Zur Druckversion

14.08.01

Melanie Knapp

Von Stehpissern und Sozialschmarotzern

Wissen Sie, was ein Tageslichtschreiber ist? Oder ein Tonträgerspieler? Nun, falls Sie es wissen: Das macht nichts. Vielleicht sind Sie Altphilologe oder Ihr Duden ist ein Familienerbstück. Sollten Sie jedoch einmal den Flyer (den Flieger) eines Geschäfts in der Hand halten, in dem Anstecker und T-Hemden feilgeboten werden, meiden Sie diesen Schuppen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um braunen Dreck.

Brauner Dreck – das ist Scheiße. Halten Sie sich fern, von solcher Gesellschaft, aber erkennen sie die wahren Gründe! Von schlechter Gesellschaft hält man sich fern, weil man die moralische Gefahr für den eigenen Charakter erkennt. So will es der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene in der Fassung von 1964 hören, damit er so etwas wie Soziale Intelligenz oder Verständnis für die »Welt um mich herum« diagnostizieren kann. Dabei wäre Unverständnis für die »Welt um mich herum« sehr viel leichter zu diagnostizieren. Man kann ja ständig so viel falsch machen. Man kann morgens nach dem Aufstehen als Erstes den Fernseher anmachen, mittags im Aldi mit Kreditkarte bezahlen wollen, im Eine-Welt-Laden nach Nestlé-Produkten fragen und abends auf eine Lesben-Grill-Party Rostbratwürste mitbringen. Dass letzteres ein Problem ist, weiß ich erst nach der Lektüre eines sog. Lesbenromans und ich bin den Autoren des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests dankbar, dass sie nicht die Frage stellten: »Warum sollte man niemals Bratwürste auf Lesbengrillfeste mitbringen?« Fragezeichen seien mir auf die Stirn geschrieben! Desgleichen bei der brennenden Frage: »Können Frauen im Stehen Pinkeln?« Hierzu gibt es glücklicherweise Internetforen, auf denen frau erfährt: sie kann! Sie sollte es aber tunlichst unterlassen, sofern sie ein Mann ist, denn bekanntermaßen gehören Männer, die im Stehen pinkeln, zu den Dingen, die man falsch gemacht hat. Finden sich bei einem Grillfest Spritzer auf der Klobrille, wird der gesamte Partyspaß jäh abgebrochen. Es beginnt ein peinliches Verhör. Weh' dem, der jetzt nicht pinkeln kann! Wem das Alibi einer randvollen Blase nicht vergönnt ist, dem wird mit abgebundenem Schniedelwutz eingeschenkt, bis er alles gesteht. Beim Aufbinden spritzt es fürchterlich, die Tapete ist ruiniert. Vom Donner der Erkenntnis will ich gerührt sein, zeigt mir einer eine Haftpflichtversicherung, die noch stehend pinkelnde Männer aufnimmt.

Bei einer Art Hausfrauen-Performance wurde ich einmal genötigt, zuzusehen, wie eine blau gefärbte Flüssigkeit aus 1,70m Höhe »ohne Druck« in eine Kloschüssel gekippt wurde. Das Ergebnis (1,30m Sprinkelkreis) veranschaulichte, wie »unverantwortlich das von den Männern ist, zu verlangen, dass frau so eine Sauerei saubermacht.«

Ich fürchte, es ist nicht nur das Patriarchat. In einem Ratgeber über ambulante Pflege fand ich unter »alternative Angebote« folgende nagelneue Idee: »Ausschließlich weibliche Pflegekräfte schickt Christa Heinle-Schneider ihren Patienten ins Haus, und das rein aus Pietätsgründen. Denn ältere Herren freuen sich über Pflegerinnen, und vor allem ältere Damen lassen sich oft lieber von Frauen baden, waschen und anziehen.« Nicht, dass ich intolerant gegenüber eigenwilligen Auslegungen des Begriffs »Pietätsgründe« wäre. Angesichts des immensen Frauenanteils in Pflegeberufen möchte ich solche Geschäftsideen aber nicht noch einmal unter der Rubrik »alternative Angebote« entdecken. Passender wäre die Sparte »Alles beim Alten« – oder pietätloser: »Alles beim Alten, weil's die Alten so wollen.«

Nicht Alles beim Alten bleibt es in denjenigen öffentlichen Pissoirs, in denen in der Rinne kleine Keramikfliegen herumkrabbeln. Der optische Blickfang animiert den Spieltrieb und fördert die männliche Treffsicherheit.

Möglich, dass die österreichische Regierung, die Sparmaßnahmen und Kürzungen unter das Motto »Soziale Treffsicherheit« gestellt hat, an diese Strategie anknüpft. Zu klären bleibt nur noch die Frage, wen man mit welchem Blickfang markieren sollte, um die soziale Treffsicherheit zu erhöhen. Die schwarze Keramikfliege für Studierende und Stehpisser? Der rote Anstecker für Arbeitslose und Sozialschmarotzer?

Auf dass wir die Welt um uns herum leichter verstehen, denn höhere Soziale Intelligenz fördert die Soziale Treffsicherheit.



Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Melanie Knapp.

Foto: Melanie Knapp

Melanie Knapp

Geboren 1973 in Nürnberg. Befasst sich gerne mit den großen Fragen des Lebens, beispielsweise, warum das Betreten von Rolltreppen auf Schuhen mit Gummisohlen verboten ist, und wann die Geräte, [..]

Ausgewählte Kolumnen von Melanie Knapp

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Melanie Knapp