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13.02.06

Sebastian Klug

Von Klobrillen und Schneematsch

Krisen machen sich in der Regel in Form von explosionsartigen Erkenntnissen bemerkbar. Krisen bemerkt man am Besten im Nachhinein, dann, wenn man sie hinter sich hat – entweder glücklich im Leben stehend oder etwas verwirrt lediglich mit einer hinten offenen weißen Schürze bekleidet auf der Parkbank des Bezirksklinikums sitzend.

Ich befürchte, dass gerade eine Krise auf mich zukommt.

Der letzte Mittwoch begann zuallererst mit grippeschwangeren Kopfschmerzen, die unsanften Klänge des atomuhrgesteuerten Funkweckers als untermalender Soundtrack. Auf die Kopfschmerzen folgte das obligatorische morgendliche Blasenentleerungsbedürfnis. Da mir – wohl altersbedingt – der Winter morgens nicht von selbst die nötige Kraft in die Beine pumpt, habe ich mich zum Urinieren hingesetzt (ich hoffe, ich bin jetzt nicht allzu vielen Männern in den Rücken gefallen, die ihren Frauen bisher erfolgreich weismachen konnten, dass Männer einfach biologisch nicht in der Lage sind, im Sitzen zu pinkeln...), was ich stante pede bereuen durfte, da sich die Klobrille entschied, unter mir zusammenzubrechen. Die Bruchstelle des Plastiksitzes schnitzte mir ein apartes Muster in das Schenkelfleisch sowie die Grundlage für ein solides Ein-Tages-Trauma in die Außenhaut meiner Seele.

Als ich die Wohnung in Richtung Universität verließ, klatschte mir der oberpfälzische Schneeregen ins Gesicht, und wie das Schneeregen so an sich hat, ist eine Grundvoraussetzung für seine Existenz das Vorhandensein von Temperaturen im Plusbereich. Der von den vorangegangenen Wochen liegengebliebene Schnee wurde dadurch zur mit Abstand ekelhaftesten Form von Wasser: Schneematsch! Schneematsch ist besonders wundervoll, wenn man nicht darauf achtet, dass er einem vor den Füßen liegt. Wer letzten Mittwoch offenbar nicht darauf geachtet hat, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

Mit nassen Füßen, verpackt in nassen Baumwollsocken, umschlossen von nassen Wildledersportschuhen, stand ich nun also in der Studentenkanzlei, um den Studentenausweis für das nächste Semester in Empfang zu nehmen. Die Tatsache, dass zum ersten Mal eine zweistellige Semesterzahl darauf zu lesen war, führte mir schnell wieder vor Augen, was ich die ganze Zeit tief im Hinterkopf mit mir herumtrug: Ich werde alt, besser: ich bin schon recht alt geworden, und das Schlimme dabei: ich habe nicht das Gefühl, dabei klüger zu werden.

Bei der anschließenden Basisrecherche im Internet stieß ich dann zu allem Überfluss auf die Meldung, dass eine iranische Tageszeitung als Retourkutsche zu den zweifelsohne unpassenden Mohammed-Karikaturen einer dänischen Tageszeitung jetzt einen Karikaturenwettbewerb zum Holocaust plant – aus meinem neuen Altersbewusstsein heraus eine mehr als nur kindische Aktion, zumal der Sieger mit Goldstücken belohnt werden solle.

Als wäre all das nicht genug, liegt mir dazu noch die Tatsache im Magen, dass meine WG eine Party geplant hat, ein recht großes Ereignis, das mich besonders aufgrund der Tatsache, dass wir 20 (in Worten: zwanzig!) Kästen Bier eingekauft haben, etwas beunruhigt. Ich fühle mich einfach ein gutes Stück zu alt dafür. Vielleicht will ich auch einfach nicht feiern.

Das Allerschlimmste an all dem ist der Umstand, dass ich nichts daran ändern kann: Die Party findet statt, die Weltgemeinschaft islamistischer Fundamentalisten wird wegen mir ihr Verhalten nicht ändern, das zehnte Semester wird auch nicht wieder zum neunten, wenn ich darum bitte, und dem Schneematsch bin ich einfach wehrlos ausgeliefert.

Die Klobrille jedoch konnte ich bekämpfen. Fünfzehn Euro fünfundneunzig bei der Filiale einer schwedischen Möbel- und Klobrillenkette. Und dazu noch um einiges stabiler als die letzte Brille. Als ich vorhin die ganze Problematik einer Freundin meiner Mitbewohnerin geschildert habe, hat sie an der Stelle mit der neuen Klobrille mit ernstem Gesicht angemerkt, ich würde wenigstens etwas gegen mein Elend unternehmen.

So gesehen kommt es mir momentan so vor, als wäre die Krise an mir vorbeigeschrammt. Und für kommende Krisen bin ich jetzt auch gerüstet. Ich setze mich auf den nagelneuen Toilettensitz und genieße die Schönheit unseres Badezimmers. Und warte gespannt, was der nächste Mittwoch im Speziellen und mein im Grunde doch noch recht junges Leben so für mich bereit halten.

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Geboren 1980 im bayerischen Fürstenfeldbruck, zwischen ein und zwei Meter groß, ein paar Kilo schwer, farbige Augen und Haare. Während des Überspringens der Pubertät (erster Frauenkontakt mit [..]

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