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05.09.02

Lutz Kinkel

Mathilde, mein Brötchengrab

Lasst uns von Mathilde Hergenstedt sprechen. Mathilde Hergenstedt besitzt die Bäckerei in der Fußgängerzone, die ich auf dem Weg ins Büro jeden Morgen besuche. Ihre besten Jahre hat Mathilde längst hinter sich, Kummerfalten mäandern über ihr Gesicht, das Haar ist zerfärbt und splissig. Gewöhnlich trägt Mathilde einen weißroten Kittel, unter dem ein dünner, weißlicher Pullover mit bordürten Ärmelchen hervorlugt. Abends, nach der Arbeit, kramt sie Schwarzweißfotografien von einer Grillparty heraus, auf der sie mit ihrem Liebsten war. Lustige Lampions hingen an der Gartenhütte, und alle hatten einen Schwips. 15 Jahre ist das her, der Liebste lange tot und nun weint Mathilde in die Kissen.

Ich mag Mathilde und ihre Bäckerei, diesen Ort, an dem selbst die Franzbrötchen ins Leere zu starren scheinen. Hier kann man innehalten und verlebtes Leben spüren. Genau das muss auch der Marketingberater empfunden haben, den Mathilde einst engagierte, um wenigstens ihre geschäftliche Existenz zu retten. Er erzählte ihr offenkundig etwas über Markenführung, Corporate Design und Kundenbindung. Mathilde Hergenstedt verstand nicht viel, trägt aber seitdem nicht nur einen rot-weißen Kittel sondern benutzt auch rot-weiße Preisschildchen, auf denen neben dem Preis in Großbuchstaben ihr Name steht. Vor die Tür stellt sie jeden Tag ein rot-weißes Metallgestänge, dessen plastiline Mitte ein Plakat ausstellen soll. Mathilde hat keine Plakate im Din-A2 Format sondern nur Din-A4 große Zettel, die im Halter immer leicht verrutschen. "Stopp, Stopp, Stopp! Heute Kaffee und Franzbrötchen für 1,50 Euro. Ihre Bäckerei Mathilde Hergenstedt".

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Die rot-weiße Verkaufsanstrengung gibt ihrem Laden etwas Tragisches, er sieht aus wie ein zu bunt geratenes Grab. Der brottote Tiefpunkt ist aber erst im Gespräch zu erleben. Wie jeden Tag sage ich "Guten Morgen", lasse mich für einen Augenblick in den Abgrund hinter ihren Pupillen fallen, atme die Preisschildchen und den verrutschten Zettel durch und bestelle ein Franzbrötchen. Kaum hat es Mathilde eingetütet und die Cents in der Kasse verstaut, rückt sie ihre Kummerfalten zurecht und streicht sich die Bordürenärmel glatt. Dann heben sich ihre brüchigen Lippen und sie sagt einen Satz. Sie muss ihn sagen, denn ihr Marketingberater hat darauf bestanden, und der hat damals viel Honorar bekommen. Also sagt Mathilde Hergenstedt aus der Bäckerei Mathilde Hergenstedt wie in Trance: "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag". Der Satz legt sich wie mehliges, graues Pulver über den Käufer. Es wird Zeit, zu gehen.



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Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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