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16.12.03

Tobias Kaufmann

Sportunterricht

Am Reck turnen konnte ich nie. Einmal, ein einziges Mal, habe ich einen Felgumschwung hinbekommen. Weil Herr Herrmann mich an der Hüfte griff und einfach um die Stange herumschleuderte. Herr Herrmann sieht aus wie der gleichnamige Cherusker. Er war mal Nationalspieler im Wasserball und heute ist er wahrscheinlich immer noch Sportlehrer wie damals, als er mich übers Reck warf.

Ein Sportlehrer, der aufbrauste, rot dabei wurde, die blonde Lockenmähne schüttelte, die Augen rollte und herumbrüllte: »Das werdet ihr noch früh genug erfahren!« Und dann wurde er unvermittelt wieder ganz ruhig und sagte leise und freundlich: »Ich kann es nicht leiden, wenn mich vor der Stunde jeder fragt, was wir heute machen.«

Zuletzt habe ich an ihn denken müssen, als im Film »Gladiator« die Germanen voller Vorfreude mit ihren Schilden gegen die Fichten bummerten – bis die römische Armee kam, ihnen zuerst den Wald über den Köpfen abbrannte und anschließend die Köpfe sauber von den Hälsen trennte.

Diese Barbaren sahen genau aus wie Herr Herrmann.

Davon abgesehen war er eigentlich ganz nett, sein Vater war im Vorstand von Eintracht Braunschweig, aber zugleich war Herr Herrmann auch ein typischer Vertreter jener Lehrergeneration, die das Unterfangen Sportunterricht zu einer Fortführung der 68er Revolution mit pädagogischen Mitteln machte. Dazu gehört: Populäre Sportarten sind bäh. Es ist kein Wunder, dass die deutschen Fußballer bei Vergleichen mit den formidablen Franzosen aussehen, als fehlte ihnen ein Bein, wenn Fußball – die Sportart Nummer Eins hierzulande – von Lehrern Marke Herrmann im Unterricht systematisch verteufelt wird.

Ausgerechnet ein Wasserballer (schon mal gesehen, was die Schweine unter Wasser alles anstellen?) wollte mir erklären, Fußball sei ein Antisport, aggressiv, verletzungsintensiv und – mädchenfeindlich. Stattdessen machten wir pädagogisch saubere Sachen wie Volleyball. An dieser Stelle ein Exkurs zum Thema angewandte Pädagogik.

Fußball ist ein pädagogisch sehr wertvoller Sport, denn diejenigen, die ihn nicht beherrschen, sind für die Könner riskant: Sie treten nach allem, was sich bewegt – also auch nach Schienbeinen – und fallen nicht auf Körpertäuschungen herein. Volleyball dagegen ist ein Sausport, weil diejenigen, die ihn können, die anderen entweder vollkommen außen vor lassen oder ihnen die Kuppen von den Fingern schmettern. Ähnlich dämlich war es, in der siebten Klasse plötzlich mit Basketball anzufangen. Nichts gegen diesen Sport – aber der kinetische Faschismus der Großgewachsenen ergreift spätestens beim Abschlussspiel die Macht und hinterlässt kleine, frustrierte Herumsteher. Man könnte doch mit solchen Sportarten warten, bis alle Mitspieler zumindest einen Meter sechzig hoch sind. Oder die Körbe niedriger hängen.

Apropos hängen. Schon mal an den Ringen geturnt? Mal hingeguckt, wie die Typen aussehen, die das professionell betreiben? Schultern wie Kanonenkugeln, kräftige Arme, harte Brustbeulen, Waschbrettbauch, schlanke Beine. Ich dagegen hatte von Kindesbeinen an die Figur eines Fußballers, entstanden bei unzähligen Schlachten in Parks, auf Dorfbolzplätzen und saftigen grünen Rasenrechtecken: Kräftige Beine, einen herausstehenden Hintern und darüber einen knochigen Rücken, Hühnerbrust, Strohhalm-Arme und Hals. Unten muskulös, oben muskellos. Wenn es eine körperliche Voraussetzung gibt, die sich noch weniger als Fettleibigkeit eignet, um Figuren an den Ringen zu turnen – oder sich an ihnen überhaupt in einer figurartigen Haltung zu fixieren – dann ist es diese. Trotzdem musste ich das machen, und zwar nicht, um unverbindlich ein Gerät kennen zu lernen und damit den sportlichen Horizont zu erweitern, sondern auf Note. Nach drei Doppelstunden Übung. Einfach mal gegen die Hebel- und Kraftgesetze anzuturnen hätte mich eigentlich in Physik voranbringen müssen. Fällt mir jetzt erst ein.

Eine noch größere Herausforderung für Schüler, die in Gedanken bei der Mathearbeit in der nächsten Stunde sind, ist Hockey. Die Erinnerung daran, dass wir mit zwanzig Leuten, die in ihrem Leben noch nie Hockey gespielt hatten, Plastikschläger schwingend durch eine Turnhalle in Bad Harzburg getobt sind, lässt mir immer noch die Haare zu Berge stehen. Ich weiß nicht mehr, wie viele damals rausgetragen wurden.

Natürlich kann Sportunterricht auch lustig sein. Handballtorwart spielen hat mir immer Spaß gemacht. Beim Schwimmen habe ich aus Versehen den Körper von Aline gestreift – und war sofort verliebt. Und immer wieder gern fragten wir meinen dürren Freund Christian: »Hey, was sind denn das für zwei weiße Fäden, die aus deiner Turnhose hängen? Ach, das sind ja deine Beine!«

Ansonsten ist Sportunterricht der reine Wahnsinn. Getrieben vom Ehrgeiz der Lehrplaner wird alle drei Wochen eine neue Sportart angefangen und ängstliche Kinder werden – ohne auch nur die Chance zu haben, die Angst vor hohen Reckstangen oder harten Barrenbalken zu verlieren – von den Grundtechniken bis zur Leistungsabnahme gepeitscht. Letztere erreicht, offenbar durch einen nie korrigierten Rechenfehler aus der Zeit der ideologischen Leibeserziehung, in der Oberstufe von Gymnasien ein groteskes Niveau, gerade für die Jungs. Wer als motorisch normal begabter Mensch einen Gymnasialkurs in Leichtathletik absolviert hat, weiß, wovon ich rede. Weltrekord im Weitsprung reicht knapp, um eine befriedigende Note zu bekommen. Und im Schwimmunterricht machen junge Menschen, die gerade mal paddeln können, dasselbe Programm mit wie die Cracks aus dem Verein. Es ist ein Wunder, dass nicht jedes Jahr Dutzende Schulkinder ertrinken.

Der krankhaften Leistungsfixierung steht gegenüber, dass viele meiner Schulfreunde und besonders die -freundinnen, ihre Schullaufbahn beendet haben, ohne fangen, laufen oder werfen zu können. So als sei Angst vor Bällen ein weiblicher Gen-Defekt und eine korrekte Laufbewegung ohne Einfluss auf die am Ende gemessene Zeit. Mit meinem Vater habe ich neulich Bundesjugendspiele an einer Realschule beobachtet. Ein übergewichtiges Kind lief die fünfzig Meter bei Gegenwind in einem ballonseidenen Trainingsanzug und Basketballtretern. Allein das Outfit kostet Pi mal Daumen fünfzehn Sekunden. Andere sind nach der Zeit schon duschen. Trotzdem bekam der Sportlehrer, der das gegen seinen aufgeblähten Anzug und drei Kilo Schuhwerk anrennende Kind tatenlos beobachtete, am Ende des Monats sein Gehalt. Kindern beizubringen, wie man sich bewegt, bevor man sie über die Tartanbahn oder – noch schlimmer – den Schwebebalken jagt, ist den Lehrern aber offenbar zu langweilig.

Deshalb: Schulsport ist Mord. Und damit das keiner merkt, genießen die Mädchen ab Klasse Sieben den Vorteil, dreimal pro Monat wegen Regelschmerzen nicht mitmachen zu müssen. Darf ja keiner nachprüfen.

Das heißt aber nicht, dass man sich als Junge nicht auch wehren kann. Für folgende List proklamiere ich die Urheberschaft: Wenn beim Reckturnen die Notenvergabe ansteht, empfiehlt es sich, je einen grünen, einen blauen und einen gelben Buntstift an der Spitze anzufeuchten und sich sorgfältig eine schwere Verstauchung aufs Handgelenk zu malen. Verband drüber, leidenden Blick aufsetzen und »So ein Pech, beim letzten Mal konnte ich es doch schon fast« sagen. Mittelschwere Cherusker wie Herr Herrmann geben dann auf. Vorausgesetzt, man ist nicht so dämlich, und stellt sich beim Kicken in der nächsten großen Pause ins Tor.



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