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15.08.04

Lutz Kinkel

Ich glotz TV (Teil I)

Hat jemand gesehen, wie Kader Loth in den Güllebottich stieg? Und ihren Modelkörper von Urin und lauwarmen Kotbröckchen umspülen ließ? Das war schon ein Fest der Sinne, das ProSieben in der Reality-Show »Die Alm« inszenierte, ein Fest, das die Mutanten, Freaks und Operierten unter uns sicher genossen haben.

Kader Loth, soviel lässt sich der ProSieben-Homepage entnehmen, ist allerdings selbst ein hybrides Wesen. Aufgrund ihrer Nacktfotos verlieh ihr das Magazin Penthouse 1998/99 den Titel »Pet of the year«, also »Haustier des Jahres«. Das legt nahe, dass ihr Körper nicht nur mit Haaren sondern auch Pelz bedeckt ist und dass sie nicht nur spricht sondern gelegentlich auch bellt. In jedem Fall ist sie an tierische Ausscheidungen gewöhnt. Ein Pet muss ja schließlich auch mal.

Was soll uns diese unappetitliche Einleitung eigentlich sagen? Natürlich nur, dass Reality-Formate wieder im Kommen sind, ob wir darüber die Nase rümpfen oder nicht. Auf RTL2 läuft »The Battle«, eine Soziodram der Klassengesellschaft, wie es Marx nicht elender hätte ersinnen können. RTL terrorisiert unschuldige Kinder mit dem Experiment »Hausfrauentausch«, auf MTV lebt Ozzy Osbourne vor laufender Kamera seine letzten intakten Zellen ab. Von den drei Millionen Casting- und Datingshows, die vor allem im vergangen Jahr das Publikum verschreckten, ganz zu schweigen.

Wirklich neu, aber nicht weniger sinnfrei, waren die Ostalgieshows, die 2003 die Bildschirme fluteten. Unglaublich, dass Andrea Kiewel im ZDF-Fernsehgarten ungestraft sozialistische Parolen ausbringen durfte. In den 80er Jahren wäre das nicht passiert, damals galt die DDR noch als Hort des Bösen. Bundeskanzler Helmut Kohl hätte Kiewel sofort von der GSG9 abholen und in ein Bonner Verlies sperren lassen. Dort hätte man sie zur Abschreckung zehn Jahre lang mit Spreewaldgurken gefüttert.

Überhaupt das ZDF: Es bestrahlt die Menschheit mit einzigartigen Programmen, eines davon sind sicher die Mainzelmännchen. Der ehemalige ZDF-Sprecher Philip Baum diskrimierte die bunte Truppe einst als »Eunuchen vom Lerchenberg«, um modernere Maskottchen einzuklagen. Geschehen ist nichts, außer dass nun einschlägige Kreise die Frage diskutieren, ob und was den Männchen in den Flatterhosen baumelt. Eine Sommernachtsphantasie ganz eigener Art.

Ein Glück nur, dass wir für den ganzen Unfug keine Verantwortung tragen, weder fürs Programm noch für die digitale terrestrische Verbreitung, die menschenleeren Telemessen und schon gar nicht für Weißbier-Waldi. Hinter all' dem stecken, das weiß man in Medienkreisen und -rechtecken, vor allem Österreicher. Das hat, zugegebenermaßen, auch etwas Gutes. Man kann nicht das ganze TV-Geschäft den Holländern überlassen.


P.S.: Wie wird eigentlich Kader geschrieben – nach neuer und alter Rechtschreibung? Und vor allem: was heißt das überhaupt?

Haben Sie es bemerkt? Diese Kolumne ist eigentlich ein Dutzend. In diesem Text haben wir elf (!) weitere Kolumnen von Lutz Kinkel verlinkt, die zuerst in der Zeitschrift Digital Fernsehen (Leipzig) erschienen sind.

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Lutz Kinkel

Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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