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11.02.07

Sebastian Klug

Neues vom Schwager: Der Serienhellseher

Markus, der kleine Bruder meiner Freundin, hat das Down-Syndrom. Und trotzdem steht der Schwager oft über den Dingen. Und erklärt sich und allen anderen die Welt auf seine ganz eigene Weise.

Markus ist begeisterter Fan des Münchner Fernsehsenders ProSieben. Er sieht gerne fern, aber ausschließlich ProSieben. Sonst nichts. Eine Zeit lang RTL II, das aber auch nur, weil eine seiner Lieblingsserien nach dorthin abwanderte.

Markus kennt das gesamte Programm des Senders auswendig. Wegen seiner Arbeit in der Behindertenwerkstadt kommt er – seiner Meinung nach – unter der Woche nicht ausgiebig genug zum Fernsehkonsum. Zwar ist er in der Regel pünktlich zum Beginn von »Charmed – Zauberhafte Hexen« daheim, aber das Tagesprogramm mit allen Beratungssendungen zum »Besser Essen« und schöner wohnen hat er dann bereits versäumt. Daher hat er den Samstag zum »ProSieben-Tag« erklärt. Bereits am Freitagnachmittag (um ca. 16.59 Uhr, nach den zauberhaften Hexen) erstellt er am Computer sitzend in stundenlanger Kleinarbeit einen minutengenauen Zeitplan für das Wochenendfernsehen. Beginnt eine Sendung dann faktisch zu einer anderen Uhrzeit als im Fernsehprogramm angekündigt, wirft ihn das nicht unerheblich aus der Bahn. Das passiert leider besonders oft, wenngleich nur im Minutenbereich, und wenn die Programmzeitschrift von 16.00 Uhr spricht, weitet ProSieben das dann gerne mal in 16.01 Uhr um. Markus ist dann empört. Irgendjemand scheint da zu lügen, sagt er. Läuft dann allerdings die Anfangsmusik, ist er wieder zufrieden.

Nun begibt es sich, dass eine meiner zahlreichen Lieblingsserien, »Lost«, in der deutschen Fassung auf ProSieben läuft. Ich als Junkie besorge mir über einen Freund in den USA regelmäßig Mitschnitte der aktuellen Folgen aus den USA und bin damit Deutschland ungefähr ein Jahr voraus. Ich weiß also, was weiter passieren wird. Ein Verhängnis.

Als einmal ein kleiner Junge im Wald vermisst wurde und (wie es sich eben für eine Mystery-Serie wie »Lost« gehört) der Zuschauer nicht wusste, was mit ihm geschehen ist, rief mich Markus an.

»Walt ist weg. Wo ist er?« war die knappe Frage aus dem Telefonhörer.
»Markus, ich weiss es nicht« log ich. Ich musste ihn ja nicht unbedingt seiner Spannung berauben.
In den folgenden Minuten machte mir Markus klar, dass ihn das Verschwinden des jungen Walt sehr beschäftige, er könne so nicht schlafen. Wo kann er nur sein? Lebt er noch?
Die Vorstellung, dass der kleine Herr die ganze Nacht im Bett stehen und über die Lösung des Vermissten-Problems nachgrübeln würde beunruhigte mich.
»Walt lebt, es geht ihm gut« ließ ich ihn an meinem Wissensvorsprung teilhaben.
»Woher weißt du das?« fragte mich Markus stehenden Fußes.
»Ich schaue mir die amerikanischen Folgen an!«
»Wieso weißt Du das dann?«
»Weil in Amerika schon neuere Folgen kommen.«
»Aber…« Markus dachte nach, kam aber zu keinem Ergebnis. »Der junge Walt ist doch gerade erst verschwunden. Wieso weißt Du, dass er lebt?«
»Weil ich schon mehr Folgen gesehen habe als Du.«
»Schaust Du auch immer montags um 22.15 Uhr Lost auf ProSieben?«
»Nein, ich schaue die amerikanischen Folgen« entgegnete ich, wohlwissend, dass meine Argumentation nicht fruchtete. Ich musste mir ein neues Schema überlegen, nach dem ich ihm erklären konnte, warum mein Wissen seines überstieg. Fernab jeglicher normaler Logik schlug ich einen Alternativweg ein.
»Ich bin der Losthellseher!« sagte ich.
»Ah, ein Hellseher!« sagte Markus mit einem hörbar zufriedenen Lächeln. Die Erklärung schien ihm, obwohl nach rationalen Gesichtspunkten unsinnig, vollkommen schlüssig. »Wie geht es weiter? Wird der Vater Michael seinen Sohn Walt finden?«

So weit war die Serie auch in ihrem Mutterland zu diesem Zeitpunkt noch nicht angelangt. Ich wusste es also nicht. »Das darf ich noch nicht verraten!« flüsterte ich.
Markus schrie beinahe vor Freude über die Aussicht, endlich einen Serienhellseher im Haus zu haben. In dieser Nacht schlief er dann nach Aussage seiner Mutter auch gut.

Seitdem entlockt Markus mir bei jedem Besuch neue Details. Mittlerweile hat Michael seinen Sohn Walt gefunden, um seine Freiheit zu erlangen muss er jedoch seine Freunde in eine Falle locken.

»Sebastian, stell Dir vor, Michael ist zurück!« erzählte mir Markus vor einigen Wochen telefonisch. »Er ist schwer verletzt, aber er ist fest entschlossen, seinen Sohn zu befreien! Weißt Du schon wie?« fragte er mich mit leuchtenden Augen.

Mit verschwörerischen Blicken nach links und rechts beugte ich mich dem auf dem Rücken auf seinem Bett liegenden Markus hinunter und flüsterte: »Michael hat einen teuflischen Plan!« Ein Strahlen überzog sein Gesicht und freudig erregt schüttelte er einem kafkaesken Käfer ähnlich Arme und Beine. »Einen teuflischen Plan! Aha…!« flüsterte er mit einem beinahe diabolischen Unterton zurück.

Es bleibt mir nun nur zu hoffen, dass diese Serie nie aufhört. Tut sie es doch, ist mein Vorsprung dahin. Und das wär’s dann mit dem Hellsehertum. Wäre irgendwie wirklich schade.

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Sebastian Klug

Geboren 1980 im bayerischen Fürstenfeldbruck, zwischen ein und zwei Meter groß, ein paar Kilo schwer, farbige Augen und Haare. Während des Überspringens der Pubertät (erster Frauenkontakt mit [..]

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