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23.09.02

Tobias Kaufmann

Wie Hannes und ich die DDR ins Wanken brachten

Warum die Mauer 1989 wirklich fiel.

Dass die Sonne im Osten auch schien, fand ich nicht überraschend. Ich war kein DDR-Hasser. Was mich wunderte, war, dass wir über Ronnies Honecker-Witze nicht lachen konnten. Es waren die gleichen, die wir uns im Westen über Helmut Kohl erzählten.

Wir besuchten die DDR im Sommer 1989. Ich kannte sie nur als das Land, das Spaziergänge in den Wäldern und Wiesen nahe unseres Wohnortes Bettingerode im Zonenrandgebiet mit dem Schild »Vorsicht! Zonengrenze!« abrupt enden ließ. Meine beiden jüngeren Brüder und ich haben damals viel Phantasie in ausgeklügelte Strategien gesteckt, wie man wohl eine automatische Selbstschussanlage austricksen könnte – ohne zu wissen, was wir drüben eigentlich gewollt hätten. Jedenfalls nicht an kirchlichen Treffen mit Jugendlichen in Veckenstedt in Sachsen-Anhalt teilnehmen, wie an jenem Wochenende. Ich hätte viel lieber in Ruhe Fußball-Bundesliga im Radio gehört. Aber unter ostdeutschen Apfelbäumen war nichts zu machen. Mein Walkman empfing keine ARD-Schlusskonferenz. Nur das gleichmäßige Rauschen des Warschauer Pakts.

Als Trost gab es im Jugendzentrum kistenweise DDR-Maracujalimonade in 0,2-Literflaschen. Die beste Limonade, die ich je getrunken habe: süß, fruchtig, künstlich. Warum gibt es die heute nicht mehr? Es steckt eine Coca-Cola-Verschwörung dahinter, fürchte ich.

Als wir zurückfuhren, hatten wir die Taschen voller Adressen, an die wir schreiben und vor allem die »Bravo« schicken sollten. Drüben dachten sie wohl, Kindheit in Westdeutschland sei so wie in der »Bravo«. Quatsch. Meine Kindheit in Westdeutschland fand auf Fußballplätzen statt oder bei Phantasie-Schlachten der vereinigten Indianerheere im Braunschweiger Museumspark. Kohl lag wie lähmender Nebel auf dem Land und die große Politik zog sich Mitte der 80er ins Kleine zurück: In Frauencafés, in denen scheidungswillige Frauen wie meine Mutter darüber abstimmen ließen, ob wir drei Brüder schon als Männer zu gelten und somit draußen zu warten hätten. Keiner von uns dreien las »Bravo«. Die Phase zwischen jener, in der wir bunte Kaugummi-Kugeln für einen Groschen aus kleinen, roten Automaten zogen und jener, in der wir begannen, Tagesschau zu gucken, müssen wir wohl ausgelassen haben. Gleichaltrige mit den Teeny-Blättchen beglücken zu können, war deshalb ein großartiges Gefühl an jenem Tag, an dem ich ein Verbrechen beging und an dem mein kleiner Bruder Hannes unser aller Leben riskierte, weil er alles nachmachen musste.

Ich sammelte Münzen, und die leichten, silbrig glänzenden Aluminium-Markstücke der DDR kamen mir so exotisch vor, dass ich einfach einige entführen musste. Das war natürlich verboten. Ich hatte viel gehört von Bautzen und Arbeitslagern in Sibirien, deshalb schob ich die Münzen in eine Packung Tempo-Taschentücher. Selbst James Bond wäre nichts genialeres eingefallen. Zwischen den Tempos lagen die Markstücke absolut unverfänglich, blickdicht – und klimpersicher.

Hannes sammelte neuerdings auch Münzen. Im Gegensatz zu mir war er überhaupt nicht nervös, als die Grenze näher kam. Manchmal frage ich mich, ob Hannes jemals nervös ist. Er ist ein richtiges Sonnenscheinchen. Ich dagegen war ziemlich gut in Angst. Ich hatte Angst vor hohen Türmen, vor tiefem Wasser, vor Spritzen, vor Hunden, vor dem Keller, vor Kernkraftwerken, vor dem Atomkrieg.

Als wir am Grenzposten um das Auto herumstanden, hielt ich mit feuchten Fingern die Tempo-Packung in der Hosentasche fest. Der Grenzer, der uns hatte aussteigen lassen, guckte in die Pässe und unter den Wagen. Und dann guckten wir beide, der Vopo aus dem Osten und ich, gleichzeitig durch die Seitenscheibe ins Innere. Nichts verdächtiges zu sehen. Auf dem Rücksitz lagen Münzen.

Münzen?

Oh Gott! Fünf Stück. Fein säuberlich und gut sichtbar. DDR-Geld. Schmuggelware! Dem Trottel Hannes beim Aussteigen aus der Tasche gerutscht. Ich sah uns schon in Bautzen an der Wand stehen. Würden die Hannes von uns trennen oder gleich die ganze Familie umbringen? Schließlich sahen wir bei diesen Grenzkontrollen zum ersten Mal im Leben richtige Soldaten von Angesicht zu Angesicht. Keine von der Bundeswehr, die ja damals gar nicht durfte und keine GIs, die mit ihren Fahrzeugen die Autobahn stauten und erst recht keine Belgier. Ich habe nie verstehen können, was um Himmels Willen Belgier in der Kaserne ein paar Kilometer von Opas Haus zu schaffen hatten. Ich fühlte, diese DDR-Soldaten waren anders. Sie meinten es offensichtlich ernst. Fast hörte ich die Schritte des Erschießungskommandos, die von den Mauern des Gefängnishofes hallten. Diplomatische Verwicklungen würde es geben. Vorher. Vor allem danach. Vielleicht würde sogar der Atomkrieg ausbrechen, und das nur, weil Hannes alles nachmachen musste.

Es ist, wie jeder ahnen kann, nicht so weit gekommen. Wir wurden nichtmal verhaftet. Es interessierte sich genau genommen niemand für Hannes Münzen. Im Nachhinein betrachtet war dies vielleicht ein Fehler. Hatte Hannes mit einem Schlag das ganze lückenhafte System entlarvt?

Ein paar Monate später ging der DDR erst das Volk aus und dann die Luft. Wir haben in unserer Gegend die Tore mit aufgemacht und bekamen dafür Anstecker, die uns zu guten Patrioten beförderten: »Grenzöffnung Eckertal / Stapelburg – ich war dabei.« Heute liegen die Dinger verschämt irgendwo im Keller.

Jedenfalls waren sie plötzlich da, die Brüder und Schwestern aus dem Osten, und wir haben uns gefreut, obwohl sie alles verkehrt machten. Sie kauften die »Bravo«, außerdem Mikrowellen und Bananen. Im fünf Kilometer entfernten Bad Harzburg wurden Bananen so teuer, dass der Vater meines besten Freundes Oliver, der beim Landkreis arbeitete, Wucher-Vorwürfe bearbeiten musste. Und der Pastor von dem Jugendtreffen in Veckenstedt, der eigentlich unser Freund war, gestand meiner Mutter bei einem Gartenspaziergang Ende 1990, er habe CDU gewählt. Schlimmer war da nur, dass es in Bettingerode laut geworden war. Direkt vor unserem Haus donnerte der Ost-West-Verkehr vorbei. Deshalb sind wir auch weggezogen. Mein Westdeutschland waren Kaugummikugeln, Fußball und Helmut Kohl und es endete an einem Zaun mit Warnschild. Und irgendwann muss es verloren gegangen sein. Beim Umzug vielleicht. Genau wie die DDR-Münzen verloren gingen, weil Hannes nicht mehr auf sie aufpasste. Er sammelt jetzt Mineralien.



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