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10.01.08

Tobias Kaufmann

Busch geht gar nicht

Rickeracke, krickekracke, zickezacke. Wilhelm Busch ist seit 100 Jahren tot, und überall liest man Texte über den Volksdichter und Comic-Visionär. Viele gebildete Menschen steigen dem Phänomen Busch hinterher, seiner Ironie, dem Grad an Antisemitismus in seinen Zeichnungen, dem feinen Strich und dem groben Reim. Aber wenn ich mich daran erinnere, wie ich das erste Mal mit Buschs Zeichnungen und Geschichten in Berührung gekommen bin, dann kommen mir viele dieser kritischen Würdigungen doch arg abgeklärt vor. Erwachsen. Als Kind im ausgehenden 20. Jahrhundert, sprechen wir's offen aus, fand man Busch weder lustig noch anregend, sondern nur gruselig. Brutal, furchteinflößend.

Unverständlich, dass Omas und Opas bis heute ausgerechnet diesen Band Kindern in die Hände drückten. Opas und Omas, die sich vor jedem Jungtürken in der Bahn wegducken und bei jeder Zeitungsmeldung über Handtaschenräuber seufzen, wie schrecklich doch die Zeiten geworden sind, halten Geschichten für ansprechend, in denen Hunde gefoltert, Pfeifen gesprengt und überhaupt nur grausame Dinge veranstaltet werden. Busch hatte eine schwere Kindheit, das mag sein, aber ist das ein Grund, Kinder zu erschrecken, die es leichter haben?

Die schwarze Pädagogik findet in Buschs Werken reichlich Platz, ständig werden Kinder in Wort und Bild mit dem Stock traktiert. Und zwar von vertrockneten Dorfschullehrern, nicht etwa von attraktiven Lehrerinnen in kurzen Röcken – das hätte sich der ein oder andere ja vielleicht noch gefallen lassen.

Aber Prügeln ist noch harmlos. Max und Moritz, diese beiden berühmten Intensivtäter, werden gebacken, durch die Mühle gedreht und von Enten aufgefressen. Rickeracke. Es ist erstaunlich, dass noch kein amerikanischer oder nahöstlicher Politiker, der aus Deutschland mit freundschaftlichem Zeigefinger gemahnt wird, im Antiterrorkampf die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, auf die Idee gekommen ist, mit einem Verweis auf Wilhelm Busch zu kontern. Man kann nur hoffen, dass Roland Koch im Zuge des Busch-Jubiläums nicht noch auf dumme Gedanken kommt. Was ist schon Drill im Bootcamp gegen Rickeracke? Wenn Max und Moritz ein Computerspiel wären, würde jedenfalls längst eine Verbotsdebatte durchs Land rauschen.

Gut, jetzt sind wir ja alle erwachsen und ein oller Lehrer mit Stock jagt uns keine Angst mehr ein. Aber gesagt musste es mal werden. Wilhelm Busch geht gar nicht.



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