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»Vitzliputzli« vorgetragen von Kerstin Pollmann
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

13.07.01

Melanie Knapp

Vitzliputzli

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Einige Kinderladenfetischisten vertreten die Hypothese, der menschliche Nachwuchs sei eine natürliche Quelle sprudelnder Kreativität, sofern er nur noch nicht alt und sozialisiert genug sei. Ich aber glaube, dass da Einiges an Kohlensäure zugesetzt wird, und zwar in Form skurriler parapsychologischer Erscheinungen. Angesichts der Kobolde, Thermosflaschengeister und Schnullerfeen, die den Alltag zarter Altersstufen bevölkern, grenzte es an ein großes Aha- und Oooh-Erlebnis, wäre die Weltsicht der süßen Kleinen die eines nüchtern aufgeklärten Zeitgenossen.

»Aha!« höre ich es da im Oberstübchen klingeln. Und warum geben diese einfallsgeilen Geister auf die Gewissensfrage, was sie denn später einmal werden wollen, stets die fadsten aller denkbar faden Berufe zur Antwort? Berufe, die wie vertrocknete Gerippe in der Ödnis der Arbeitswelt vergammeln! Busfahrer, pah... das machen doch nur die, die geil aufs Autofahren sind und selbst niemals freiwillig öffentliche Verkehrsmittel benutzen würden. Astronaut! Noch schlimmer! Die ganze Zeit nichts als Sterne und alle Jahrmillionen Lichtjahre ein ungeklärtes Objekt, über welches im Äther gemeldet wird: Wenn es ein Planet wäre, wäre es der größte bisher bekannte, wenn es eine Kaffeemaschine wäre, wäre es bei Weitem die größte derzeit bekannte; wenn es eine Flokatijacke wäre, wäre es die spacigste bisher bekannte, vielleicht ist es aber auch eine Kapitaldeckungssäule, in diesem Falle wäre es.....schnarch....das kann sich ja kein Mensch vorstellen, nicht einmal ein Kinderladen-Antipokémon-Aktivist. Nicht einmal dessen Nachwuchs, denn kräht der aus vollem Halse, sobald er groß sei, möchte er gefälligst Klärtaucher werden, so vermutet man doch eher eine geistige Überforderung durch die Sendung mit der Maus oder die Aktion »ökologischer Schulanfang«, nicht jedoch die Auswüchse ungebremster Originalität.

Manches einfallslos geschulte Auge mag hier natürlich auch die Folge einer zu früh einsetzenden Reinlichkeitserziehung ausmachen. Wäre dieses Auge ein Ohr, so würde ich ihm nicht auf die Nase binden, dass ich als kleiner Junge einige Wochen mit meiner Mutter in einem Frauenhaus nächtigte und mir dort eine in dieser Gesellschaft nicht weit verbreitete Weltsicht aneignete. In meinen semantischen Netzwerken speicherte ich damals das Starke und Gute in die Nähe des weiblichen Geschlechts, während die männliche Vertretung der Schöpfung mit allen erdenklichen Unwörtern konnotiert wurde. Dem Ohr würde ich nicht flüstern, dass ich im weiteren Verlauf meiner Kindheit die Heulsuse Annika, mit der sich Powerfrau Pippi Langstrumpf umgab, für einen kleinen Jungen hielt. Wickie, den smarten Zeichentrickfilm-Wickinger hingegen, identifizierte ich an seinem Röckchen zweifelsfrei als Mädchen. Als weiteres Indiz diente mir die erste Verszeile aus dem unvergessenen Trailer »Wickiii – sie fässt das Segel an« – eine Satzkonstruktion, die das grammatikalische Verständnis der Zielgruppe weit überschätzt. Erst einige Schuljahre später fand ich mich dank dem Fortschreiten meiner kognitiven Fähigkeiten in der Lage, durch die Erfassung des Imperativs meinen groben Konjugationsfehler zu korrigieren und die Aussage dieser Zeile neu zu entschlüsseln. Sie lautet: »Wickiii – zieh' fest das Segel an!«

Uuups, welch' eine Kinderüberraschung!

Wäre das geschulte Auge nun aber eine Nase, so würde es jetzt mit den Ohren schlackern und ausrufen: »Diese Geschichte stinkt ja zum Himmel! Wer hat Dir diese Worte in den Mund gelegt?« »Der Vitzliputzli!« krähe ich, denn als kleiner Junge wollte ich mich nie als wehrloser Indianer vor die Konfettikanone schmeißen, sondern als Vitzliputzli U-Boot spielen. Und später wollte ich einmal Flugschreiber werden, der weltberühmteste Flugschreiber aller Zeiten, der, der immer und überall gefunden wird. Und Kröver Nacktarsch trinken! Am Besten Kroppzeug knabbernd! Und ganz viele ! machen! wo sie!!überhaupt nicht hingehören!!!!

Aber eigentlich ist alles nur erstunken und erlogen. Das einzige, was ich als kleiner Junge wirklich wollte, ist, Wickie gucken und lernen, wie man »Vluhsuich« ausspricht, damit »Flugzeug« rauskommt. Obwohl ich gar kein kleiner Junge war.



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Melanie Knapp

Geboren 1973 in Nürnberg. Befasst sich gerne mit den großen Fragen des Lebens, beispielsweise, warum das Betreten von Rolltreppen auf Schuhen mit Gummisohlen verboten ist, und wann die Geräte, [..]

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