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16.08.04

Tobias Kaufmann

Die zweite Babykolumne:
Guten Morgen Deutschland

»EM zieht Calvin runter«. Es ist sieben Uhr morgens. Ich starre auf den Videotext von MTV. »EM zieht Calvin runter«. Mein Gehirn schläft noch, aber der Rest muss wach sein, weil meine kleine Tochter Jael quietschfidel nach der Morgenflasche ihre Stunde mit Papa will. Ich genieße diese Stunde vor der Arbeit sehr, aber in den ersten Minuten bin ich manchmal so müde, dass ich an der Glotze kleben bleibe. Ich zappe durch die Musikkanäle, um vielleicht ein Lied zu finden, zu dem ich mit Jael tanzen kann. Sie liebt Musik. Sie hat ein Ding, das wir Lärmklotz nennen, ein Plastikquadrat voller Knöpfe und Tasten, deren Betätigung enervierendes Gedudel verursacht. Und Jael betätigt sie oft. Dann lauscht sie grinsend und wiegt ihre Schultern selbstvergessen hin und her. Heute ist der Lärmklotz aus. Wir hören den neuen Song von Kylie Minogue. Liegt es an mir, dass ich das Video nicht verstehe? Eine Frau steht im Stau. Sie steigt aus und läuft durch die Autoschlange. Manchmal tanzt sie ein bisschen oder flirtet mit einem der Typen, die in ihren Wagen sitzen. Sie klettert auf einen LKW, um sich dort lasziv herumzuräkeln. Dann springt sie in ein fremdes Auto und zieht sich um. Rotes Kleid statt enger Jeans. Wie viele Punkte in Flensburg wären das wohl?

Unter Kylie läuft ein Band mit SMS-Nachrichten durchs Bild. »Sind schon Girls aus Leipzig hier?« fragt ein »Boy13«. Keine Antwort. Wahrscheinlich sind die Girls auf dem Weg zur Montagsdemo gegen Hartz IV. Patrick fragt Natalie per SMS, ob sie ihn heiraten will. Natalie sagt Ja. Ich drücke den Videotext-Knopf.

»EM zieht Calvin runter« steht immer noch da. Jael hat ihre Arbeit aufgenommen. Richtig gelesen. Meine einjährige Tochter ist berufstätig. Bereits seit Monaten. Erst dachten wir, das Kind spielt. Aber sie ist zu gewissenhaft und zu ausdauernd dabei. Deshalb glauben wir, dass sie jobbt. Wir haben noch nichts schriftliches finden können, sind uns aber sicher, dass sie Verträge hat, mit diversen Herstellern von Spielzeug und anderen Gebrauchsgegenständen. Jael ist freie Materialprüferin. Wie oft kann man ein Mobiltelefon auf Parkettboden hämmern, bis es den Geist aufgibt? Wie viel Speichel kann es aufnehmen? Wie lange dauert es, bis ein handelsüblicher Eimer mit Bauklötzen komplett ausgepackt ist? Kann ein siebenzähniges Kind eine niesfeste Packung Tempo zerbeißen? Solchen spezifischen Fragen, die in keinem Labor simuliert werden, geht meine Tochter nach. Ich hoffe, sie verdient sich eine goldene Nase, jetzt wo der Freibetrag auf ihrem Sparbuch auf 4.000 statt 750 Euro erhöht wurde, falls wir mal Arbeitslosengeld II beziehen sollten.

Foto (Jael Kaufmann)

Siebenzähniges Kind, verdächtig ruhig.

Foto von Tobias Kaufmann

»EM zieht Calvin runter«. Der Videotext rattert durch die Seiten, auf der Suche nach der dazugehörigen Nachricht. 874, 219, 756, 412 – seltsame Reihenfolge. Jael prüft unsere Schuhe. Geschmack, Geruch, Dehnbarkeit der Sohle, Aufprallverhalten. Jetzt wird Jael von unserer Katze abgelenkt und krabbelt »Ei!«-schreiend hinter ihr her. Ich habe Zeit, darüber nachzudenken, was das wohl bedeuten mag, »EM zieht Calvin runter«. Was zum Henker heißt das? Lustig, wenn EM eine Tiefseekrake wäre und Calvin ein neues Synonym für Helmut Kohl – aber welche Krake könnte den schon mit runterziehen? Im Ernst: EM steht für Europameisterschaft, kein Zweifel. Die kann einen wirklich runterziehen. Podolski hat kaum gespielt. Zidane hat vor seinem Elfmeter gegen England gekotzt. Beckham hat nach seinem Elfmeter gegen Portugal wahrscheinlich dasselbe getan. Der Ball, den »Becks« in den portugiesischen Nachthimmel gejagt hat, soll bei Ebay einen Spitzenpreis erzielt haben. Aber wer ist Calvin?

»EM zieht Calvin runter«. Endlich, die Auflösung. Der Rapper Eminem hat in einem Fernsehstudio seinen nackten Arsch gezeigt. »Hääh?« Wer hat das gefragt? Mein Gehirn? »EM (Eminem) zieht Calvin (Koseform für Calvin Klein, neuerdings offenbar Synonym für Unterhose) runter.« Während ich hoffe, dass mich niemand sieht, wie ich da mit offenem Mund vor mich hinglotze, formuliert mein erwachtes Hirn zwei Gedanken. Erstens: »Zeit, mal wieder eine Kolumne zu schreiben.« Zweitens: »Verdächtig ruhig. Wo ist eigentlich meine Tochter?« Prompt höre ich begeistertes Quietschen, verbunden mit einem Geräusch, das nach Matsche und Metallfressnapf klingt. Ich stürze mit hochgezogener Calvin in die Küche. Zu spät. Jael hat sich einer weiteren wichtigen technischen Frage unserer Industrie angenommen: Wie lange riecht ein Kind nach Whiskas, wenn es mit beiden Händen hineingegriffen hat?

»Babykolumnen« von Tobias Kaufmann:

  1. Bob der Bär
  2. Guten Morgen Deutschland
  3. Nagenakknakk dejööööh rkjnok
  4. Häusliche Gewalt
  5. Chrissodaum
  6. Toooor!
  7. Selba!
  8. Auf Tournee
  9. Mein fremdes Kind
  10. Enthüllungen über Folterpapa
  11. Köff, Köff!
  12. Papa allein zu Haus
  13. Mussa nicha weinen!
  14. Gott und die Beinchen
  15. Passende Paprika
  16. Hesus von Köln
  17. Staatsbesuch
  18. Alles für die Forschung
  19. Ein Pferd für die Königin

Ab hier nennen wir es »Kolumnen mit der Kleinen Vorsitzenden« von Tobias Kaufmann:

  1. Mama sieht nicht schön aus
  2. Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens. Fragt sich nur, für wen.
  3. Scheckbuchdiplomatie

Solche Kolumnen sind auch in Tobias Kaufmanns Buch »Die kleine Chefin. Ein Trostbuch für versklavte Eltern«, wunderbar illustriert von Meike Haberstock, erschienen – im Eichborn-Verlag, einfach beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder im Internet bestellen, zum Beispiel bei amazon bestellen. Das Geschenk für werdende und junge Eltern!



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