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27.02.09

Tobias Kaufmann

Mama sieht nicht schön aus

Die kleine Vorsitzende ist enttäuscht. Meine fünfjährige Tochter, charismatische Regentin unseres Familienreichs, ist geschminkt und angetan wie eine Ballerina, mit Zöpfchen und rotgemalten Lippen. Aber ihre Mutter! Ist als Cowboy zur Karnevalsparty in den Kindergarten gekommen. Jeans, Sonnenbrille, Hut und sogar einen Schnäuzer hat Süße angelegt – ein großes Opfer für jemanden, der aus Niedersachsen stammt und erst 2008 seine erste echte kölsche Session miterlebte.

Ganz allein stürzt sie sich ins Kinderkarnevalsgetümmel, während ich als Shaun das Schaf den Tag in der Redaktion unter Erwachsenen verbringen darf, von denen mich einige für ein Widderkaninchen halten. Doch im Blick der kleinen Vorsitzenden ist Tadel zu lesen. »Mama«, raunt sie, und lehnt sich nah ans Ohr des Cowboys herüber. »Du siehst nicht schön aus.«

Dann spitzt die Herrscherin beleidigt die Lippen und wendet sich wieder ihren Freundinnen zu. Die Scham über den unpassenden Auftritt ihrer Mutter kann man mit Händen greifen. Wie konnte sie nur in einem solchen Aufzug hier erscheinen? Kein Rock, null Rosa, ungeschminkt. Man glaubt es nicht. Ihren Käse-Igel kann sie alleine essen.

Doch wie so oft, wenn jemand die Erwartungen der hohen Gesellschaft enttäuscht, findet auch Süße ihre Bewunderer im Volk. Das sind in diesem Fall: Die Jungs. Der halbe Kindergarten, bestehend aus Rittern, Piraten und Podolskis, folgt Mama Cowboy auf Schritt und Tritt. So eine coole Mutter. Sogar eine Knarre und Handschellen hat sie. Die kleine Vorsitzende verdreht die Augen. Jungs.

Auf dem Heimweg immerhin schmollt die kleine Vorsitzende nicht mehr. »Die Jungs fanden Dich wohl gut«, sagt sie. Dann lächelt sie und blickt aus dem Fenster. Vielleicht hat sie in diesem Moment an Kim Jong Il gedacht. Nordkoreas geliebter Führer hat neulich das Heimatdorf seiner Mutter besucht. Die war früher bestimmt auch total peinlich. Hatte nichts übrig für hochgestellte Haare und schöne, graue Anoraks. Aber Mama bleibt Mama – und wenn das Volk sie liebt, kann's ja nicht schaden.

»Babykolumnen« von Tobias Kaufmann:

  1. Bob der Bär
  2. Guten Morgen Deutschland
  3. Nagenakknakk dejööööh rkjnok
  4. Häusliche Gewalt
  5. Chrissodaum
  6. Toooor!
  7. Selba!
  8. Auf Tournee
  9. Mein fremdes Kind
  10. Enthüllungen über Folterpapa
  11. Köff, Köff!
  12. Papa allein zu Haus
  13. Mussa nicha weinen!
  14. Gott und die Beinchen
  15. Passende Paprika
  16. Hesus von Köln
  17. Staatsbesuch
  18. Alles für die Forschung
  19. Ein Pferd für die Königin

Ab hier nennen wir es »Kolumnen mit der Kleinen Vorsitzenden« von Tobias Kaufmann:

  1. Mama sieht nicht schön aus
  2. Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens. Fragt sich nur, für wen.
  3. Scheckbuchdiplomatie

Solche Kolumnen sind auch in Tobias Kaufmanns Buch »Die kleine Chefin. Ein Trostbuch für versklavte Eltern«, wunderbar illustriert von Meike Haberstock, erschienen – im Eichborn-Verlag, einfach beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder im Internet bestellen, zum Beispiel bei amazon bestellen. Das Geschenk für werdende und junge Eltern!



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