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12.12.06

Tobias Kaufmann

Wie ich erwachsen wurde: »Eine Sammlung von Streichelspuren und Kratzern«

Rauchen hat mich nie interessiert. Ich habe kein einziges Mal an einer Zigarette gezogen. Ich war auch nur sehr selten betrunken, aber nie aus Spaß, sondern aus Liebeskummer – und bereits nach zwei Gläsern Wodka. Diskos waren mir zu laut. Bis darauf, dass ich meinem Freund Gregor in der Grundschule seine Playmobil-Pferde geklaut habe, ist meine kriminelle Karriere ein Witz: Kein Feuer geht auf mein Konto, nicht mal an einen Schulstreich kann ich mich erinnern. Ich wollte eine Zeit lang Fußballtrainer werden, davor Sozialarbeiter in einem Indianerreservat, aber seit meinem zwölften Lebensjahr hat sich mein Berufswunsch nicht mehr verändert. Entsprechend habe ich mich in der Schule verhalten: An Fächern, die mich Zeit gekostet hätten, die ich für die Schülerzeitung benötigte, habe ich nur physisch teilgenommen.

Aus Sicht eines Erwachsenen klingt das zielstrebig und vernünftig, so als sei ich sehr früh erwachsen gewesen. Aber das stimmt nicht. Meine weiche Kinderhaut war nicht abgerubbelt, weder innen noch außen. Ich war vernünftig, vorsichtig, total verträumt, glücklich und etwas schrullig – den grünen Schulranzen habe ich bis zur 11. Klasse benutzt.

Außerdem war ich ziemlich gut im Angsthaben: im Keller, vor Höhen, Horrorfilmen, Kontrollverlust, Blamagen. Vor allem hatte ich panische Angst vor dem Tod. Seit wir in der Schule gelernt hatten, dass sich eine Blutvergiftung durch einen roten Strich ankündigt, verbrachte ich Nächte damit, harmlose Kratzer zu beobachten. Mit der Pubertät aufkommende Herzrhythmusstörungen verstärkten die Panikattacken. Mein linker Arm tat dauernd weh – Herzinfarkt? Ich hörte damals gerne ein Lied von den Beatles: »It's getting better all the time« (Es wird immer besser).

Heute bin ich zweifellos erwachsen. Wie konnte das passieren? Einen glücklichen oder tragischen »Big Bang«, der diesen Prozess ausgelöst hätte, kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Das ist wohl bei den meisten Deutschen meiner Generation so. Wir werden alle älter, viele werden erwachsen, aber Spektakuläres ist nicht vorgefallen. Es gibt eine Stufe des Erwachsenseins, die einen 30-jährigen Deutschen heute nicht so ohne weiteres ereilen kann: Eine seltsame Mischung aus Härte und Verletzlichkeit, die ich in den Augen gleichaltriger Israelis gesehen habe, die drei Jahre Militärdienst hinter sich haben. Viele von ihnen fliehen vor diesem Erwachsensein, indem sie nach der Armeezeit über Monate in Nepal oder den Anden verschwinden mit Isomatte, Rucksack und Marihuana. Ich dagegen wollte und musste weder an die Front noch in die große Freiheit.

Ich bin deutscher Durchschnitt. Eigentlich ist mir nichts passiert. Ich bin Scheidungskind – das war nicht leicht, aber sicher auch nicht so einschneidend, dass ich behaupten würde, ich sei allein dadurch erwachsen geworden. Wer kommt schon durch seine Kindheit ohne Risse im Familienidyll? Erwachsen werden ist bei mir wie bei vielen anderen mehr ein schleichender Prozess gewesen, eine Sammlung von Streichelspuren, aber auch von kleinen Kratzern auf der Kinderhaut, beschleunigt durch ein paar tiefe Kerben hier und da. Manche haben wehgetan, manche habe ich gar nicht mitbekommen.

Erst im Nachhinein merke ich, wie wichtig es war, dass ich auf dem Höhepunkt der Pubertät bei meiner Mutter aus- und bei meinem Vater eingezogen bin. Das war der erste Affront, die erste konsequente Entscheidung meiner Teeniezeit.

Plötzlich wohnte ich bei einem Vater, der nicht viel Zeit hatte, mir nicht vorschrieb, wann ich ins Bett gehen sollte und sich nicht für meine Noten interessierte. Diese Freiheit war ermutigend und verlangte mir zugleich viel ab. Wo ist die Grenze zwischen Selbstverantwortung und Desinteresse? Zudem wurde ich hinterfragt. »Was hast du eigentlich gegen die CDU?«, fragte mich mein Vater eines Morgens, als ich einen Anti-Kohl-Text in der Schülerzeitung veröffentlicht hatte. Mein Vater war kein Freund von Helmut Kohl, aber meine selbstgewisse Rigorosität muss ihn provoziert haben. Wir haben stundenlang unnachgiebig diskutiert, er trieb mich zur Weißglut und zu Tränen. Aber wenn wir ein heißumkämpftes Thema ein paar Tage später wieder ansprachen, merkte ich, dass wir uns in der Zwischenzeit beide Gedanken gemacht, überprüft und auf einander zu bewegt hatten – ohne es offen zuzugeben.

Eine durchaus angenehme Kerbe war der Zivildienst in Hameln. Ich war für die Öffentlichkeitsarbeit eines Wohlfahrtsverbands verantwortlich – und für meinen Alltag. Das erste Mal eine eigene kleine Wohnung, selber einkaufen, waschen, putzen und so viel Kaffee trinken wie ein echter Mann. Wie allein ich ab und zu war, merkte ich an den Unmengen von Vanillepudding, die ich abends vor dem Fernseher verspeiste. Ich hatte damals meinen ersten Dreitagebart, erstmals seit Jahren kurze Haare und trotz Fußball ein runderes Gesicht: der Pudding.

Obwohl viel länger, haben mich aber die Monate in Hameln weniger verändert als die beiden Wochen in Brjansk. Eine Stadt im Südwestzipfel Russlands. 500.000 Einwohner. Durch die Straßen rumpeln abgewetzte Oberleitungsbusse, und auf einer Informationstafel im Zentrum wird die aktuelle Radioaktivitätsrate angezeigt. Brjansk ist die Hauptstadt einer Region, die seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl teilweise verstrahlt ist. Ich besuchte dort Fabriken, in denen riesige, heuschreckenartige Landmaschinen standen, die keiner kaufte. Die alten Kunden des Warschauer Pakts gibt es nicht mehr. Trotzdem durfte ich wegen der Gefahr von Produktspionage nicht fotografieren. Die Arbeiter kamen jeden Morgen zum Dienst, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt wurden. Ohne ihre Kleingärten und den Tauschhandel mit Menschen vom Land wären sie verhungert. Ich war in einem Waisenkinderheim in verstrahltem Gebiet, in dem die Kinder nur zwei Alternativen hatten: Leicht verstrahltes Gemüse vom eigenen Beet essen – oder unverstrahltes Garnichts. Ich war in einer Wohnanlage für Umgesiedelte und im Kinderkrankenhaus mit den kleinen, blassen Patienten, die für den Gast aus Deutschland ein Lied sangen.

Auch eine Art Gefängnis für straffällig gewordene Jugendliche habe ich besucht: Magere Jungs mit zerkratzten Gesichtern und großen Augen in ärmlichen Zellen. Die Justizbeamten lernten gerade die neue Zeit und bemühten sich um Freundlichkeit, Wärme und sinnvolle Beschäftigungen für die Jugendlichen. Ich schenkte einem kleinen blonden Jungen meinen Kugelschreiber und fühlte mich sehr erwachsen. Beim Rausgehen sagte mir der Anstaltsleiter, er habe dem Jungen den Kuli wieder weggenommen. Er stelle einen gefährlichen Wertgegenstand dar, denn stärkere Mitinsassen warteten nur darauf, ihn dem Kind mit brutaler Gewalt zu entreißen. Die Episode im Jugendgefängnis ist die einzige meines Brjansk-Besuchs im Februar 1996, über die ich bisher keine Zeile geschrieben habe.

Der Prozess meines Erwachsenwerdens ist eine Liste von Siegen und Niederlagen. Zu Letzterem gehören grüne Jeans, Kathi und die Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse keine Lust hat, sich von mir retten zu lassen. Ermutigende Ergebnisse meines Intermezzos als parteipolitisch engagierter Linker gibt es also nicht zu berichten. Wenn das Dogma an die Wirklichkeit stößt, muss das Dogma nachgeben – nicht umgekehrt. Diese manchmal schwer zu ertragende Erkenntnis habe ich immerhin gewonnen. Aus meiner Sicht haben viele Menschen, die viel älter sind als ich, das bis heute nicht begriffen. Politisch Ungebrochene kann ich wohl deshalb nicht ernst nehmen – sie denken wie Kinder. Oder wie deutsche Islam-Experten vor dem 11. September 2001.

Die Anschläge in New York und Washington sind eine tiefe Kerbe. Ebenso jener Tag im Dezember 2001, als ich wenige Stunden nach einem Selbstmordanschlag in der Fußgängerzone von Jerusalem stand. Fromme Helfer kratzten Blut- und Hautspuren vom Pflaster. An beiden Tagen habe ich ein Gefühl der Bedrohung gehabt, das unangenehme Eingeständnis, dass es Menschen gibt, die sich Verhandlungslösungen aller Art entziehen, ob wir wollen oder nicht. Ich nehme Anschläge islamistischer Terroristen persönlich, auch wenn sie mir nicht gelten. Und obwohl in Jerusalem ein bitterer Geschmack von beinahe hassartiger Wut auf meiner Zunge lag, gab es einen tragikomischen Moment, der ihn überlagerte. Ein orthodoxer, bärtiger Jude stand mit einem Megaphon auf seinem Balkon und sang ein zorniges Lied: Statt »Give Peace a Chance« forderte er »Give War a Chance«. Nur eine Handvoll Umstehender war derselben Meinung, und Applaus gab es erst, als zwei Spezialbeamte den Balkon enterten und den Mann in die dahinterliegende Wohnung drückten. Kann man in Frieden leben, wenn man immer nachgibt? Und kann man andererseits sich wehren, ohne blindem Hass zu folgen?

Die Geburt meiner ersten Tochter hat solche Fragen noch mal wichtiger gemacht. Sie haben einen neuen Ernst bekommen, so wie vieles andere. Im September 2004, während die Bilder von dem Massaker an Schulkindern in Beslan im Fernsehen zu sehen waren, kamen mir plötzlich die Tränen. Ich war innerhalb von Sekunden völlig aufgelöst und krümmte mich auf dem Sofa zusammen wegen etwas, was viele Tausend Kilometer entfernt den Kindern anderer Leute angetan wurde. Das wäre mir nicht passiert, bevor ich Vater geworden bin. »Sorge« klingt seitdem anders. Zu meinem Erwachsenwerden gehört durch das Wunder im Kreißsaal das Gefühl, dass da etwas oder jemand ist, das ich nicht beeinflussen kann. Als Jugendlicher empfand ich Religionen ausschließlich als Mittel, mit denen man Menschen zum Kleinmachen zwingt. Ich glaube immer noch daran, dass Menschen die Welt verändern können. Aber die Grundannahme unserer Winzigkeit in einem übergeordneten System empfinde ich nicht mehr als reaktionär, sondern als tröstlich. Inzwischen scheue ich mich nicht mehr, dieses »Es«, das größer ist als wir alle, einfach »Gott« zu nennen. Er hat diese Porzellan-Wunderwerke unter seiner Faust, die meine Kinder sind. Und ich habe das zu akzeptieren, ohne davon gelähmt zu werden.

Bin ich dadurch erwachsen geworden, dass ich Kinder habe? Nein. Aber beigetragen hat es sicher. Und zwar nicht nur, weil Kinder mit Verzicht, Verantwortung und Verunsicherung verbunden sind. Das Glück, vorbehaltlos geliebt und gebraucht zu werden, das meine kleinen Mädchen mir vermitteln, kannte ich vorher nicht. Aber die entscheidende Wende im Leben ist es nicht. Ich war ja auch vorher kein ziel- und haltloser Hallodri.

Brauchte ich eine eigene Wohnung, einen festen Job, eine feste Partnerschaft, um erwachsen zu werden? Brauchte ich den glanzvollen Glückstag, an dem ich mit meiner schönen Braut durch die Friedenskirche in Potsdam schritt – zugleich die erste Sprosse auf der Leiter Ehegattensplitting, Kindergeld, Reihenhaus? Oder sind das alles nur äußerliche Symbole einer inneren Entwicklung, ohne die man beispielsweise die Sorgen und Mühen, die zu Ehe und Familie auch gehören, gar nicht meistern könnte? Und ist das eine Garantie dafür, dass nicht doch irgendwann alles schief geht? Diesmal ohne den doppelten Boden, der Kinder schützt?

Dass ich ohne den Einfluss von Frauen nicht erwachsen geworden wäre, ist jedenfalls unstrittig. Ich bin als Ältester unter drei Jungs aufgewachsen. Mädchen waren unerreichbare, heilige, leuchtende Wesen. Die erste Freundin war deshalb wichtig für einen Kindskopf wie mich. Über Jahre hinweg habe ich Mädchen nur von ferne angehimmelt und unzählige Liebesbriefe (Gott sei Dank!) nie abgeschickt. Und plötzlich war die Schwelle weg. Da war eine, die sich verknallt hat. In mich! Jeder, der nicht wie mein Schulfreund Olli schon mit zwölf drei Mädels gleichzeitig »am Laufen« hatte, kennt die Selbstwertexplosion, die der erste echte Kuss bringt. Aber im Bett einer Frau wird man bestenfalls zum Mann, erwachsen wird man dort nicht – es ist zu weich darin.

Hart und prägend war dagegen, als diese erste Freundin mich dann nicht mehr wollte. Es hat Jahre gedauert, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich daran nicht unbeteiligt war – welcher Frau reicht schon ein Student, der bis morgens um fünf Computer spielt, während sie selbst ernsthafte Pläne hat?

Ebenso hart und noch viel prägender war der Abend, als ich einem Mädchen nach zwei Jahren Beziehung sagen musste, dass ich mich in eine andere verliebt habe. Das ist ein Moment, den Millionen junger Menschen durchstehen, manchen fällt es leicht, manchen weniger. Für mich ist dieser wenig exklusive, extrem unangenehme Moment einer der wichtigen Einschnitte in meinem bisherigen Leben gewesen. Wenn man verlassen wird, ist man wenigstens nicht schuld.

Ich glaube, zum Erwachsenwerden gehört, dass man seine Unschuld verliert – und es merkt. Dass die Kinderhaut abgeschrubbelt wird durch eigenes Versagen, eigene Fehler, eigene Entscheidungen. Durch Momente, in denen man andere Menschen verletzt, ohne daran etwas ändern zu können, weil man sich selbst verliert, wenn man niemandem wehtun will. Durch die Erkenntnis, dass man es nicht allen recht machen kann, manchmal nicht einmal sich selbst.
Erwachsenwerden ist eine Häutung. Bei manchen geht sie schnell, bei manchen dauert sie lange. Manche haben nie damit angefangen. Ich will nicht behaupten, dass der Prozess immer schön ist. Aber mit dem Ergebnis kann ich gut leben. Ich war früher dünner, weicher, geschützter. Und doch geht es mir heute besser als zuvor. Ich weiß, dass der Prozess immer weitergeht. »It's getting better all the time.« In ein paar Jahren werde ich das, was ich heute mit heiligem Ernst betreibe, vielleicht ebenso abwegig finden wie die antiamerikanischen Gedichte, die ich als 13-Jähriger geschrieben habe. Der Prozess wird irgendwann kein Fortschritt mehr sein, sondern Degeneration, zumindest körperlich. Angst vor dem Tod habe ich immer noch. Aber die Angst vor dem Leben ist weg.

Zu diesem Text: Wann ist der Mensch erwachsen? Wenn er mit 18 seine Volljährigkeit feiert? Wenn er sich erstmals hinter das Steuer eines Autos setzt? Ob Mann oder Frau, ob jung oder alt – jeder von uns hat eine andere Vorstellung davon, zu welchem Zeitpunkt und durch welches Erlebnis er selber zu einem mündigen, erwachsenen Menschen gereift ist. Die Redaktion »Moderne Zeiten« des »Kölner Stadt-Anzeigers« hat Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zeitung gebeten, sich Gedanken über ihr ganz persönliches Erwachsenwerden zu machen. Daraus ist die Serie »Erwachsen« entstanden. Hier mein Beitrag zu der Serie, erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger, 9./10. Dezember 2006.



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