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»Hörzrosn« vorgetragen von Lutz Kinkel
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11.07.00

Lutz Kinkel

Hörzrosn

"Wos is? Ladst Du mi aah, odr lad i Di aah?" Peter drückte seine Knie durch, streckte die Brust raus und blitzte seine Mutter durch die sechseckigen Brillengläser an. "I lad die aah".

Peter war zwar nur ein Dreikäsehoch, aber schon Mann und Kavalier. Er war der Held der Kardiologie, Station C13 R im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg. Dort lagen die "Arhythmischen", wie die Krankenschwestern in ihrem diagnosestarkem Deutsch sagten. Fragte man Peter, worunter er litt, drückte er die Knie durch, streckte die Brust raus und sagte mit seiner schönen österreichischen Mundart: "Hörzrosn".

Sowas ähnliches hatten wir alle. Gisela, das bayerische Urviech in Raum Zwei, war derartig pulsgestört, dass sie vor der OP Monate lang brachlag. Riad, dem tunesischen Koch aus Hannover, verblich regelmäßig der Teint, wenn sein Herzschrittmacher 750 Volt in den Klopfmuskel jagte. Und ich, der Schattenparker unter den Arhythmischen, hatte diese altmodische Anwandlung, plötzlich darniederzusinken. Einmal erwischte ich unseren Stationsarzt, wie er vor dem Monitor stand, über den unsere gesammelten EKG's flimmerten, und Giselas angejazzte Kurve etwas befremdet musterte. "Nun ja", sagte er "Frau H. hat auch einen Rhythmus."

Um das zu ändern, wurden wir nacheinander in den OP-Saal verbracht. Dort schnallte man uns auf eine schmale Plastikliege und überließ uns Bruder Bastian. Der zückte routiniert sein Rasierzeug und schnitzte erstmal alles weg, was sich Brust-, Scham- oder "Die müssen leider auch weg"-Haar nannte. Dabei musste er auch gelegentlich das männliche Glied aus der Rasierschneise räumen. Er vergass aber freundlicherweise nicht, dabei beiläufig über seine Frau zu plaudern.

Weniger entspannend war die Monitorwand, die sich gleich neben der Liege auftürmte. Als Bastian die Rechner hochfuhr und die Monitore zu leuchten begannen, glaubte ich, steinalte Biosversionen zu erkennen und fragte mich, ob die Software nicht besser für leichtere Aufgaben, Wimpernbrüche etwa, eingesetzt werden sollte. Außerdem konnte ich mir kaum vorstellen, dass man tatsächlich etwa 20 Monitore brauchen würde, um meinen Puls während der OP zu kontrollieren. Wahrscheinlich würden auf einem Monitor die Börsenkurse laufen, auf einem anderen das Hausprogramm mit den aktuellen EM-Wetten und auf dem dritten ein Splattermovie, in dem schwule Friseure ihre Kundschaft skalpieren.

Peter hat wohl nur ans Fußballspielen gedacht, dass er nach der OP wieder würde anfangen können. "Der war ruhiger und mutiger als mancher Erwachsene", erzählte Bastian, und ich fahndete irritiert nach einem vorwurfsvollen Unterton in seiner Stimme. Danach spritze mich Dr. Hebe, der Beckenbauer unter den Herzkatheder-Operateuren, liebevoll in ein grosses, schwarzes Nichts.

Als Riad, der Tunesier, wieder aufwachte, bestellte er bei Nachtschwester Edith zwei Gurkenscheiben, um seine Augen zu kühlen. Nach dieser kosmetischen Maßnahme wankte er in die Küche und schnitt sich die restliche Gurke ungerührt aufs Brot. Gisela klagte über Schmerzen in der Leiste, hielt aber 24 Stunden später schon wieder ein Plädoyer für Erotikmagazine im Fernsehen. Ich erzählte alles dreimal in den Telefonhörer, weil das Schlafmittel ständig meinen RAM weglöschte, konnte mich aber schon bald wieder auf die Tetris-Highscore-Liste des Stationscomputers konzentrieren.

Peter hingegen lud seine Mutter ein. Er hatte sich gewünscht, dass er sie nach der OP zum Essen ausführen darf – ohne Papa, ohne Geschwister. Nur er und sie alleine, vielleicht bei Kerzenschein, Schulterscherzl und Palatschinken. Um dabei über seine Pläne für das siebte Lebensjahr zu sprechen. Was für ein Held.



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Lutz Kinkel

Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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