12.02.06

Melanie Knapp

Kuçukuçu

Gerne lese ich im Duden. Wie einfallslos ist doch die eigene Ausdrucksweise gemessen an den Worten, die zur Verfügung stehen. Aber gekocht wird immer Nudeln mit Tomatensoße. Im Duden Band 11 – Redewendungen – sind vor allem die schönen Beispielsätze aus Presse und Literatur lesenswert. Erstaunlich, welche Formulierungen das Leben seinen Protagonisten so in den Mund legt. In manchen Fällen begnügen sich die Beispielsätze allerdings auch damit, die betreffende Redewendung zu beschwören, anstatt sie zu veranschaulichen. »Ich wollt nur mal bei Ihnen auf den Busch klopfen!«, sag' ich jetzt zwar auch immer, wenn ich einen Raum betrete, aber der Erklärungswert dieses Beispielsatzes ist doch eher gering zu schätzen. »Während ich mich noch fragte, was es mit der Redewendung ›jemanden auf den Busch klopfen‹ auf sich hat, las ich den Beispielsatz ›ich wollt nur mal bei Ihnen auf den Busch klopfen!‹ und erlebte daraufhin meinen Tag von Damaskus«, wäre auch kein guter Beispielsatz für die Redewendung »seinen Tag von Damaskus erleben«. »Hallo, ich erlebe gerade meinen Tag von Damaskus«, allerdings auch nicht.

»Ihm war wie allen im Institut bekannt, dass die Theoretiker wegen des neuen Projekts im Schmollwinkel saßen.« Schon besser. Ein Richtlinienstreit. Oder: »Wenn mein Mann schon wieder eine neue Freundin hat, dann interessiert mich das heute nicht mehr, als ob in China ein Sack Reis umfällt.« Beispielhaft! Nur die Redewendung ist schlecht. Sie drückt eine beschränkte, allein die westliche Perspektive anerkennende Weltsicht aus und wirkt in Weltistgleichdorf-Zeiten erschreckend arrogant. Deshalb würde ich die Wendung »als wenn in China ein Sack Reis umfällt« gleich durch »als ob mein Mann schon wieder eine neue Freundin hätte« ersetzen. »Wenn die Treppe zum wiederholten Male nicht geputzt worden ist, dann interessiert mich das heute nicht mehr, als ob mein Mann schon wieder eine neue Freundin hätte.« Mmmmja. Das schmeckt nach Weltoffenheit und Toleranz. Das duftet nach Gelassenheit. Ein Odeur, wie man es sonst nur von asiatischen Weisheiten her kennt.

»Man darf nie mit dem Wind rechnen, aber man sollte das Fenster immer geöffnet lassen«, steht im Redewendungslexikon gar nicht drin. Sagte aber Wong Kar-Wei, nachdem er gefragt wurde, ob er mit seiner Aufstellung zum Juror auf einem europäischen Filmfestival noch in diesem Leben gerechnet habe. Sehr ausgekocht, dieser Spruch. Berücksichtigt überhaupt nicht, ob man den Wind im Zimmer überhaupt will. »Darum geht es ja auch gar nicht, du Bananenbieger. Das Sprichwort will besagen, dass stets mit dem Unmöglichen zu rechnen ist.« Na großartig, dann kann ich ja stante pede das dünner werdende Eis der Sprichwörter und Redewendungen verlassen und mich überleitungslos dem Themenkreis »Zahnbehandlung« zuwenden. Schließlich ist es das, was ich heute erlebt habe. »Schön wäre es, neben Augen- auch noch Ohrenlider zu besitzen«, ist von Tucholsky überliefert. Bestimmt saß er da entweder beim Friseur oder beim Zahnarzt. Bei letzterem kommt zur allgemeinen Mitteilsamkeit die Unfähigkeit zur Perspektivenübernahme hinzu. Liebe Zahnärzte, ein für allemal, worin ihr da mit euren Gummifingern herumfuhrwerkt, das ist der Mund des Patienten, und dieser benutzt ihn für gewöhnlich zum Sprechen. Wird der Mund bereits zum Herumfuhrwerken benutzt, so ist er damit hinlänglich ausgelastet. Der Patient schweigt nicht aus Bosheit. Er kann schlicht und ergreifend nicht sprechen. Er kann nur leise mit dem Unmöglichen rechnen. Dass er weise und freundlich behandelt wird, beispielsweise.

Doch die Hoffnung trügt. Es wird geschimpft, unterstellt, sich über dreckige Zähne lustig gemacht, geflucht und gekratzt, bis dass es schmerzt. Während er im Mundraum des Patienten seinem schmutzigen Geschäft nachgeht, stellt der Zahnarzt Frage um Frage, und weiß nicht, dass einmal blinzeln nein und zweimal blinzeln ja bedeutet. Der Patient bemüht sich also, beschwichtigende Laute zu artikulieren. Meist gelingt nur so was wie oah. Das erinnert ein wenig an den Laut, der in Frankreich bellenden Hunden zugeordnet wird. Der Patient möchte damit ausdrücken, dass er leidet wie ein Hund. Der Zahnarzt dekodiert diese Botschaft jedoch nicht in angemessener Weise, weil auf diesen Aspekt in seiner Ausbildung zu wenig Wert gelegt wurde. Der Deutsche Patientenbund hat sich mit dem Problem befasst und die Empfehlung herausgegeben, statt »öa« oder »ouah« das türkische Wort »kuçukuçu« zu gebrauchen. Leider zeigt sich hier zum wiederholten Male, dass Formulierungen, die an runden Tischen errungen wurden, häufig eine gewisse Praxisferne anhaftet.

Trotzdem hoffe ich, dass die Theoretiker, die eben aus dem Schmollwinkel herausgekommen sind, nicht gleich wieder hineinlaufen. Obwohl ich die Einrichtung von Schmollwinkeln in den Institutionen befürworte. Dort kann ausgiebig geschmollt und mit der dafür im Gesicht eingerichteten Schnute auch gleich an der Zigarette gezogen werden. Schließlich ist es ja noch keineswegs so, dass das Problem des Rauchens am Arbeitsplatz überall und zu aller Zufriedenheit gelöst ist. Im Schmollwinkel kann dann munter sich gegenseitig auf den Busch geklopft werden. Formulierungen werden ausgekocht und neue Empfehlungen erblicken das Licht der Welt. Beispielsweise die Empfehlung für Zahnärzte, keinen Mundschutz mit der Aufschrift ohne bin ich noch schöner zu tragen. Oder die Empfehlung für Patienten, ihre Zähne mit Backpulver zu putzen, weil sie dann so schön glänzen wie Badezimmerkacheln, die mit Backpulver geputzt wurden. Eine praktische Alltagsweisheit. Eine von der Art, wie sie die Großmütter noch wussten, aber niemals überlieferten, weil sie nach der überstandenen Not der Nachkriegsjahre nur noch »Kuchen« denken konnten. Und da wurde das Backpulver eben gebraucht. Bei den jungen Frauen aber wird ja nicht mehr selbst gebacken. Angebrochene Backpulverpackungen stapeln sich in der unaufgeräumten Küche, die Badezimmerkacheln blicken bewölkt ins Leere. Die jungen Frauen arbeiten nichts, aber ihre französischen Liebhaber geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Dabei werden sie von der Nachbarin beobachtet, die gerade die Treppe mit Backpulver putzt. Die französischen Liebhaber beobachten ihrerseits die Nachbarin und sind schockiert. Dass in Deutschland die Treppen (!) heute noch (!) geputzt (!) werden (!) löst bei ihnen einen heftigen Eshatsichnichtsverändert-Reflex aus. Empört laufen sie zu ihren jungen Freundinnen. Diese beschäftigen sich jedoch gerade mit der Empfehlung, den EU-Beitritt der Türkei solange zu verhindern, wie der türkische Hund »kuçukuçu« macht. Die französischen Liebhaber verlassen fluchtartig die Wohnung. Die jungen Frauen aber interessiert das heute nicht mehr, als ob ihr Mann schon wieder eine neue Freundin hätte.


Dies ist die Druckversion von kolumnen.de/kolumnen/knapp/knapp-120206.html

(In der Druckversion werden Extras wie die Formulare oder Links zu verwandten Kolumnen, Hörfassungen und Übersetzungen ausgeblendet.)

Alle Kolumnen von Melanie Knapp finden Sie hier: kolumnen.de/knapp.html