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28.05.02

Melanie Knapp

Liebe Hundebesitzer. Bitte benutzen Sie auch hier Ihre Hundesets.

»Berlin ist nicht München und München ist nicht Berlin«, so erklärte Edmund Stoiber einst den feinen Unterschied zwischen ihm und Angela Merkel.

Nachdem ich diese Behauptung geistig nachvollzogen hatte, gelangte ich zu dem, was heute hierzulande allemal jeder fordert: eine differenzierte Sichtweise. Ich erkannte unter vielen anderen erhellenden Dingen, mit denen ich den Leser verschonen möchte, dass Wien nicht Bayern und Bayern nicht Wien ist. Dafür gibt es Belege, aber die habe ich schon wieder alle weggeschmissen. Meine frisch gewonnene Erkenntnis möchte ich ja auch nicht umtauschen. Ich würde sie aber dem alpenländischen Schifffahrtsverein gegen eines seiner schönen Fs überlassen, damit er auf seiner Webseite nicht mehr »Informationen zu Österreich, der Schweiz und Bayern (Wien)« anbietet.

Wenn Österreich das liest, tritt es vor Schreck der NATO bei.

Ganz anders ich, wenn ich Österreich lese. Also, wenn ich in Wien (Österreich) Schilder lese, möchte ich vor Entzücken österreichischer Staatsbürger werden, weil die Texte auf den Schildern im flotten zeitgemäßen Ton freundlich adressieren. An die Adresse der Duden-Redaktion gerichtet sei die Anfrage, ob es ihnen nicht vielleicht veraltet dünke, die Erläuterungen österr. und veraltet so oft in einem Atemzuge zu nennen, oder sich gar zu erfrechen, österr., sonst veraltet zu schreiben. Sekkieren, österreichisch, sonst veraltet, belästigen, quälen. Entrisch, veraltet, österreichisch, bayrisch das ist mir selbst nicht geheuer. Ist Wien vielleicht doch Bayern? Und beides veraltet? Die Wiener Schilder jedenfalls sind es nicht. Auf den Schildern der Stadt Wien sucht man nicht umsonst die höfliche Anrede sowie die Würze in der Kürze. Hundebesitzern werden augenzwinkernd Kompetenzen unterstellt, der Text verzichtet auf langatmige Grünanlagensatzungen, verschont den Leser mit hässlichen Umschreibungen unhygienischer Sachverhalte (»Verunreinigung durch tierische Exkremente«) und bleibt ganz und gar lösungsorientiert. Perfekt. So möchte ich auch schreiben können. Deshalb nenne ich diese Kolumne entweder: »Liebe Hundebesitzer. Bitte benutzen Sie auch hier Ihre Hundesets.« oder »Liebe Raucher. Willkommen in der Nichtraucherzone.« Dieses Schild hängt in einem U-Bahnhof irgendwo am Ring. Nur die Anrede habe ich dazu erfunden, als winzigen Verbesserungsvorschlag für das ansonsten sehr gelungene Schild. In »Liebe Raucher. Willkommen in der Nichtraucherzone.« kondensieren Kundenorientierung und political correctness mit Spuren von reinstem Zynismus, der nur noch durch den Zusatz »Ihr Malboro Adventure Team« gesteigert werden könnte.

»Liebe Kolumnenleser. Bitte benutzen Sie jetzt Ihr Nachsichts-Übungsset und folgen sie mir zu meiner nächsten Assoziation.«

»Willkommen in der Nichtraucherzone« atmet auch den Geist lose aneinander aufgefädelter Dörfer, durch die man braust, während die Anwohner Schilder malen (»Südumgehung jetzt, der Stadtrat ist verhext«) und sie auf ihre Garagen pflanzen. Das hilft natürlich gar nichts, solange am Dorfeingang »Willkommen in Oberrüsselbach« steht, anstatt »Lieber Autofahrer. Willkommen in der autofreien Zone. Ihr Mazda-Team.«

»Willkommen in Oberrüsselbach« hört sich aber auch nach »Willkommen in Unterrüsselbach« an und das wiederum erinnert an den Zwangsvollzug informativer Führungen in der öffentlich-rechtlichen Schulausbildung, denn in Unterrüsselbach steht eine biologisch mechanische Abfallverwertungsanlage auf Verrottungsbasis zur sichereren Restmüllentsorgung.

Das hat jetzt weiter gar nichts zu bedeuten. Landschaftsbeschreibungen, sozusagen.

In der Originalkolumne, die ich aber schon überarbeitet habe, steht noch drin, dass mich die Verrottungsbasis als Jugendliche gar nicht interessiert hat. Aber interessiert das jemanden?

Es steht auch noch drin, dass mich die Abfallverwertungsanlage jetzt eigentlich viel mehr interessieren würde, aber jetzt müsste ich mir erst einen Biologielehrer angeln, der mir das Ding erklärt, während man damals Biologielehrer im Überfluss hatte. Das will aber auch niemand hören. Und überhaupt niemand mehr kann meine kleine daraus abgeleitete Idee der biographischen Umkehrung verstehen, mit der ich vorschlage, die gesellschaftlichen Aufgaben chronologisch anders zu verteilen. Mit 16 sollte man einfach nicht durch Abfallverwertungsanlagen geschoben werden. Andererseits könnte man in diesem Alter sehr schön in einem Krankenhaus oder in einem Kinderhort arbeiten, da die sozialen Fähigkeiten erprobt werden wollen. Etwas früher, im Vollstadium der Pubertät, hätte es selbst mir großen Spaß gemacht, an der Börse zu spekulieren oder ein kleines Unternehmen zu leiten. Aber spät erst wird man reif für die biologische Restmüllentsorgung. Brutale Worte, die auf taube Ohren stoßen. Falls es mir doch jemand nachfühlen kann, soll er/sie sich bei mir melden, und wir können dann ein neues Gesellschaftssystem entwerfen.

Für alle anderen bleibt es bei der überarbeiteten Version, in der die Abfallverwertungsanlage gar nichts zu bedeuten hat. Reine Landschaftsbeschreibung. Neben dem biologisch-mechanischen Dingens stehen Naturlehrpfadtafeln. Die haben etwas zu bedeuten, aber man findet nicht so leicht heraus, was. Vielleicht dienen sie als eine Art Auffangapparatur für das Selbstwertgefühl übriggebliebener Biologielehrer. Die stellen sich vor den Tafeln auf und intonieren: »Aha. Alles klar. Ich kenne mich aus.« Gewöhnliche Leute, die noch kein Studium abgebrochen haben, sondern an der Börse spekulieren und Assessment Center betreiben, verharren ratlos vor den mysteriösen Inschriften und bekommen doch ihr ganzes Leben nicht eine einzige blauflügelige Ödlandschrecke zu Gesicht, geschweige denn die Dorfgesellschaft des guten Heinrichs.

Deshalb sehnen sich viele Menschen nach Wien, wo zwar nicht Perlgras und Platterbsenwälder sprießen, aber klare, freundliche Sprache dem Bürger bitte zu sagen, was er zu tun hat, gefälligst. Allerdings – und nun bitte, sich fest zu halten – wissen wir aus der Geschichte um das trügerische Wesen so mancher Verheißungen von einer Neuen Welt. Deshalb warne ich den Enttäuschten, Verbitterten, der auf gepacktem Koffer am Straßenrand der Südumgehung sitzt, den Daumen raus und ein Schild hoch streckt: Auch in Wien gibt es irrsinnig entrische Schilder und bald könntest du vor einem solchen wie diesem stehen:

Bis auf Widerruf freiwillig gestattetes Parken auf eigenes Risiko

Da nutzt der beste Biolehrer nichts.

Willkommen am Ende dieser Kolumne.

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Melanie Knapp

Geboren 1973 in Nürnberg. Befasst sich gerne mit den großen Fragen des Lebens, beispielsweise, warum das Betreten von Rolltreppen auf Schuhen mit Gummisohlen verboten ist, und wann die Geräte, [..]

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