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22.01.03

Tobias Kaufmann

Kleinmut für Öl

Auch Wildschweine haben eine Seele. Das behaupten zumindest die Jagdgegner, die jeden zweiten Samstag im Monat auf dem Kurfürstendamm demonstrieren. Oder jeden ersten Samstag? Jedenfalls immer dann, wenn nicht gerade – »Herr Schröder! Herr Wowereit!« – die Maueropfer mahnen. Oder wechseln die Jagdgegner mit ihrem Wildschweintransparent sich doch nicht mit den Maueropfern ab, sondern mit den Sekten-Chinesen, die auf dem Weg der Erkenntnis von Regierungschinesen aufgehalten werden? Oder stehen die unter den Linden und teilen sich den Platz mit den Kurden? Genau weiß ich nur, dass vor einiger Zeit am Weltvegetariertag junge Menschen fleischlos in Mohrrübenkostümen vor »Kentucky fried chicken« herumgestelzt sind. In Berlin ist Demo. Überall, jederzeit, von jedem. Koreaner vor der amerikanischen Botschaft. NPD am Brandenburger Tor. PDS bei Liebknecht und Luxemburg. Und alle zusammen in der ganzen Stadt gegen den großen Krieg, der immer noch nicht stattgefunden hat. Oder doch? Fängt Krieg nicht in den Köpfen an? Schade, dass Ulli Wickert diese Frage Günter Grass nicht gestellt hat, als er kürzlich im Studio der Tagesthemen herumsitzen durfte und uns erklärte, dass es Bush im Irak nur um Öl geht. Vielleicht hat Wickert die Frage aber auch gestellt und ich habe es nur nicht gesehen, weil ich nach dem ersten Satz von Günter Grass weiter geschaltet habe. Auf Vox lief Werbung und das ist immer noch besser als diese ewige Einstellungsspornografie. Jeder demonstriert. Man ist nicht mehr einfach nur dick, sondern man trägt ein T-Shirt, auf dem steht: »Dünne sind nur zu doof zum Essen!« Man ist nicht einfach wahnsinnig, sondern man erzählt mir von seinem riesigen Flat Erik, der gelben Levis-Werbepuppe, die man zu Hause angenagelt hat. Nicht einfach an die Wand, wohlgemerkt, sondern ans Kreuz. Selbst gebastelt, zwei Meter hoch. Was ist mit den Deutschen los? Ein Typ, der singt wie ein Frettchen, tanzt wie eine Ente am Krückstock, aussieht wie ein Zwölfjähriger nach drei Wochen Keuchhusten und so gehirnbefreit ist, wie ein durchschnittlicher Berliner Privatradiomoderator, ist auf dem besten Wege, bei »Deutschland sucht den Superstar!« zu gewinnen. Und ein Spieler aus meiner Fußballmannschaft, der Jude ist, sagt: »So sind die Deutschen. Jeder kann sein wie er will. Wenn er verrückt ist – okay.« Seit wann sind die Deutschen so? Und sind sie auch noch so, wenn man die Irren nicht in ihrem Fernsehen, sondern in ihrem eigenen Vorgarten rumstehen würden. Wetten, dann nicht? Und weil das so ist, besteht der wahre Widerstand darin, einfach in Ruhe zu Hause Fußball zu gucken. Ich werde mir die Siegesserie des 1.FC Köln nicht vom Irakkrieg vermiesen lassen.

»Du wirst einfach alt und spießig«, würden die Kommilitonen dazu sagen, nachdem sie zwanzig Minuten zu spät ins Seminar gelatscht sind und die nackten Füße auf dem Tisch gebettet haben. Sie werden sagen, es ist normal, dass ich spießig werde, weil Süße mir dieses »Vati ist der Beste«-Lebkuchenherz vom Weihnachtsmarkt mitgebracht hat, um mir zu sagen, dass der letzte Schwangerschaftstest positiv war. Ok. Ich werde Vater. Na und? Habe ich deswegen etwa eine Demo angemeldet? Die Friedensfreunde haben auch Kinder. Und zwar reichlich. Das schützt sie nicht davor, über alles Bescheid zu wissen. Sie können den 11. September mit dem Welthunger erklären, den Krieg mit Ölhunger und Selbstmordattentate mit Achselzucken. Günter Grass glaubt ihnen. Ich nicht. Weil sie mir den Unterschied nicht erklären können, zwischen den Palästinensertüchern der Antifa und den Palästinensertüchern, die um die Hälse der Neonazis hängen. Wenn ich sehe, wer alles weiße Bettlaken gegen den Krieg aus dem Fenster hängt, muss ich mich zusammenreißen, kein Bettlaken zu hissen, auf dem steht: »Schmeißt Atombomben auf Bagdad!« Neulich war Demo vor unserem Karstadt in der Turmstraße. In diesem Karstadt gibt es – so die Werbung – auf jedes Kleidungsstück, »das mit einem gelben Stern gekennzeichnet ist« dreißig Prozent Rabatt. Vor diesem Karstadt also, in dem jetzt endlich ernst gemacht wird mit Wiedergutmachung, war die Straße halbseitig gesperrt. In der Ferne sahen wir die Demonstranten gerade noch entschwinden, eine rote Fahne mit einem Bild von Che Guevara wehte über ihnen. »Nanu«, sagte ich, »wofür demonstrieren die denn?« »Ist mir egal. Hauptsache, es hat keinen negativen Einfluss auf den Busverkehr«, sagte Süße. Wir sind die Speerspitze der Revolution.



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