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17.10.05

Tobias Kaufmann

Günther Jauch ist noch viel dünner als Sie denken

»Duuuuu Idiooooot!« Jeden Morgen begrüßt mich mein Gehirn mit einem Schrei und einem kleinen Stromstoß. »Duuuuu Idiooooooot!« Der Text bleibt der selbe, aber die Stimmen wechseln. Montags und Dienstags ist es eher ein Zischen, mein eigenes, das ich gut von anderen Gelegenheiten kenne. Etwa, wenn ich etwas runterschmeiße oder die Tür hinter mir ins Schloß fällt, während ich die Zeitung aus dem Briefkasten hole, oder wenn ich mich dank der Schnapsidee, eine Abkürzung zu nehmen, mal wieder hoffnungslos in der Gegend verlaufen habe, in der ich seit Jahren wohne. Mittwochs und Donnerstags klingt der Vorwurf etwas nöhlig. Gattinnenhaft. Wie Süße, wenn sie etwas an mir zu mäkeln hat, aber zugleich mit einer gewissen Schärfe, die von einem kleinen textlichen Wurmfortsatz herrührt. »Duuuuu Idiooooot, Du hast unser Leben verpfuscht.« Am Wochenende fetzt die Stimme meines lieben Kollegen Hannes Stein durch meine Meridiane. Etwas britisch, etwas schrill, etwas pikiert. Es ist ein »Duuuuu Idiooooot!« mit hochgezogener Augenbraue und dem vernichtenden politischen Nachsatz »Und du willst Pro-Amerikaner sein?«

Nach dem morgendlichen Vorwurf schlurfe ich ins Bad. »Trottel« sagt der Spiegel zu mir. Er sagt das nicht, weil ich wieder mal meine absolute Unfähigkeit bei alltäglichen Tätigkeiten nachgewiesen hätte. Ich kann mich zum Beispiel nach dem Duschen stundenlang gewissenhaft abtrocknen und trotzdem merke ich jedesmal erst beim Anziehen, dass mindestens eine Körperregion noch nass war. Eine feuchte Stelle am hinteren Oberschenkel, ein verborgenes Wassereservoir unterm Fuß, eine Lache zwischen den Schulterblättern – irgendwo sifft es immer in die neue Hose, das faltenfreie Hemd, die frischen Socken. Ich kann mich auch nicht rasieren, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich kann staubsaugen, das ganze Bad unter Wasser setzen, scheuern und putzen – immer kommt Süße anschließend ins Bad, pickt eine bis dahin unsichtbare Bartstoppel aus dem Waschbecken und fragt höhnisch: »Na, hast Du Dich rasiert?« Dann tippt sie mir an einer Stelle ins Gesicht, die ich heute besonders gründlich geschoren habe, und sagt: »Du hast da noch was vergessen.« Von der Tatsache ganz zu schweigen, dass ich nichts eingießen kann, ohne zu kleckern und keinen Zucker – genau genommen, kein wie auch immer geartetes Pulver – in eine Tasse geben kann, ohne etwas zu verstreuen.

Aber ich bin nicht der einzige Mann, der in dieser Hinsicht unerklärliche Schwächen hat. Man gewöhnt sich daran. Die jeden Morgen wiederkehrende schmerzhafte Assoziationskette in meinem Kopf hat damit nichts zu tun. Sie lautet: »Duuuu Idioooot! Jefferson. Thomas Jeeefffffeeeerson. Nicht Franklin. Sechzehntausendeuro. Sechzehntausend. Mindestens. Du hättest Hannes Stein anrufen sollen. Trottel.«

Dann seufze ich und zwinge mich, mir zu glauben, dass ich nicht schuld bin. Günther Jauch ist schuld. Und Benjamin Franklin. Und das Computerspiel »Day of the Tentacle«. In dessen Eingangssequenz pümpeln zwei Tentakel durch eine Lucas-Arts-Comiclandschaft, was sich ungefähr so anhört: Nopf, nopf, nopf. Sie halten genau dort an, wo giftige Abwässer in ein Bächlein eingeleitete werden. Einer der Tentakel beginnt, alle Warnschilder ignorierend, an der ekelhaften Brühe zu nippen. Den folgenden Dialog haben Alexander Zwarg und ich in der 11. Klasse häufig in der kleinen Pause mit verteilten Rollen rezitiert. »Oh, I'm thirsty.« »I don't think you should drink that. It looks bad for you.« »Aaaaah. It makes me feel smarter. More aggressiv. I feel like I could ... (Plupp! Plupp! Dem bisher armlosen, Riesensaugnapfartigen Monster wachsen zwei Tentakelstummel aus dem blauen Körper), like I could, ... TAKE ON THE WORLD!« »Uhhh!«

Screenshot »Day of the Tentacle«

Screenshot »Day of The Tentacle«

Screenshot »Day of the Tentacle«

Screenshot »Day of The Tentacle«

Screenshot »Day of the Tentacle«

Screenshot »Day of The Tentacle«

In dem Spiel, das dann begann, musste man den Verfassern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung helfen. Und der federführende Autor in dem Spiel war zweifellos Benjamin Franklin. Nun ja, fast zweifellos, denn der Herausgeber von kolumnen.de ist der Meinung, federführender Autor in dem Spiel sei gar nicht Benjamin Franklin gewesen, sondern Thomas Jefferson, jener Jefferson, dessen Namen Hannes Stein so distinguiert ins Telefon rief, als ich ihm sagte, ich hätte Günther Jauch gegenüber behauptet, der Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sei Benjamin Franklin gewesen, der in Wahrheit allerdings nur Mitunterzeichner war – und das alles bei der Sechzehntausendeurofrage, bei der man entweder 16.000 Euro sicher hat oder auf 500 Euro zurückfällt, weswegen man unter keinen Umständen zu Günther Jauch sagen sollte »Ach was, ich zocke, Benjamin Franklin«, wenn man noch zwei Joker hat, darunter den Telefonjoker Hannes Stein, der Amerikanistik und Anglistik studiert hat und Pro-Amerikaner ist und die Frage nach dem Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung schon ins Telefon gebrüllt hätte, wenn ich bei der Frage bei Unabhängigk...« angekommen wäre.

Ein langer Satz. Ein sehr langer Satz, weil er sich ewig um den finalen Punkt herumgedrückt hat. Denn der finale Punkt legt die grauenhafte Wahrheit offen, die ich dem Leser am liebsten verschweigen würde. Die Wahrheit ist immer konkret, habe ich in der Journalistenschule gelernt, und selten war eine Wahrheit so konkret wie diese: Tobias Kaufmann aus Berlin hat bei »Wer wird Millionär« mitgemacht. Er hat es in die Mitte geschafft, weil er als einziger »die folgenden Flüsse aufsteigend nach der Anzahl ihrer deutschen Anrainerbundesländer« ordnen konnte: Neckar, Rhein, Elbe, Donau. (Achtung, dies ist nicht die korrekte Reihenfolge. Sie haben 15 Sekunden, Tobias Kaufmann zu übertreffen.) 16.000 Euro waren das familieninterne Ziel der Mission. Bis dahin: Zocken verboten. Er hat sich also zügig durch die ersten Fragen gespielt, ein, zwei kleine Gags gemacht, so getan, als sei er nicht nervös. Und dann, als er wirklich nicht mehr nervös war, weil er sich sicher fühlte, brach er ein, genau wie der sprichwörtliche Esel, der aufs Eis geht, wenn's ihm zu wohl wird. Er hatte bei der 16.000-Euro-Frage steif und fest behauptet, Benjamin Franklin sei der Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gewesen. Ja, genau, der Erfinder Franklin. »Nicht absichern?« fragt Günther Jauch. »Ach was, ...«

»Wer wird Millionär?«

Fotos aus der Sendung »Wer wird Millionär?«

»Wer wird Millionär?«

Foto aus der Sendung »Wer wird Millionär?«

Diiiiüüüüüüüüüng. Sirene. Grelles Licht. Günther Jauch erklärt Tobias Kaufmann, dass Franklin zwar Mitunterzeichner war, das war ja schon ganz richtig, aber Hauptautor war Thomas Jefferson. Tobias Kaufmann tut so, als nehme er sein Versagen ganz locker. Er macht einen kleinen Witz auf Kosten von Günther Jauch, der später herausgeschnitten wird, und sagt dann, von dem Geld werde er seiner Frau etwas zum Anziehen kaufen und sich selbst ein Trikot des 1.FC Köln. Gesinnungsjubel im Studio. Ein Foto noch mit Günther Jauch. Er sagt irgendwas von »In Würde ausgeschieden«. Aus. Leere. Selbsthass.

»Wer wird Millionär?«

Foto aus der Sendung »Wer wird Millionär?«

»Wer wird Millionär?«

Fotos aus der Sendung »Wer wird Millionär?«

Ich rufe meine Telefonjoker an, um ihnen zu sagen, dass sie nicht länger warten brauchen. Alle wissen Jefferson. Hannes Stein schreit bei »Unabhängigk...« ins Telefon: »Jefferson! Duuuu Idioooot! Warum hast Du mich nicht angerufen? Und du willst Pro-Amerikaner sein?«
Süße sagt: »Duuuu Idioooot! Wir hätten 16.000 Euro haben können.« »Ich weiß«, sage ich voller Selbstmitleid und fahre Aufmunterung heischend fort: »Ich habe unser Leben verpfuscht.« »Das hast Du allerdings«, sagt Süße, ohne Ironie in der Stimme. »Duuuuu Idioooot!« denke ich viermal pro Minute, als ich im Hotelzimmer liege. Nur mein Bruder, der als mein Begleiter im Studio saß, findet, dass ich gut war. Er hätte auch Franklin gesagt, wegen »Day of the Tentacle«. Außerdem wäre er fast an einem Herzinfarkt gestorben, als die Kamera ihn anleuchtete und Günther Jauch ihn auf sein »Glück auf! Bochum«-Sweatshirt ansprach. »Sind Sie VfL-Fan?« Hypernervöses Kopfschütteln. Mein Bruder hält zu Borussia Mönchengladbach. Niemand ist perfekt.

Günther Jauch zum Beispiel. Er ist noch viel dünner als Sie glauben. Geholfen hat er mir auch nicht. Die Produktionsfirma hat mir das Foto als Erinnerung zugeschickt, mit Autogramm, aber ohne Telefonnummer und erst recht ohne den Hinweis: »Ich möchte gern Ihr Freund sein. Ich schenke Ihnen die fehlenden 15.500 Euro, weil ich weiß, dass Sie sonst jeden Morgen von Ihrem Gehirn mit Vorwürfen geweckt werden. Herzlichst, Günther Jauch.« Kalte, unpersönliche, zynische Fernsehwelt. Vielleicht sollte ich es nochmal bei Jörg Pilawa versuchen.

Foto mit Autogramm von Günther Jauch

Foto mit Autogramm von Günther Jauch



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