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11.07.05

Lutz Kinkel

König Ebert in der Schokoriegelvertriebswelt

Es gab einen Grund, Hamburg zu verlassen: den S-Bahnhof Königstraße. Jeden Morgen musste ich die Zivilisation verlassen und in den Bahnhof hinabsteigen. In eine neonkalte Röhre, in deren Mitte sich ein Bahnsteig erstreckte, der an zwei Gleise grenzte. Rechts ging's nach Altona, links ging's nicht nach Altona. Hinter den Gleisen zurrten sich die Kacheln zur Decke, von Architekten auf LSD in braun und orange gewählt. Einige der Kacheln hatten schon Selbstmord begangen und sich auf die Gleise gestürzt. Niemand trug sie zu Grabe, sie wurden einfach von kreischenden S-Bahnen zu Staub zermalen. Übrig blieb nur der unkachelte Putz, der fleckig in Brauntönen oszillierte. Dieser S-Bahnhof war das Verdauungssystem der Stadt. Niemand konnte etwas anderes empfinden.

Auf dem Bahnsteig stand eine verlassene, gekachelte Box für die Zugwärter, die früher dort gearbeitet haben, bis sie von der Pest dahingerafft wurden. Teile der Wärter-Box waren mit Stahlblech ausgekleidet, demselben Material, das man für Pissrinnen benutzt. Und für betrunkene S-Bahn-Nutzer machte es keinen Unterschied, ob sie nun an einer Pissrinne oder einer Zugwärterbox standen. Hauptsache Stahlblech.

Vorne, einige Meter vor der Box, an einer braunen Kachelsäule, befand sich ein Automat für Süßigkeiten. Er offerierte kleine Pappkartons mit winzigen Schokoriegeln zu 50 Cent – eine Verpackungsform, die sonst nirgendwo zu finden war. Der Automat war bereits verbeult, einige Sichtfenster, die wie bei Zigarettenautomaten die jeweilige Marke annoncierten, waren bereits zersplittert. Trotzdem wohnte diesem Automat Hoffnung inne. Denn er war etwas besonderes, ein Unikum des Schokoriegelvertriebs in einer standardisierten Schokoriegelvertriebswelt. Er erinnerte mich an die 50er Jahre, damals, als das Geld noch so knäpplich war, dass sich niemand ein ganzes Mars leisten konnte. Und als es noch keine genmanipulierten Automaten mit Innenbeleuchtung gab, die komplizierte Drehmechanismen beherrschen und Preise auf digitialen Displays anzeigen. Also fütterte ich meinen nostalgischen Freund mit Geld. Zwei oder drei Mal. Aber nie kam etwas heraus. Man hatte einfach vergessen, ihn abzumontieren.

Wer einen schlechten Tag erwischt hatte, weil für das Frühstück keine Zigaretten übrig geblieben waren oder schon wieder ein Drecksack die Zeitung geklaut hatte, musste sich vor dem S-Bahnhof Königstraße fürchten. Denn die Trostlosigkeit des Ortes animierte dazu, es den Kacheln gleich zu tun und sich einfach zerstäuben zu lassen. Und wer einen guten Tag erwischt hatte, weil genug Kippen zum Frühstück da waren und die Sonne über den benachbarten Aldi blinzelte, der musste sich ebenfalls fürchten. Denn sobald man über die Treppen in die videoüberwachte Röhre stieg, erstarb sofort jedes Lächeln.

Nun weiß ich nicht, ob schon jemand mal am S-Bahnhof Ebertplatz in Köln gestanden hat. Ich war dort in den ersten Tagen nach meinem Umzug, weil ich vom Agnes-Viertel in die Innenstadt fahren musste. Der S-Bahnhof Ebertplatz wurde nicht von Architekten auf LSD gebaut. Gott hat ihn geschaffen, um Architekten auf LSD zu bestrafen. Er griff einfach in einen Eimer Beton, wickelte sich die Masse um den Finger und schleuderte Röhre für Röhre zornig auf die Erde hinab. Die Wucht war so groß, dass sich die Röhren in die Erde senkten und dort ein Kanalsystem in Gestalt einer Ed-Wood-Gedächtnis-Krake bildeten.

An einem dieser Tage also, als ich in der Krake stand und das Hamburger Verdauungssystem in meiner Erinnerung plötzlich einen modrigen Reiz gewann, wollte ich eine Monatsfahrkarte erstehen. Ich ging also zu einer dieser Zellen, die in der Wand eingelassen sind und fragte den Bediensteten hinter der Panzerglasscheibe nach einer Monatskarte. Er fragte lächelnd zurück, ob ich schon einen Ömmelbömmel besitzen würde. Ich fragte nach, was ein Ömmelbömmel sei und er wiederholte das seltsame Wort mit einer leicht variierten Betonung. Ich fragte nochmals nach und wurde wieder geömmelbömmelt. Also sagte ich »Nein«. Das war offensichtlich richtig, denn er händigte mir nun ohne zu Zögern eine Monatsfahrkarte aus.

Dann fuhr ich über die Rolltreppen in die Krake und schlich auf den Bahnsteig. Videokameras beäugten mich, ich äugte zurück und suchte nach einem verlassenen, zerbeulten Automaten aus dem 17. Jahrhundert, der mir Weizengriess in Holzschalen reichen will. Aber ich fand keinen.



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Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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