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02.01.11

Lutz Kinkel

Oswald Kolle – ein Abschied

Er hat Tränen in den Augen. »Meine Frau«, sagt Oswald Kolle zu mir, »war immer stärker als ich.« So war es auch in ihrer letzten Stunde, als sie, vom Krebs gezeichnet, die Familie um ihr Krankenbett in einer niederländischen Klinik versammelte. Sie habe ihm damals aufgetragen, nicht allein zu bleiben, sagt Oswald Kolle. Zu trauern, aber das Trauern zu beenden. Das Unglück, das ihr Abschied von ihm bedeute, nicht zu verewigen. Dann drehte sie mit Hilfe einer Ärztin den Hahn für die Morphiumzufuhr auf, schloss die Augen und starb. Und Oswald Kolle, der zwei Jahre nach ihrem Tod vor mir in Hamburg sitzt, weint.

Mein Vater, damals Anfang 30, fuhr 1968 mit seinem Vater, meinem Großvater Paul, zu einer fachpolitischen Tagung nach Ulm. Sie übernachteten in einer kleinen Pension. Ein Nachmittag war frei. Großvater Paul sagte, er wolle sich aufs Ohr legen. Mein Vater schlich sich aus dem Haus und ging schnurstracks ins Kino, auf dem Spielplan: »Das Wunder der Liebe«, der erste Aufklärungsfilm Kolles. Mein Vater traf ein paar Minuten zu spät ein, also zeigte ihm ein Platzanweiser mit der Taschenlampe den Weg zu einem der wenigen freien Stühle. Noch lief die Wochenschau. Dann, kurz vor dem Hauptfilm, ging das Licht an. Eisverkauf, Langnese. Mein Vater blickte sich um. Und sah einen alten Bekannten: Er saß direkt neben meinem Großvater Paul.

Oswald Kolle trinkt Kaffee. Anlass unseres Interviews ist ein Spielfilm über sein Leben, den die ARD im Jahr 2002 sendet. Der alte Mann hat drahtiges, lockiges, graues Haar, er trägt Jackett, keine Krawatte. Ich hatte erwartet, etwas Lüsternes, Klebriges an ihm zu entdecken. Einen falschen Blick, eine zweideutigen Geste, eine Koketterie mit den Lustbarkeiten, die er zeit seines Lebens genoss. Doch ich finde nichts davon. So gar nichts. Er weint und trinkt Kaffee. Und zerschmettert Fragen nach Belieben.

Ob die ganze Fleischbeschau, das Herzeigen von Körpern und Geschlechtsteilen, in Talkshows, Werbung und auf öffentlichen Plätzen nicht einen Überdruss an Sexualität erzeuge, will ich von ihm wissen. Ob die Sexualität nicht ihres Geheimnisses beraubt sei? Er lacht. Es gäbe nicht eine Studie, die zeige, dass die Menschen weniger triebhaft geworden seien. Aber sie seien weniger beziehungsfähig. Sie begäben sich in die Isolation, schauten Pornos im Internet, wir seien auf dem Weg in eine »Masturbationsgesellschaft«. Das wusste Kolle – schon lange, bevor youporn.com die Hirne kolonisierte.

Ob denn nicht alles gesagt sei, von jedem, ob es überhaupt noch der Sexualaufklärung bedürfe? Diesmal wird Oswald Kolle ernst. Dass selbst Kinder wüssten, wie ein Geschlechtsverkehr funktioniere, bedeute noch nicht, dass sie aufgeklärt seien. Das Gegenteil sei der Fall: Der HI-Virus verbreite sich wieder, auch bei Heterosexuellen, die Übertragung von Chlamydien, unfruchtbar machender Bakterien, sei ebenfalls ein ernstes Problem. Und im Übrigen hätten Männer immer noch ein Verständnis von weiblicher Sexualität, das ihrem Begriff von der häuslichen Waschmaschine gleiche: Man wisse, wo sie stehe, aber nicht, wie sie angeschaltet werde.

Oswald Kolle forscht zu diesem Zeitpunkt über Sexualität im Alter. Er ist selbst jenseits der 70, er will das Tabu brechen, dass es im Herbst des Lebens nichts mehr geben kann außer Kaffee, Kuchen und Katheder. Er lebt seine Vorstellungen auch. Mit seiner Freundin, die nicht 30 ist, wie Franz Münteferings Gattin, oder 19, wie Ole von Beusts Freund, sondern nur wenig jünger. Oswald Kolle ist reif, erwachsen, ein Großer. Zu seinen besten Zeiten in den 70er Jahren wurde er aufgerieben zwischen Linken, die ihm vorwarfen, das vermeintlich anachronistische Institut der Ehe retten zu wollen, und Rechten, die ihn als Schmuddelpapst verunglimpften. Er flüchtete aus Deutschland in die liberaleren Niederlande. Und blieb, was er war: ein Aufklärer.

Ich konnte nicht alles, was er sagte, im Interview unterbringen, das Spiegel-Online damals veröffentlichte. Ich verließ unser Gespräch mit dem Gefühl, einen Mann getroffen zu haben, der mit sich und der Zeit gerungen und – vielleicht wusste er das damals noch nicht – gewonnen hat. Es umgab ihn eine Atmosphäre des freien Denkens, des freien Willens, des Engagierten. Wie viele Menschen mag er aus ihren Beklemmungen und Ängsten befreit haben?

Oswald Kolle starb am 27. August 2010 in den Armen seiner Freundin in Amsterdam. Mein Vater ging nach dem Kinobesuch mit seinem Vater Paul ein Bier trinken. Über den Film, den sie gemeinsam sahen, haben sie nie ein Wort gesprochen.

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Lutz Kinkel

Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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