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20.07.05

Tobias Kaufmann

Jedes Schwein ruft mich an.
Wie wir ins Visier der Telefonmafia gerieten.

Als Herr Namevernuschelt zum ersten Mal anrief, und mich fragte, ob ich bei einer kleinen Umfrage mitmachen würde, fühlte ich mich geschmeichelt.

»Endlich werde ich mal gefragt«, dachte ich. Denn mich fragt ja nie einer. Kein Wunder, dass die Ergebnisse der politischen Meinungsumfragen in Deutschland oft so desaströs sind. Ich erwartete, dass man mich nun um meine Ideen zur Rettung des 1.FC Köln oder zur Lösung des Nahostkonflikts bitten oder mir wenigstens die Sonntagsfrage stellen würde. Pustekuchen. Es ging um meine persönliche Internetnutzung. Es sollte auch ganz bestimmt nur ein paar Minuten dauern. »Mmmh, okay«, sagte ich. Dann begann das Verhör. Wie alt ich sei, wieviel ich verdiente, ob und wieviele Kinder in meinem Haushalt lebten, was ich von Beruf sei... Ich gab Auskunft über Auskunft, warum auch nicht, so eine Umfrage ist ja anonym. Oder? »Soweit vielen Dank, Herr Kaufmann, und nun zu den eigentlichen Fragen...«, sagte Herr Namevernuschelt. Als ich zwanzig Minuten später auflegte, hatte ich eine Million Fragen zu einem Thema beantwortet, das mich nicht interessiert. Ich wusste nicht, was mit den Daten und meinen Antworten passieren würde, und gewonnen hatte ich auch nichts. »Wer war's?« fragte Süße aus der Küche. »Umfrage« brummte ich.

Seit diesem Tag muss ich oft an ein Bettlaken denken, das ich vor einigen Jahren in der Innenstadt von Potsdam an einem Balkon hängen sah. Darauf stand: »Ja, ich werde gerne von Touristen nach dem Weg gefragt«. Daran denke ich, wenn bei uns zu Hause abends das Telefon klingelt. Denn seit mich die Armee der ungebetenen Anrufer ins Visier genommen hat, ist ans Telefon gehen bei uns eine riskante Angelegenheit. Ungefähr jedes dritte Mal ist jemand dran, den wir kennen. In allen anderen Fällen meldet sich ein Herr oder eine Frau Namevernuschelt, und fragt, ob wir nicht an einer Umfrage teilnehmen wollen. Es ist, als hätten wir ein Bettlaken aus dem Fenster hängen, auf dem steht: »Ja, ruft mich alle an und geht mir auf die Nerven!« Aber aus unserem Fenster hängt nichts. Wir haben keinen »Bitte Werbung!«-Aufkleber auf dem Briefkasten. Wir stehen nicht im Telefonbuch. Trotzdem erwischt es uns immer wieder. Nicht nur, dass diese Anrufe stören und das Gefühl hinterlassen, man habe sich Leuten anvertraut, die Datenschutz nicht überbewerten. Manche Anrufer sind schlicht kriminell.

Neulich wollte mich eine freundliche Dame am Telefon für ein befristetes Sparangebot einer angeblich staatlichen Lottogesellschaft aus Düsseldorf begeistern. Es klang günstig und überzeugend, bis die Dame an die vollkommen unverbindliche Zusendung des Lottoscheins eine winzige Bedingung knüpfte. Sie müsse jetzt sofort meine Bankverbindung notieren. Das klang mir doch nicht ganz staatlich, also bat ich die Frau, mich in ein paar Minuten nochmal anzurufen, damit ich die Kontonummer suchen könne. Stattdessen suchte ich bei »Google«– und war sofort mittendrin, in einem Konsumenten-Horrorszenario. Tenor: Auf keinen Fall Kontodaten am Telefon herausrücken! Diese nicht einmal halbstaatliche Lottogesellschaft bucht ungefragt und illegal eine dreistellige Summe ab, noch bevor sie die unverbindlichen Unterlagen überhaupt in den Umschlag gesteckt hat. Als die Dame kurz darauf wieder anrief, habe ich sie vom Ergebnis meiner Recherchen in Kenntnis gesetzt. Sie wirkte nicht einmal wütend, als ich auflegte.

Andere sind weniger einsichtig. Deshalb eine Bitte: Wenn Sie jemand anruft und Sie fragt, ob Sie Steuern sparen wollen, sagen Sie Nein. Behaupten Sie, dass Sie Hans Eichel für jeden Cent dankbar sind, den er von Ihrem Konto abbucht. Lügen Sie, wie wichtig es Ihnen ist, dass Ihr Geld für sinnvolle Dinge wie Eigenheimzulage, Kohlesubventionen und den Eurofighter ausgegeben wird, und dann senken Sie die Stimme und zischen Sie eine Drohung in den Hörer: »Falls Sie mich jemals wieder anrufen sollten, dann verklage ich Sie«. Wenn Sie etwas temperamentvoller sind, können Sie gerne auch sagen: »...dann lege ich Ihnen eine Bombe unters Auto«. Egal, wie Sie's machen, wichtig ist, dass Sie ganz am Schluss, kurz bevor der Anrufer verschreckt auflegt, noch einen schönen Gruß von Herrn Kaufmann aus Berlin bestellen.

Der Grund ist folgender: Als Rache dafür, dass ich vor gut anderthalb Jahren an einer Telefonumfrage zum Thema Steuern teilgenommen hatte, bekam ich bald darauf einen Anruf, der ungefähr so verlief. »Hallo, mein Name ist Namevernuschelt von der Firma XY. Sie sind doch Herr Kaufmann?«
»Mmh.« »Sie haben bei uns an einer Befragung teilgenommen und angegeben, dass Sie ein Kind haben, Angestellter sind, soundsoviel Euro brutto verdienen...«
»Aha, schon wieder ganz anonym«, dachte ich. »...und Sie sagten, dass Sie nicht abgeneigt wären, wenn Sie etwas weniger Steuern bezahlen müssten...«, fuhr der Mann fort. »Naja, eigentlich hatte ich nur gesagt, dass die Lohnnebenkosten...« »Aber Sie hätten doch gerne mehr Geld übrig!«
»Schon.« »Dann haben wir jetzt ein ganz tolles Angebot für Sie...« Wer hätte das gedacht? Kaum gebe ich zu, dass ich mein Geld nicht komplett mit Hans Eichel teilen möchte, ruft jemand an und erklärt mir, wie das geht. Klar, dass ich darum bat, mir doch dieses tolle Angebot einfach mal zur Ansicht zu schicken.

Ich Dummerle. »Das geht leider nicht, da müssen wir schon einen persönlichen Termin vereinbaren.« »Das heißt, ich darf Ihr Angebot nur lesen, wenn jemand von Ihnen daneben sitzt?« »Genau.« Ich musste an die Szene in »Papa ante portas« denken, in der Loriot ein (sehr günstiges) Abonnement für Reinigungsbürsten abschließt, weil er sich gegen die beiden Vertreter nicht durchsetzen kann, die ihm gegenübersitzen.

Ich bin genauso. Um diese Leute wieder loszuwerden, würde ich fast alles unterschreiben. Das letzte tolle Angebot, das mir ein Mann an der Tür aufschwatzen wollte, war eine Beteiligung an einem Krankenwagen. Ich war gerade dabei, die Wohnung zu streichen, und antwortete wahrheitsgemäß, ich hätte wirklich keine Zeit. »Es geht ganz schnell«, sagte der Mann. Seitdem bin ich Mitglied im Arbeiter-Samariter-Bund. Ich hätte auch längst eine Einzugsermächtigung zum Schutz von Dosenthunfischen unterschrieben, wenn ich über die Verbrecher vom Deutschen Tierhilfswerk nicht zufällig schon vor Jahren einen Fernsehbericht gesehen hätte. »Unter diesen Umständen bin ich nicht interessiert«, sagte ich also tapfer zu dem Steuersparexperten am Telefon.

Zwei Tage später rief er wieder an. Derselbe Text. »Ich hatte doch schon gesagt, dass ich nicht interessiert bin«, sagte ich, betont ruhig. »Aber warum denn nicht?« jammerte er. Ich blieb hart. Eine Woche später erneut so ein Anruf. Ein anderer Mitarbeiter, aber dieselbe Fima. »Sie sind doch Herr Kaufmann?« »Ja, und ich will Ihr Steuersparmodell nicht!« Süße und ich hatten diese Diskussion mit wechselnden Gesprächspartnern noch etwa 27 Mal. Dann wurde ich ein wenig ausfällig und verwendete böse Wörter. Eins davon war Anwalt. Seitdem haben die Brüder tatsächlich nicht mehr angerufen. Nur ab und zu bekomme ich noch eine SMS von Biggi, die es mir für 1,86 Euro pro Textmessage tabulos besorgen will. Aber die muss dafür wenigstens nicht zu uns nach Hause kommen.



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