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09.05.02

Tobias Kaufmann

Deutschland preußisch ockerfarben

Titelseite »Das Parlament«: Thema Royals – Die Monarchien Europas

"Thema Royals – Die Monarchien Europas"

Titelseite »Das Parlament«

Götz Alsmann ist der letzte Demokrat. Es war vor diversen Jahren, in seiner TV-Sendung »Zimmer frei« war irgendjemand zu Gast und als Running Gag klingelte unten an der Studiotür Jürgen Drews. Götz Alsmann drückte dann jeweils seine Gelfrisur an den Türspion und verwehrte dem Schlagerfuzzi den ersehnten Einlass. Das war lustig. Jürgen Drews, die sexgeile Hackfresse durch eine kleine Kamera im Türspion zu sehen und Götz Alsmann, der ihm die Tür nicht aufmachte. Irgendwann versuchte es Drews mit Größenwahn. Er zitierte Rio Reiser und plärrte: »Lass mich rein, ich bin doch der König von Deutschland!« Alsmann ließ eine kleine Pause, grinste, und schrie voller Wonne in den Türsummer: »Wir sind eine Republik, du Knallcharge!« Unglaublich. Ein republikanischer Witz. Das Publikum hat sogar ein wenig darüber gelacht. Komische Zeiten damals.

Ich ziehe mich an dieser Geschichte hoch, seit Jahren, spätestens seit die Gebeine des ehemaligen Preußenkönigs Friedrich durch die Republik gekarrt wurden, um endlich in Potsdam am Schloss Sanssouci beigesetzt zu werden, bei seinen Windhunden, wie er es sich gewünscht hatte. Am Wochenende war ich mal wieder am Schloss. Es liegen Blumen auf Friedrichs Grab. Frische Blumen. Daneben standen Japaner und fotografierten. »Das passt ins Bild«, werden unsere Freunde aus Fernost gedacht haben, schließlich ist diese ganze Stadt neuerdings preußisch ockerfarben. Demnächst wird wahrscheinlich eines der Häuser in der Innenstadt mittig aufgesägt und mit einer Glasplatte verschlossen, wie Bienenstöcke im Naturkundemuseum. »Guck mal Fu Yong, da drin wohnen Menschen«, werden sich die Japaner zuraunen, mit dem Finger auf die historisch zwangsverkleideten Einwohner zeigen, um dann weiter in der Zeitungsanzeige zu schmökern, in der Günter Jauch, der Vorzeige-Potsdamer, eine Comicfigur ist. Er sitzt mit den drei kleinen Schweinchen in seinem Haus und draußen steht der böse Wolf, der mit einem High-Tech-Fön versucht, das Fundament wegzupusten. Geht natürlich nicht, denn Günter Jauch wirbt für Beton. Ausgerechnet.

Nicht, dass Beton etwas schlechtes ist, man ist ja schon dankbar, dass Jauch nicht für Damenbinden wirbt. Das Problem ist, dass der Herr für die Kampagne der Zementmischer einen Haufen Kohle kassiert, die er in Potsdam großzügig verbaut. Zum Beispiel für das Fortuna-Portal. Ein sinnloses preußisches Tor, das genau vor die Nikolai-Kirche am alten Markt gebaut wird. Dafür ist Potsdam dem Jauch auch noch dankbar!

Demnächst reißt Potsdam die halbe Innenstadt auf, sogar die Straßenbahnschienen werden neu verlegt. 17 Millionen Euro soll der Spaß angeblich kosten, ein hübsches Sümmchen in einer Stadt, die turnusmäßig knapp an der Haushaltssperre vorbeischrammt. Wozu die gewählten Vertreter des Volkes von Potsdam einem vierjährigen Verkehrschaos für 17 Millionen Euro zustimmen? Korrekt geraten. Potsdam baut sein Stadtschloss wieder auf. Und damit es anschließend auch nicht leer steht, zieht vielleicht der Landtag ein. Der Brandenburgische Landtag. Ins Stadtschloss. Die Hausordnung, verabschiedet mit den Stimmen der SPD, sieht vermutlich unter anderem vor: »Beim Hineintreten in den Hauptsaal verneigen sich die Volksvertreter vor dem Gemälde 'Friedrich beim Flötenspiel'. Die Damen zelebrieren einen Knicks. Wer die Respektbekundung verweigert, dem wird vom Ministerpräsidenten ein Apfel vom Kopf geschossen, vorzugsweise mittels eines preußischen Vorderladers mit aufgepflanztem Bajonett.«

Ist dieses Land komplett wahnsinnig geworden? Oder ist es gar auf dem Wege der Genesung? Deutschland ist offenbar wie dieser Ring in Tolkiens Herrn der Ringe. Es hat einen eigenen Willen, es strebt nach Größe, so wie der Ring zu seinem Erschaffer Sauron strebt. Ausgerechnet die Sozis haben dem dicken Helmut den Ring weggenommen und immer, wenn die Knallschargen des Kaisers heranreiten, steckt sich das Kabinett den Ring auf, um sich unsichtbar zu machen. Das Problem ist: Der Ring, Deutschland in diesem Fall, ruft jedes Mal nach seinem Herrn. Wahrscheinlich jaulen die Windhunde in ihrem Grab. Und Schwupps! Die deutsche Marine schippert vor Abu Dabi und ARD und ZDF übertragen tagelang Königshochzeiten aus Holland. Per Satellit! Von meinen Gebühren! Danach drei Wochen Trauerberichterstattung, live aus Buckingham, nach dem überraschenden Tod der 400 Jahre alten Queen Mum.

Brandenburgs Sozialminister Alwin Ziel hat konsequenterweise neulich gefordert, das vereinigte Bundesland Berlin/Brandenburg möge doch Preußen heißen. Wegen der Toleranz und dem Tourismus. Die DVU fand die Idee auch toll. Und erst die Japaner! Drei Wochen original Dragonerkurs im Urlaubsland Preußen. Zum Abschluss zwei Tage Streckbank, damit Herr Fukujama auch garantiert als langer Kerl nach Hause kommt. In Erinnerung an die heroische Rolle Preußens beim Niederreiten der ersten deutschen Demokratie fährt ab demnächst die Buslinie 1848 vom Potsdamer Hauptbahnhof direkt bis ans Ende der Republik. Und dort begrüßt uns Jürgen Drews, der König von Deutschland, die Plastiktitten seiner Ramona in der Linken und das Zepter in der Rechten.

Diese Pointe erschreckt mich. Habe deshalb soeben heimlich bei Kerzenlicht in meiner Ausgabe des Grundgesetzes geblättert. Dort steht, dass wir das Recht auf Widerstand haben. Ist das Grundgesetz noch in Kraft? In diesem Falle nutze ich dieses Forum zu einem dringenden Aufruf: Hiermit gründe ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte die republikanische Wehrsportgruppe »Götz Alsmann«. Solange das verschärfte Waffengesetz noch nicht gilt, werden Beitritte von militärisch vorgebildeten Aktivisten bevorzugt behandelt.



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