoffentlich – einzigen neutralen Person auf dem Platz, des Schiedsrichters. War der Ball beim legendären englischen Wembley-Tor gegen Deutschland 1966 wirklich hinter der Linie? Ging dem Elfer für Deutschland im WM-Finale 1974 wirklich ein Foul voraus? Über den »Schiri« wird beim Fußball immer leidenschaftlich gestritten. Fernsehreporter nennen ihn gerne »Unparteiischer«, die Fans im Stadion verfügen über ein weniger schmeichelhaftes Repertoire an Synonymen. »Schwarze Sau« ist eines von ihnen, weil Fußballschiedsrichter vor dem Privatfernsehzeitalter in Schwarz aufliefen. Wenn die Fans dem Schiedsrichter ein Lied singen, ist es nie lieb gemeint. »Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht«, oder »Lebend kommst du hier nicht raus« schallt es durch die Stadien der Republik, wenn die Pfeife an der falschen Stelle ertönt oder stumm bleibt.

Das Motiv für diesen Zorn ist Ohnmacht. Denn die Entscheidungen eines Fußballschiedsrichters sind endgültig, anders als etwa beim Eishockey, wo es zumindest bei strittigen Torentscheidungen einen Videobeweis gibt. Die Pfeife des Schiedsrichters ist für 90 Minuten die Pfeife des Allmächtigen. Sie wacht über nichts weniger als die Gerechtigkeit. Das Recht ist bekanntlich das wichtigste Prinzip der Bibel, noch vor Liebe und anderen schönen Prinzipien. Und was die Bibel für das Leben erkannt hat, gilt auch für den Fußball: Das Spiel läuft nur, wenn sich alle an die Regeln halten. Vom aktiven und passiven Abseits abgesehen, das gerade für Fußballkommentatoren undurchdringlich scheint, sind die meisten dieser Regeln ziemlich einfach. Aber das Spiel ist schnell, und der Mensch neigt zu Lug, Betrug und Fehlbarkeit.

»Und er sagte zu den Richtern: Seht zu, was ihr tut! Denn nicht im Auftrag von Menschen richtet ihr, sondern im Auftrag des Herrn. Und er ist mit euch, wenn ihr Recht sprecht« heißt es im 2. Chronik-Buch (19,6). Nicht alle Schiedsrichter sind dieser Aufgabe gewachsen. Manche machen den Job vermutlich nur, weil sie zu Hause nichts zu sagen haben. Eine der rühmlichen Ausnahmen in den unteren Ligen, in denen ich mich als Fußballer stets tummelte, war Herr Alt. Ein legendärer Grandseigneur der Freizeitpfeifenmänner, der in biblischen Zeiten sicher in den Richter-Chroniken erwähnt worden wäre. Einmal grätschte ich in einem A-Jugendspiel meinen Gegenspieler an der Seitenlinie um. Herr Alt pfiff. Wie von den Großen im Fernsehen abgeguckt, beschrieb ich mit den Händen einen Kreis und maulte: »Ich hab' den doch gar nicht berührt. Ich habe den Ball gespielt!« Herr Alt baute sich vor mir auf, hob den Zeigefinger und herrschte mich an: »Lügen Sie nicht, sonst sage ich es Ihrem Vater!«
Ist es verwunderlich, dass ich diese Anekdote immer wieder erzähle, obwohl sie mit meinen Heldentaten auf dem Platz gar nichts zu tun hat?

Morgen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Und heute endet diese Serie. Zehn Gebote des Spiels der Spiele habe ich Ihnen, liebe Leser, nun vorgestellt. Das elfte muss jeder für sich selbst entdecken. Am besten mit einem Ball am Fuß.

Die Serie ist erstmals als wöchentliche Kolumne zur Fußball-EM 2004 in der »Jüdischen Allgemeinen« erschienen. Sie wurde exklusiv für kolumnen.de aktualisiert und überarbeitet.



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