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»Das »Gesundheit« des schlechten Witzes: Eine kurze Geschichte des HOM« vorgetragen von Elmar Voltz
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

17.04.07

Sebastian Klug

Das »Gesundheit« des schlechten Witzes: Eine kurze Geschichte des HOM

Ohne anmaßend wirken zu wollen frage ich mich oft, wie Menschen, die nicht über den Wortschatz meiner besten Freunde aus Schulzeiten und mir verfügen, ihren Alltag bewältigen. Um eines gleich vorauszuschicken: Es geht nicht um unsere Ausdrucksweise. Diese zu bewerten steht mir nicht zu und ist vor allem nicht vonnöten. Nein, vielmehr geht es um ein Repertoire an Worten und Phrasen, die es einem ermöglichen, gewissen Situationen im Alltag so zu begegnen, dass man trotz ihrer wiederkehrenden Nervigkeit über sie lachen kann.

Eines dieser Worte ist HOM. HOM ist das »Gesundheit!« des schlechten Witzes und des unangebrachten Kommentars. Bringt ein Gesprächsteilnehmer in meinem Freundeskreis einen unpassenden Beitrag, der zwar witzig sein sollte, es aber ganz offensichtlich nicht ist, wird dieser mit einem müden Lächeln und einem »HOM« versehen. Das Pikante an der Sache ist, dass sich der Urheber dieses Wortes gar nicht über seinen Verdienst im Klaren ist. Wobei »Wort« beinahe schon übertrieben ist. Das HOM begann als Laut.

Sein Erzeuger ist Wolf-Jürgen. Wolf-Jürgen war seit der frühen Pubertät in unserer Klasse, und er war auch immer ein eher stiller Mensch. Seine Sprachsparsamkeit hatte seinen Sprechapparat bereits ein wenig in Mitleidenschaft gezogen, als Wolf-Jürgen im Rahmen eines Klassenstammtisches begann, sich zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu äußern. Leider hatte er jedoch im Rahmen seiner besagten Sprachsparsamkeit auch einige kommunikative Schlüsselqualifikation eingebüßt. So setzte sich Wolf-Jürgen beispielsweise eines Abends schweigend an einen unterhaltsamen Tisch, an dem sich das Gespräch gerade um den frisch erfolgten Regierungswechsel drehte (wir schreiben das Jahr 1998). Nach ungefähr zwanzig Minuten nutzte Wolf-Jürgen, der bis dahin kein einziges Wort gesagt hatte eine kurze Gesprächspause, um sich in die Runde einzuschalten.

»Mich ham'se geblitzt. Auf der Bundesstraße. Im Norden.«

Stille. Mit diesem Kommentar umgehen zu können war keinem der Anwesenden möglich. Und als hätte er das geahnt, setzte Wolf-Jürgen ein drauf und gab einen finalen Ratschlag ab: »Ich würd' da jetzt nicht schnell fahren.«

Damit definierte Wolf-Jürgen das HOM. Es war ein Prototyp des unangebrachten Kommentars. Eine Blaupause erster Güte. Es musst nur noch ein Name dafür gefunden werden.

Den Namen stiftete Wolf-Jürgen als Nebenprodukt. Vor jedem Satz nämlich atmete er hörbar aus, mit offenem Mund beginnend und zum Ende hin die Lippen verschließend. HOM, so hörte es sich jedes Mal an. Und stand von da an für all diese Kommentare, die uns im Alltag so überraschend häufig begegnen.

Diese kurze Geschichte ist sicherlich zu lang und zu speziell, um eine Eintragung des Wortes HOM in den Duden zu rechtfertigen, aber es sei jedem empfohlen, das Wort in seinen Sprachgebrauch zu übernehmen. Es ist unglaublich vielseitig, und wenn man es sich einmal angewöhnt hat wird man sich schnell erstaunt fragen, wie man eigentlich ohne das Wort zurecht kam. Das HOM kann liebevoll mit einem milden Lächeln kommen, aber auch rügend mit steiler Stirnfalte oder sogar als verbales Stop-Schild in Form eines maschinengewehrartigen HOMHOMHOMs.

Übrigens: Wolf-Jürgen hieß natürlich nicht Wolf-Jürgen. Aber wenn er das hier lesen sollte weiß er sicherlich, dass es um ihn geht. Also, »Wolf-Jürgen«, wenn Du das hier liest kannst Du Dich genüsslich zurücklehnen und Dich in der Gewissheit baden, ein eigenes Wort erfunden zu haben. Eines, das die Sprache einiger Menschen unglaublich bereichert hat. Und mit ein wenig Glück werden es immer mehr.



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Geboren 1980 im bayerischen Fürstenfeldbruck, zwischen ein und zwei Meter groß, ein paar Kilo schwer, farbige Augen und Haare. Während des Überspringens der Pubertät (erster Frauenkontakt mit [..]

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