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29.01.07

Sebastian Klug

Neues vom Schwager: Das Discoseminar

Markus, der kleine Bruder meiner Freundin, hat das Down-Syndrom. Und trotzdem steht der Schwager oft über den Dingen. Und erklärt sich und allen anderen die Welt auf seine ganz eigene Weise.

Markus steht auf Disco. Auf das Tanzen, auf die Mädels, auf die Stimmung und natürlich auf das Weißbier. Es trifft sich daher ganz gut, dass sein großer Bruder eine Disco betreibt. Immer samstags ist Hip-Hop angesagt, und Markus ist bei neun von zehn Malen dabei. Meistens erst etwas später, weil ihm kurz vor der Abfahrt noch einfällt, dass er vorher seinen Körper mit Krafttraining stählen sollte.

»Ich habe gehantelt!« erzählt er mir dann stolz, jedes Mal, wenn er mit seinen Eltern spätnachts die Tanzfläche betritt.

Für mich ist das wie ein Hieb in die Magengrube – ich habe nämlich in der Regel vorher nicht gehantelt. Auch nicht länger vorher. Das letzte gemeinsame Erlebnis meiner Hantel und mir ist im Herbst 2002 angesiedelt, als ich sie im Rucksack von Aldi nach Hause transportieren wollte und drei Tage danach immer noch über Rückenschmerzen klagen durfte. Dennoch bin ich froh, wenn Markus bei mir ist, denn niemand kann einem Disco-Autisten wie mir das lockere Leben zu den Beats besser näher bringen als der kleine Mann mit dem Down-Syndrom.

Alles beginnt bereits, wenn er den Raum betritt. Er hebt die Arme an und beginnt seine Hüften im Takt der Musik zu bewegen. Ein erstes Sondieren des Raumes überspringt er einfach, tanzend begrüßt er die Anwesenden, tanzend trinkt er sein erstes Weißbier, und tanzend versucht er mich ein ums andere Mal zum Tanzen zu überreden und sein Discoseminar mit mir zu beginnen. Nun ist das mit dem Tanzen bei mir so ähnlich wie mit dem Hanteln – die Routine fehlt und die letzten Tanzerfahrungen waren nicht sehr positiv. Dennoch schafft er es ein ums andere Mal, mich zur Bewegung zu bewegen.

Allerdings nur bis nach dem Besuch der dritten Bar. In weiser Voraussicht und unter Berücksichtigung seiner geringen Körpergröße sind die Barkeeper angewiesen, ihm nur ein einziges Bier zu genehmigen – bei drei Bars macht das allerdings tatsächliche drei Weißbier, die aufgrund Markus' schneller Trinkgeschwindigkeit noch ein wenig heftiger wirken als sonst. Nach dem dritten Bier ist er in der Regel auf einer Bank sitzend wiederzufinden. Er sei jetzt sehr müde, sagt er dann, es werde gerade alles unscharf.

Einmal traf ich ihn mit dem dritten Bier auf nüchternen Magen an. Seine Schwester hatte mir vorher verraten, dass er bereits zwei Bier getrunken hatte. »Mein Erstes« antwortete er jedoch auf meine Frage, sein wievieltes Bier das nun sei. Als ich ihn mit der Tatsache konfrontierte, dass es offenbar nicht erst das erste Bier war, überlegt er kurz, schaut nach links, schaut nach rechts, stellt sich auf seine Zehenspitzen und sagt mir mit fester Stimme ins Gesicht: »Ich bin 24 Jahre alt und ein Mann!« Für das Argument, dass er ein recht kleiner Mann sei und deswegen nicht so viel Alkohol vertrage, ist er in dieser Situation nicht offen.

In diesem Fall ist das Seminar bald zu Ende. Wenn er sich jedoch für Cola entscheidet, geht es jetzt erst richtig los. Jeder Schluck wird mit einem ausgelassenen Proster und einem tiefen Blick in die Augen zelebriert, nach dem ersten Bier garniert mit einem leisen Gröhllaut, den er seinem Vater abgeschaut hat.

Er zeigt dann, wie man problemlos Frauen antanzt (was ich allerdings aufgrund der Tatsache, dass ich mit seiner Schwester verbandelt bin, nicht ausprobieren sollte), wie man am coolsten an einer Bar steht und in den Raum blickt und vor allem, wie man schauen soll, wenn eine Kamera auf einen gerichtet ist. Wenn einer der zahlreichen Partypaparazzi sein Werkzeug auf uns hält und ich auf dem Bild hinterher nicht lächle, sagt Markus, ich müsse wohl noch lernen, dass man auf Fotos zu lächeln habe.

Das Antanzen von Frauen hat Markus unlängst auf die Spitze getrieben. Als aufgrund eines kirchlichen Feiertags in Regensburg ein strikt kontrolliertes Tanzverbot verhängt wurde, durfte an diesem Abend in der Disco nicht getanzt werden. Die Security setzte dieses Verbot eisern durch, der einzige, den sie nicht zum Stillstand verdonnern konnten und wollten (und der aufgrund seiner Behinderung wahrscheinlich auch bei der Polizei einen Freifahrtschein gehabt hätte), war Markus. Und da es sich alleine nicht gut tanzt, nahm er sich auch das Recht raus, ein sehr hübsches Mädchen an seine Seite zu ziehen. Die beiden tanzten ausgelassen, ihr ausladender Ausschnitt tanzte in seiner Augenhöhe im Takt mit. Während ihn das größtenteils kalt ließ, schäumte bei einem jungen Hip-Hopper am anderen Ende des Raumes das Testosteron über. Mit unauffälligen Tanzschritten erarbeitete er sich einen Platz an der Seite der schönen Tänzerin, ohne mit Markus' Exklusivanspruch zu rechnen. Mit einem geschickten Hüftschwung schob dieser den Nebenbuhler einen Meter weiter, und auch dessen Versuch, erst mit Markus zu tanzen, fruchtete nicht. Markus wandte sich ab, und die schöne Tänzerin quittierte ihre Verschonung durch ein lächelndes Schulterzucken – ihr Interesse an der Anmache hielt sich offensichtlich in Grenzen.

Bei den Partys seiner Behindertengruppe erfüllt Markus seinen Auftrag als Seminarleiter mittlerweile richtig professionell: er betätigt sich als DJ. Ohne Weißbier, aber sicherlich mit einem ausgedehnten Hanteltraining vorher und einem breiten Grinsen im Gesicht, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Denn er nimmt seinen Bildungsauftrag ja schon ernst.

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Sebastian Klug

Geboren 1980 im bayerischen Fürstenfeldbruck, zwischen ein und zwei Meter groß, ein paar Kilo schwer, farbige Augen und Haare. Während des Überspringens der Pubertät (erster Frauenkontakt mit [..]

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