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30.11.06

Tobias Kaufmann

Habemus Daum

Als ich dem Erlöser zum letzten Mal die Hand geschüttelt habe, trug ich noch eine Zahnspange. Er ist einer jener Männer, die in Wirklichkeit kleiner sind, als man sie sich vorstellt. Doch als er mich berührte, hatte ich das Gefühl, als hätte ich in die Steckdose gefasst. Diese Energie, diese sprühenden, unruhigen Augen. Ich war ein frischgebackener Fan des 1. FC Köln, und der energiegeladene Mann war dessen Trainer: Christoph Daum. Zweimal wurde der FC unter ihm Deutscher Vizemeister. Hätte ich damals gewusst, was mir noch bevorsteht, hätte ich nicht Rotz und Wasser geheult wegen Platz zwei. Denn nicht viel später jagte der 1.FC Köln Christoph Daum davon. Mit ihm ging der Erfolg. Erstliga-Mittelmaß, Abstieg, Zweitliga-Mittelmaß, Aufstieg, Abstieg, Aufstieg, Abstieg, Aufstieg, Abstieg.

17 Jahre später ist Christoph Daum wieder da. Zehn Tage lang hatte er den Verein hingehalten, nachdem dieser wieder einmal ohne Trainer war. Zwei Wochen, in denen selbst die großen überregionalen Medien Wasserstandsmeldungen zum Thema Daum abgaben. Ironisch haben sie Begriffe wie »Erlöser« und »Messias« verwendet, ob der masochistischen Versessenheit, mit der eine ganze Stadt dem Phantom Daum hinterher lief – aber ihre Kameras, ihre Fotoapparate und ihre Laptops haben sie trotzdem für ihn angeworfen. Zweimal hat er abgesagt, obwohl sich der ganze Verein ihm zu Füßen geworfen hatte. Dann sagte er plötzlich doch zu. Weil er auf sein Herz gehört hat, sagt Christoph Daum. Weil dieser Klub ja trotz allem noch ein großer ist, nicht ganz so wie Juventus Turin, aber doch ein bisschen. Einer, dessen Trikot jeder Fußballprofi, dem diese Gnade zuteil wird, gefälligst mit Stolz zu tragen hat. Sogar in der zweiten Liga.

Wenige Stunden, nachdem er sich mit diesen Worten einem ganzen Heer von total professionell distanzierten Journalisten gestellt hat, betritt der »Erlöser« im schwarzen Trainingsanzug den Rasen des RheinEnergie-Stadions. Er wird erwartet. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass diese Stadt vollkommen bekloppt ist – bitte sehr, hier ist er. Der Fußball-Zweitligist 1.FC Köln veranstaltet in seiner zweitschlimmsten sportlichen Krise an einem Montagnachmittag ein Training – und 10.000 Menschen sehen dabei zu! So viele kommen bei anderen Zweitligisten nicht einmal zum Punktspiel. Mögen die Bayern den Papst haben – auf einem Transparent auf der Osttribüne prangt die kölsche Antwort: »Habemus Daum«.

Der Kölner Papst begibt sich in den Mittelkreis, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Alles schaut auf ihn, auch ich. Eine unruhige Stille erfüllt die Luft. Alle warten auf das erste Wunder des Christoph Daum in seinem neuen Amt. Er winkt freundlich ins Publikum. Als hätte es einer solchen Geste bedurft, brandet plötzlich Applaus auf. 10.000 Kölner erheben sich von den Sitzen und huldigen dem Mann, den der Klub 1990 nicht mehr haben wollte, der um ein Haar Bundestrainer geworden wäre, stattdessen aber des Kokainkonsums überführt wurde und aus dem Land floh. Der Umjubelte denkt kurz nach. Dann verlässt er ohne Eile den Rasen, umkurvt eine Absperrung und geht ganz gelassen mitten rein in die Menge. Während seine neue Mannschaft unter rhythmischem Beifall des Publikums mit dem Co-Trainer Gymnastik macht, schreibt der Messias Autogramme. Eine geschlagene Stunde lang. Skurriler kann ein Comeback kaum sein. Ich bin umgeben von tausenden Menschen mit einem bescheuerten, beseelten Gesichtsausdruck. Schlimmer noch: Ich bin einer von ihnen. »Eine alte Liebe ist wie ein neues Leben«, wird die »Welt« später über diesen Moment schreiben. Das ist schön formuliert und trifft es genau.

Es ist noch viel mehr geschrieben worden über diesen Trainer. Worte wie »Zampano« und »Besessener« tauchen oft auf. Über mangelndes Selbstbewusstsein kann sich der Sohn eines Bergarbeiters aus dem Erzgebirge nicht beklagen. Er sagt komische Managerseminar-Weisheiten auf, wie »Behandle die Spieler nicht so wie sie sind, sondern wie du sie haben willst.« Er hat im Jahr 2000 selbst enge Freunde über seinen Drogenkonsum belogen. Nachdem er eine Haarprobe abgegeben hatte, die seine Unschuld beweisen sollte, sagte er: »Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.« Kurz darauf bewies die Haarprobe Daums Schuld. Er floh nach Florida – und tauchte ein paar Wochen später wieder auf, um auf einer Presskonferenz launig zu erzählen, dass er geglaubt habe, Kokain sei im Haar nicht so lange nachzuweisen. »Da habe ich wohl mit Zitronen gehandelt«, sagte er. Und lachte.

Ein Vorbild für die Jugend wird dieser Mann nicht mehr, das betonen konservative Fußballfunktionäre immer wieder. Da mögen sie Recht haben. Im deutschen Fußball säuft man gefälligst, vielleicht nimmt man heimlich Tabletten – aber koksen?

Trotzdem haben die engen Freunde Christoph Daum inzwischen verziehen. Ich bin kein enger Freund von ihm, insofern fiel mir das Verzeihen leichter. Selbst die Tatsache, dass er zwischendurch Trainer bei den »Pillen« gewesen ist, dem Chemiekonzern Bayer Leverkusen, der sich eine Art Fußballverein leistet, nehme ich ihm nicht übel. Schließlich verdanke ich Christoph Daum auch aus jener Zeit einen der schönsten Fußballtage des 1.FC Köln überhaupt: In der Schlussphase der Saison 1996/97 schoss der FC unter dem erklärten Daum-Gegner Peter Neururer die von Daum trainierten »Pillen« mit 4:0 aus dem Stadion. »Ihr werdet nie Deutscher Meister!« haben wir gesungen. Einige grölten sogar: »Wir scheißen auf den Christoph Daum!« Wie viele von denen nun wohl ins Stadion zu seinem ersten Training gekommen sind? Fußball ist ein schnelles, vergessliches Spektakel. Glücklicherweise.

Christoph Daum ist wohl der zur Zeit meistgeliebte Fußballtrainer der Republik. Und der meistgehasste. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist klein bei ihm – deshalb passt er auch so gut zu diesem Klub. Den Anteil Wahnsinn hat er rund um die Koks-Affäre hinreichend bewiesen. Wer wissen will, wie ausgeprägt der Anteil des Genies in Daum ist, unterhält sich am besten mit Profis, die er trainiert hat. Es gibt kaum einen Trainer, über den von aktiven und ehemaligen Spielern eine derartige Lawine von Bewunderung, Schwärmerei und Dankbarkeit ausgeschüttet wird, wenn sein Name fällt. Und das, obwohl er selbst nie ein großer Kicker war.

Manche unken, dass der Meistertrainer Daum bei seinem Comeback in Köln scheitern wird, weil er hier nicht die großen Stars hat wie bei früheren Stationen. Doch den Unterschied haben bei Daum nie die Stars gemacht, sondern Spieler wie Andreas Gielchen: Absolute Durchschnittskicker, die ihre beste Zeit unter Christoph Daum hatten, nicht davor und auch nicht mehr danach. Insofern hat der 1.FC Köln von heute ein riesiges Potential.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis offenbart eine Szene als Christoph Daum noch Trainer in Leverkusen war. Er lieferte sich vor laufenden Kameras im Kabinentrakt des Stadions ein Wortgefecht mit einem Vertreter des Gastvereins, ich glaube es war Schalkes damaliger Manager Rudi Assauer. Daum hatte die Augen weit aufgerissen, gestikulierte wild und brüllte: »Nicht meine Spieler! Nicht meine Spieler!« Jeden, der einmal Teil einer Fußballmannschaft war, hätte diese Szene beeindruckt: Der Chef, der seine Jungs beschützt wie eine Löwenmutter ihre Jungen. Eine wichtige Fähigkeit großer Trainer ist es, mit der Mannschaft glaubwürdig eine Wagenburg-Mentalität aufzubauen: Wir alle zusammen gegen die da draußen. Das kann Daum. Vielleicht gerade deshalb, weil er nie ein großer Kicker war und sich den Platz auf dem Trainerkarussell gegen eine Armada klangvoller Namen erkämpfen musste. Daum ist einer, den man im alten Rom einen »Homo novus« genannt hätte. Er ist ein Aufsteiger. Mit allen Vor- und Nachteilen, die solche Menschen gemeinhin haben.

Cicero, der Prototyp des »Homo novus«, war stur, selbstverliebt, unangepasst, rücksichtslos und zugleich mitreißend, fleißig, ehrgeizig und brillant. Einem solchen Charakter hat sich der 1.FC Köln in seiner Verzweiflung nun ganz ausgeliefert. Die Hoffnung auf bessere Zeiten ist ganz auf ihn ausgerichtet. Seine Machtfülle im Klub übersteigt die aller seiner Vorgänger im letzten Jahrzehnt bei weitem. Das ist nichts Ungewöhnliches. In Zeiten des Notstands übergab schon der römische Senat den Konsuln vorübergehend besondere Vollmachten. Von Cicero, einem der führenden Senatoren seiner Zeit, ist dazu eine Mahnung überliefert: »Videant consules, ne quid detrimenti res publica capiat« – »Die Konsuln mögen darauf sehen, dass der Staat keinen Schaden nimmt«.

An diese weisen Worte habe ich gedacht, als ich mit blödem Lächeln unter 10.000 Kölnern im RheinEnergie-Stadion stand und Christoph Daum beim Autogrammeschreiben zusah. Aber vor allem dachte ich: Willkommen zu Hause, Christoph.



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