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»Spätzlesatt« vorgetragen von Lutz Kinkel
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24.02.00

Lutz Kinkel

Spätzlesatt

Am Morgen war die Welt noch in Ordnung. Ich küsste Claudia auf die blonde Stirn, schlug die Satinbettwäsche beiseite und federte auf meinen Guccisandalen ins Bad. Nackt und noch ein wenig duschnass stand ich später vor dem Spiegel und begann mit dem täglichen Work-Out: Streecken, dehnen, streeecken, deeeehnen. Wow! Und wie jeden Morgen betrachtete ich nach den Übungen – sozusagen als Belohnung – meinen Apfelpo: Klein, hart und sehnig. Eher ein Granny Smith als ein Cox Orange. Claudia liebt ihn.

Mein Arbeitstag verlief dann eher unspektakulär. Drei Meetings, zwei Fusionen, ein Quickie mit der Sekretärin, später mit dem Ferrari ins Gym und die neue "Men's Health" gelesen. Kurzum: Ich fühlte mich gut.

Wäre da nicht der Hunger. Meinem Astralkörper zuliebe esse ich wenig: Hier einen Krabbensalat, dort ein Perriérsoufflé. Manchmal, in verrückten Launen, auch eine Möhre. An Currywürste, Fritten und Nutella kann ich mich nur noch vage erinnern. Das alles gehört zu meinen dunklen Kindertagen in Castrop-Rauxel. Jetzt lebe ich in Hamburg. Im Loft. Mit Apfelpo. Auf Claudia.

Abends hatte ich noch ein Meeting. Mit einer schwerreichen schwäbischen Pharmaunternehmerin. Sie ist sozusagen die Cash-Cow unserer Agentur. Um sie auch künftig zu melken, musste ich den artigen Jungen spielen und sie in ihrem Fünftwohnsitz an der Alster besuchen. Zum Dinner.

Sie begrüßte mich wie immer mit einem launigen "Jeff, Sie sehen so verhungert aus!" und gab mir einen Klapps auf den Hintern. Ich erwiderte wie immer süßlich lächelnd: "Frau Dr. Rosa – es ist mir eine Freude."

Dann lotste sie mich zur Tafel. "Jeff, ich möchte heute Abend mit Ihnen feiern. Unser Unternehmen hat ein innovatives Abführmittel erfunden. Das entleert alles: von der Speiseröhre bis zum Dickdarm. Proctokil wird den Weltmarkt erobern. Und wissen Sie, wen ich dazu ausersehen habe, die Einführungskampagne zu zaubern? Na, wen wohl, Sie Schlingel?!?" Mein Gott, dachte ich. Das ist es. Wenn ich den Job bekomme, lege ich mir eine Villa an der Elbchaussee zu. Mit Waschbrettbauch. Und Gisele.

"Aber nun wollen wir erst mal essen – eine Spezialität aus meiner Heimat", sagte Frau Dr. Rosa und speichelte ein wenig auf ihr Lagerfeld-Kostüm. "Verena", rief sie ihrem Dienstmädchen zu, "bringen Sie die Kaasspätschle!"

KAASSPÄTSCHLE! Schon bei dem Gedanken dividiert sich mein Trizeps durch 100. Käsespätzle sind kleine gummiartige Mehlwürmer, die aus Butter, Schweineschmalz, Margarine, Öl und Butter gemacht werden. Um ihnen Konsistenz zu verleihen, kommt ein Hauch Mehl dazu, der zuvor in Butter und Schweinschmalz gewendet wurde. Eier – etwa eins pro Würmchen – geben ihnen diese leicht uringelbe Farbe. Zu guter Letzt klumpen schwäbische Köche das Ganze mit "Kaas" ein, einer amorphen, streng riechenden Masse verfaulter Sahnemoleküle. Bei Bedarf kommen noch ölige Zwiebeln obenauf.

Im "Men's Health" hatte ich gelesen, dass Kaasspätschle das Tschernobyl einer jeden Frühjahrsdiät sind. In der Spalte "History" stand auch, dass die Schwaben im Hochmittelalter Ketzer und Landesverräter mit Stopfspätzle folterten, bis sie platzten. Andererseits blühte dank der Spätschle auch der Hausbau in Stuttgart auf. Weil sie, nach kurzer Lagerungszeit, zu betonharten Fundamenten eindickten.

Kurzum: Mir stand der Schweiß auf der Stirn. "Frau Dr. Rosa", setzte ich an, "Frau Dr. Rosa, ich ...". "Aber nicht doch, Jeff", säuselte sie. "Sie müssen sich nicht schon wieder bedanken. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wenn Sie Zeit haben, können wir die Verträge gleich morgen unterzeichnen. Sie süßer Gauner."

Dann brachte Verena eine riesige, dampfende Schüssel Kaasspätschle. Und häufte mir eine schwimmbadgroße Kelle auf den Teller. Dazu servierte sie ein spezielles Schmalzbier. "Guten Appetit, Jeff", juchzte Dr. Rosa und tätschelte meine Wange. "Nun lassen Sie es sich mal richtig schmecken."

In meinem Kopf rotierten Bilder, wie sich Marianne Sägebrecht in meiner Satinbettwäsche wälzt und wie sich mein Hintern morgens zur Wassermelone bläht. Doch ich aß die Würmchen bis zur letzten Gabel. Weil ich wusste, dass ich durchhalten musste. Für mein Schlösschen in Blankenese. Meine ausdefinierte Brust. Und Laetitia.

Als ich schließlich in die Fressstarre fiel und mir statt Tränen Mehlwürmchen aus den Augen glitten, hatte Dr. Rosa endlich Erbarmen. Kichernd rief sie einen Diener und ließ mich zu meinem Ferrari tragen. "Es war schön mit Ihnen, Jeff. Kommen Sie bald wieder!", flötete sie, während mich der Diener auf dem Fahrersitz verstaute. Ich konnte schon nicht mehr sprechen. "Nehmen Sie als kleines Abschiedsgeschenk noch dies", sagte sie und stopfte mir ein weißes Pillchen in den Mund. "Sie werden sehen, Sie fühlen sich gleich besser."



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Jahrgang 66, plante im Zwergenalter, in Oxford zu studieren und Showmaster zu werden – weil er Wim Thoelke ungeheuer beeindruckend fand. Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. [..]

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