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29.08.09

Tobias Kaufmann

Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens. Fragt sich nur, für wen.

Die kleine Vorsitzende ist ein Schulkind. Für uns beginnt jetzt ein ganz neues Leben, sagt sie gewichtig. Mit »uns« meint sie jene Kinder, die diese Woche eingeschult wurden und damit beim »Mutter-Vater-Kind«-Spielen in eine neue Kategorie aufstiegen. Denn »Kind« ist bekanntermaßen aufgesplittet in Baby, Kindergartenkind, Schulkind. »Schulkind« ist das Höchste, zu einem Schulkind schauen alle anderen Kinder auf. Schulkinder können alles, was man können muss. Lesen, schreiben, rechnen, Pferde ausmalen. Außerdem gibt es oberhalb von »Schulkind« überhaupt nur noch eine menschliche Entwicklungsstufe. Mama. Zumindest ist es in der Welt meiner großen Tochter so – der Welt, in der ich als Untertan lebe, sobald ich mein Paralleluniversum verlassen habe, das sich Arbeit nennt.

In der anderen Welt freuen sich kleine Mädchen auf die Schule, da können Omas und Opas und Tanten und Nachbarn noch so oft sagen: »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens«. Damit meinen sie, dass ab heute, dem landesweiten Tag der Generalmobilmachung für Sechsjährige, zuhören und still sitzen und brav sein angesagt ist. Das ist natürlich Quatsch, denn zumindest am ersten Schultag war erstmal was ganz anderes angesagt: Im Mittelpunkt stehen, mit Geschenken überhäuft werden – kurz: all das, was die kleine Vorsitzende ohnehin am liebsten hat.

Neulich habe ich irgendwo gelesen, das trendigste Geschenk für Schulanfänger seien elektronische Organizer. Das hat sich aber vermutlich die elektronische-Organizer-Branche an einem sehr ernsten Tag aus den Fingern gesaugt, denn ein Kind mit einem elektronischen Organizer habe ich noch nie gesehen. Meine Tochter wüsste weder was das ist, noch wozu sie so was braucht – für die Termine hat man doch Eltern.

Eltern. Das sind diejenigen Menschen, für die am ersten Schultag tatsächlich der Ernst des Lebens beginnt. Der bedeutet zum Beispiel: Urlaub nur noch in den Ferien, wenn alle anderen auch in Urlaub fahren. Die Schnäppchen sind vorbei, der Verteilungskampf am Dienstplan um die beste Reisezeit steht vor der Tür. Es ist, als müsste man selbst wieder zur Schule gehen: Früh schlafen gehen, jeden Tag früh aufstehen, und dazu all die Begriffe aus dem Horrorkabinett einer verdrängten Lebensphase. Hausaufgaben. Lehrer. Mathearbeit.

Mein persönlicher Horror lautet: phonetisches Schreiben. Sollte meine Tochter tatsächlich auf eine Weise schreiben lernen, die es ihr erlaubt, alles falsch zu machen, dann wäre meine zweite Schulkarriere programmiert. Als Querulantenvater, der Schulversammlungen sprengt. Ich habe schon Alpträume von Wortgefechten gehabt, in denen ich eine renitente Pädagogin darüber aufkläre, dass Rechtschreibung kein kreativer Prozess, sondern reines Handwerk ist und dass ich das ja als Berufsschreiber am besten wissen müsste.

Und dann erst die Sorge, tatsächlich meiner oberschlauen aber zugleich zum Verrücktwerden begriffsstutzigen Tochter bei den Geometrie-Hausaufgaben helfen zu müssen. So was wird ja heutzutage angeblich von Eltern verlangt – Hilfslehrer sein, weil die Zuständigen das in der Schule nicht mehr schaffen. Hab ich gelesen.

Außerdem ist meine Tochter noch viel zu klein. Eben erst habe ich mein sabbelndes und sabberndes Mädchen auf dem Arm durch die Stadt getragen – und jetzt soll es zur Schule gehen? Zur Schuuuule? Den Ort, der nach Putzmitteln und Hausaufgaben-vergessen-Schweiß riecht? Den Ort, mit dem ein Kanon der schlimmsten Begriffe verbunden ist, die Deutsche je ersonnen haben? ABC-Schütze. Leseratte. Lernzielkontrolle. Ernst des Lebens.

Das beste wird sein, wenn ich in nächster Zeit einfach im Bett bleibe. Ich habe Bauchschmerzen. Vielleicht schreibt mir die kleine Vorsitzende eine Entschuldigung. Sie ist ja jetzt ein Schulkind.

»Babykolumnen« von Tobias Kaufmann:

  1. Bob der Bär
  2. Guten Morgen Deutschland
  3. Nagenakknakk dejööööh rkjnok
  4. Häusliche Gewalt
  5. Chrissodaum
  6. Toooor!
  7. Selba!
  8. Auf Tournee
  9. Mein fremdes Kind
  10. Enthüllungen über Folterpapa
  11. Köff, Köff!
  12. Papa allein zu Haus
  13. Mussa nicha weinen!
  14. Gott und die Beinchen
  15. Passende Paprika
  16. Hesus von Köln
  17. Staatsbesuch
  18. Alles für die Forschung
  19. Ein Pferd für die Königin

Ab hier nennen wir es »Kolumnen mit der Kleinen Vorsitzenden« von Tobias Kaufmann:

  1. Mama sieht nicht schön aus
  2. Mit der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens. Fragt sich nur, für wen.
  3. Scheckbuchdiplomatie

Solche Kolumnen sind auch in Tobias Kaufmanns Buch »Die kleine Chefin. Ein Trostbuch für versklavte Eltern«, wunderbar illustriert von Meike Haberstock, erschienen – im Eichborn-Verlag, einfach beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder im Internet bestellen, zum Beispiel bei amazon bestellen. Das Geschenk für werdende und junge Eltern!



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