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25.07.05

Tobias Kaufmann

Mechthild und der Ziegenpeter Schnerson

Auch ein Van mit sieben Sitzen kann klein sein. Zum Beispiel, wenn man zu acht ist. Vor einiger Zeit absolvierten Süße und ich eine sechsstündige Touristentour durch Brooklyn in so einem Auto. Gelenkt wurde es von Onkel Hermann. Er nennt sich selbst so – ein eingewanderter Österreicher, der grundsätzlich alle Männer Ziegenpeter nennt und alle Frauen Zicken, außer seinen Fahrgästen. Die heißen Herr Professor, Frau Professor oder einfach Haserl. Onkel Hermann kennt vor allem das jüdische Brooklyn wie seine Westentasche. Mit uns auf Tour waren ein Herr Professor und zwei Haserl aus dem Vorarlberg, die meist schwiegen und sich ab und zu in einer unverständlichen Sprache zu Wort meldeten. Und dann waren da noch Mechthild und Jürgen aus Bochum. Mechthild hat es am Rücken, aber sie hielt es die ganze Zeit mit Märtyrerblick auf einem Campingstuhl aus, den Onkel Hermann als achten Platz in seinen Siebensitzer gequetscht hatte. Auf der Fahrt von Manhattan nach Brooklyn schimpfte Onkel Hermann erst über Hillary Clinton und sang anschließend lauthals die amerikanische Nationalhymne. Es ist dasselbe Phänomen wie bei den ehemaligen Rauchern, die zu den militantesten Nichtrauchern werden: Die Übergetretenen sind oft die Religiösesten und Einwanderer neigen zu besonders tiefem Patriotismus. Im Falle der USA kann ich das sogar verstehen. Auch ich habe mich sofort in New York verliebt. Eine Stadt, in der Menschen absolut frei sind und trotzdem ohne sich Vorzudrängeln in geordneten Schlangen vor den Kassen in Kaufhäusern stehen, die stets mit freundlichem, hilfsbereiten Personal gefüllt sind, muss einem als Deutschem einfach ans Herz wachsen. Während in New York lächende Polizisten mit Gummibändern und Metallständern dafür sorgten, dass wir als Touristen erst einen geöffneten Einreiseschalter und dann den Ausgang fanden, standen wir in Frankfurt am Main eine Dreiviertelstunde lang bewegungsunfähig mit tausend anderen Menschen, die wie eine Blase Plankton mal zu diesem, mal zu jenem geschlossenen Schalter gepült wurden, in einer winzigen Halle und schwitzten. Es ist mir schleierhaft, mit welchem Recht sich ausgerechnet die Deutschen Eigenschaften wie Disziplin, Übersicht und Organisationstalent ans Revers heften können. Onkel Hermanns Gesang war verstummt, während ich dies dachte.

In Williamsburg, dem von Manhattan aus ersten jüdisch-orthodoxen Viertel Brooklyns, begann Mechthilds große Zeit. Viele Ziegenpeter mit langen Bärten und großen Hüten überquerten die Straßen. Dass die Männer sich schlicht schwarz kleiden, weil sie laut Onkel Hermann Eitelkeit ablehnen, verstand Mechthild. Warum sie alle so dicke Brillen tragen, nicht. »Sie sind kurzsichtig. Vom vielen Lesen«, sagte ich. Damit hatte ich mich als Experte geoutet. Sofort verwickelte mich Jürgen in ein Fachgespräch über das Klesmerfestival, das gerade in New York stattfand. Ob wir da schon gewesen wären, wer wann aufträte... – dabei guckte er mich an, als würde jeden Augenblick Giora Feidman hinter meinem Rücken hervorspringen. »Wir interessieren uns nicht so für Klesmer«, sagte ich, und war den Expertenstatus sofort wieder los. Aber das machte nichts, weil Mechthild einsprang. Ständig sagte sie Sachen wie »In Israel, ist es ja so...« oder »Ich wollte eigentlich nie nach Amerika, weil die Amis, die ich in Israel kennengelernt habe, so arrogant waren«. Und diese (einzige) Israelerfahrung lag schließlich erst zwanzig Jahre zurück.

Mechthild fiel nun auf, dass die Orthodoxen alle eine kleine schwarze Plastiktüte mit Sitzkissen, Gebetsschal und Tora trugen – was man so bei sich hat, wenn man aus der Synagoge kommt. »Haben schwarze Plastiktüten auch was damit zu tun, dass man nicht eitel sein darf?« Onkel Hermann tippte gegen Mechthilds eigene schwarze Plastiktüte mit Proviant. »Wahrscheinlich sind die nur praktisch.«

Wir waren ausgestiegen und schlenderten durch das Viertel der Lubawitscher, einer frommen orthodoxen Gruppierung. Ein »Mizwa-Truck«, ein Gebote-LKW, fuhr vorbei, auf den das Konterfei von Rabbi Schnerson gesprüht war. Onkel Hermann erzählte, dass der Rabbi vor Jahren kinderlos gestorben war, was einige Lubawitscher für so außergewöhnlich hielten, dass sie Schnerson, ihren geistigen Führer, als Messias ansehen. Das macht sie offenbar zu überglücklichen Menschen. Am liebsten hätten sie uns alle in die Synagoge eingeladen und ihren Familien vorgestellt. Tasächlich blieb der Herr Professor aus dem Voralberg ziemlich lange in der Synagoge, und als die Ziegenpeter ihn dann endlich wieder laufen ließen, fuchtelte er aufgeregt mit den Armen und rief: »Ich muß heute nachmittag nochmal herkommen, sie haben mich zum Gottesdienst eingeladen, und Rabbi Schnerson kommt auch«. Welches der Worte »kinderlos« und »gestorben« hatte er nicht verstanden? Er ist dann doch nicht gekommen, der Ziegenpeter Schnerson. Aber vielleicht kommt er ja zur Woche der Brüderlichkeit nach Bochum, zu Mechthild und Jürgen, mit einer schwarzen Plastiktüte.



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