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»Akkiki und Wollolubu« vorgetragen von Annik Rubens
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

22.02.07

Melanie Knapp

Akkiki und Wollolubu

So habe ich mir das vorgestellt. Ich habe immer gewusst, dass es eines Tages so sein wird. Nur, dass es so schnell gehen würde, dass es praktisch jetzt schon da ist, das hätte ich nicht gedacht.

Letztes Quartal war das noch nicht abzusehen. Ich spreche von Quartal, denn es geht um Arztbesuche, die plötzlich mein Leben ausmachen. Und das ist gut so. Das Gefühl, Termine zu haben und sie einhalten zu können, rangiert in der menschlichen Bedürfnispyramide gleich nach dem Bedürfnis nach Nahrung, Flüssigkeit und einer Heizung.

Während ich im Wartezimmer der Poliklinik für Zahn-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sitze, meine Nummer in der Hand wie ein Alibi, erweitert sich mein Bildungshorizont wie ein endoskopisch mit Lachgas gefüllter Bauch, luftballonartig, schubhaft. Ich verschlinge kuriose Zeitschriften und Broschüren. »Mein Eigenheim« liegt neben dem Wortlaut des neuen Gewaltschutzgesetzes. Mir war nicht klar, wofür sich Zahnärzte alles engagieren. Vielleicht liegen ihnen die Zähne am Herzen, die durch leichtsinnige Schlägereien verlustig gehen könnten. Dazu halbwegs passend erfahre ich in Peter Moosleitners interessantem Magazin, wie man einen Schrumpfkopf bastelt und habe Angst, dass mein Kopf zusammenschrumpft, sobald mein Name aufgerufen wird. Pfffffff....die Nadel, der Anstich, das ganze Wissen nur heiße Luft und nichts mehr da, womit ich die Antwort basteln könnte.

»Was führt Sie zu uns?«

Wohin? Ach ja. Der Weisheitszahn. Was lange gärt, muss endlich raus. Schon zehn Minuten später habe ich ihn nicht mehr im Mund, sondern in der Tasche. Trotzdem brauche ich für den zweiten einen zweiten Termin. Wieso eigentlich? Darum. Und in diesem Quartal sieht's schlecht aus. Wo wir schon dabei sind, haben Sie schon einmal an eine professionelle Zahnreinigung gedacht? Ich bitte darum. Also gut, morgen, aber stellen Sie sich auf eine lange Wartezeit ein. Kein Problem.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Ich vertiefe mich in einen Artikel über »research in horrible sounds«. Warum empfinden wir bestimmte Geräusche als abstoßend, widerwärtig, ekelerregend? Und welche? Motorsäge? Gar nicht so schlimm. Zahnarztbohrer? Nur Platz 36. Halpern, Blake und Hillenbrand erproben 1984 widerwärtige Geräusche an hörigen Probanden und kommen zu folgender Negativliste: Am schlimmsten sei das Geräusch von »garden tools scraping on a piece of slate«. Gartenstühle kratzen auf einer Schlachterplatte, übersetze ich in Horrible English. Zum Zweiten: »fingernails scratching on a blackboard«. Fingernägel quietschen über eine Tafel. Und warum so böse, bitte? Warum stehen der Gehörschnecke die Haare zu Berge und ein Blitz flambiert das Hörzentrum bis tief hinein ins graue Mark? Nein, nicht wegen den hohen Frequenzen. Die können gekappt werden, doch verliert das Geräusch dadurch nichts von seiner abscheulichen Wirkung.

Was tut der Erforscher des menschlichen Empfindens, wenn er nicht mehr weiter weiß? Gewiss, er packt seine Koffer, eine neue Erfindung, Herr Tichy, treten Sie ein, kein Orgonkästchen, kein Kühlschrank, nein, eine Zeitmaschine, was sonst, zu den Vorfahren, den Bärtigen, ich bitte Sie, über die weiß man nichts und darum sind sie immer für eine Erklärung gut.

Warum also wird das Geräusch von quietschenden Fingernägeln auf einer Schiefertafel als höchst unerträglich empfunden? Absolutely understandable! Weil es an den Warnruf von Makaken erinnert, und unseren Vorfahren bedeutete dieser eine Gefahr. Daher klingeln sie in unseren Köpfen, die vorzeitlichen Alarmglocken, Überbleibsel unserer Geschichte und Relikte aus einer vergangenen Zeit.

Uff! Ich schmeiße meinen Weisheitszahn in den Papierkorb und stecke die Zeitschrift ein. Morgen, zur professionellen Zahnreinigung, werde ich sie wieder zurückbringen, bestimmt. »Aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass Sie gleich drankommen.« Nicht doch. Wissen Sie, wie man einen Schrumpfkopf macht?

Zu Hause vertiefe ich mich erneut in horrible sounds und besuche die Webseite www.sound101.org, auf der man horrible sounds raten (sprich: [reitn]) oder auch raten (sprich: [raten]) kann. Was ist das für ein quietschendes Geräusch? Doch nicht etwa Gartenwerkzeuge, die auf einem Stück Schiefer kratzen? Horrible! Doch diese These mit den Makaken hat sich nicht bestätigt. Surprise, surprise. Was können wir uns jetzt noch einfallen lassen, um zu vermeiden, naheliegende Hypothesen testen zu müssen, was dem Ruf der Wissenschaft die Aura des Mysteriums kosten könnte? Eine rudimentäre Abneigung gegen Gartenarbeit, ursprünglich entwickelt von der Kultur der Jäger – aus Angst, von der Kultur der Sammler abgelöst zu werden? Haben wir überhaupt schon Geschlechtsunterschiede getestet? It's a law. Die Leute lieben es. Eine Abneigung gegen Gartenarbeit bei Männern, weil die Gartenarbeit die Männer von der Fortpflanzung abhält? Für einen Spiegel-Bestseller würde es reichen und ich hätte mal wieder ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater.

Blöderweise hat die »hate rate« der Internet User etwas anderes ergeben. Zum Spitzenreiter der Widerwärtigkeiten sind die akustischen Hervorbringungen eines sich bis auf die letzte Schleimhautzelle erbrechenden Menschens gekürt worden.

Der kotzt aber auch garstig. Bei mir hört sich das besser an. Aber Forschung interessiert sich nun mal nicht für Einzelschicksale.

Wie hört sich das eigentlich an, wenn man einen Kopf vom Corpus abtrennt und ihm anschließend die Haut abzieht? Angenommen, es würde sich schrecklich anhören, widerwärtig, beängstigend, käme dann irgendjemand auf die Idee, das Frequenzspektrum des Geräusches mit dem des Warnrufes eines Makaken zu vergleichen?

Aber nein. Es hört sich nicht so an. Es hört sich gut an. Nach Handarbeit. Und Handarbeit hört sich nach Wollmütze an. Wollmütze aber hört sich harmlos an, vollkommen harmlos. Welche Gefahr kann von einer Wollmütze ausgehen? Keine. Es sei denn, die Wollmütze wird anstelle eines Kopftuchs getragen, von einer Lehrerin, während des Unterrichts, das könnte ein Zeichen sein, aber für was? Der Amtbescheid, in dem der Wollmütze unterstellt wird, sie bedecke die Haare der Lehrerin vollständig und könne damit den Eindruck erwecken, dass die Lehrerin gegen die Gleichberechtigung oder die Grundordnung der Republik eingestellt ist, klingt ja schon fast lächerlich. Und warum? Wegen dem Wort. Wollmütze.

Es gibt nämlich ein angeborenes, kulturübergreifendes Sprachempfinden, nach dem ein Wollolubu etwas rundes, weiches, schwabbeliges und eher argloses bezeichnet, ein Akkiki jedoch etwas spitzes, zackiges, vor dem man sich hütet, ein Judenstern vielleicht, ein Zwiebelhacker, ein raumfordernder Weisheitszahn, der Harakiri macht. Das lese ich im Wartezimmer der Hautklinik, wo ich darauf warte, dass aus meinem Skalp ein Schrumpfkopf gemacht wird. Bei der Vorstellung muss ich mich übergeben, ich würge Kristallines hervor. Habe ich das gegessen? Wie sieht das aus? Gallertartig. Es ist ein Wollolubu, ein echter, neugierig beuge ich mich darüber, da fällt mir etwas vom Kopf, hinein in meine Kotze.

Scheiße, es ist meine Wollmütze, die neue, die schöne, die .....uaaah, das geht doch nie mehr raus.

Ich habe jetzt genug von Ärzten, von Warteräumen, von Schrumpfköpfen und Fotos entarteter Zellen, die sich wie ein Akkiki in die gesunde Haut bohren. Ich fahre jetzt heim, ich bleibe daheim. Ich ersteigere mir bei Ebay eine neue Mütze.

Unter Wollmütze finde ich lauter Quatsch. Ich bin ja kein Rapper. Unter Filzmütze finde ich etwas aristokratisches. Graue Herrenfilzmütze. Verkäuferin: Gräfin Anna Lenina von Degenfelden, 74906 Bad Rappen. Das klingt edel. Da fahre ich hin und hole die Mütze persönlich ab.

Guten Tag, Frau Gräfin, öffnen Sie das Tor. Ich komme in der Angelegenheit einer Wollmütze, und wünsche, nicht ohne deren Begleitung wieder abzureisen. Ich vermute, es ist eine Mütze, wie sie auch Karl Johannes Nepomuk Joseph Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena, Fürst zu Schwarzenberg und Graf zu Sulz tragen würde, der neue Außenminister Tschechiens, ja Tschechiens, was sonst, natürlich Tschechiens, denn nur ein Land, dessen Präsident Claus heißt, kann sich diesen klingenden Namen im Zusammenhang mit seinem Außenministerium leisten. Denn Präsident Claus, das klingt nach Lummerland, nicht wahr? Arglos, um nicht zu sagen wollmützenhaft, wenn Sie verstehen, und so beißt sich das Tier nun endlich in den Schwanz und ich komme auf mein Anliegen zurück. Ihre Mütze führt mich zu Ihnen, Ihrer Mütze zuliebe habe ich x verschiedene Termine bei y verschiedenen Ärzten abgesagt und mich in linearer Funktion zu Ihnen begeben, und, ach herrje, ist die aber verfilzt!



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Geboren 1973 in Nürnberg. Befasst sich gerne mit den großen Fragen des Lebens, beispielsweise, warum das Betreten von Rolltreppen auf Schuhen mit Gummisohlen verboten ist, und wann die Geräte, [..]

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