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31.01.02

Melanie Knapp

Wonderful World

Neulich wachte ich nachts auf und glaubte, mich in einer nüchternen technisierten Welt zu befinden, in der es für alles eine Erklärung gibt, aber nichts zum Wundern. »Da ist es ja kein Wunder, dass ich nicht schlafen kann«, dachte ich und stellte das Radio ab.

Am nächsten Tag stellte ich es wieder an und hörte einen Beitrag über die »künstliche Herstellung von Tönen zur Verbesserung des Soundtracks im Film«. Ich biss in einen Apfel, während mein Radio krachend den Einsturz einer Felswand simulierte. »Für diesen Effekt beißt der Tonmeister in einen Apfel«, meldete das Radio triumphierend. Ich gönnte ihm einen langen anerkennenden Blick und wunderte mich.

Einige Stunden später hatte ich das Gefühl, mein Dasein in einem nie stillstehenden Ereignisstrom zu fristen. Da beschloss ich, ein wenig parallel zum Ereignisstrom spazieren zu gehen, in der Hoffnung, die Ereignisse dadurch besonders ausgiebig beobachten zu können und nichts zu übersehen. Es war bereits dunkel, die Straßen verkehrsberuhigt, nur meine Schritte hallten durch die Nacht. Genau genommen hallten sie durch die ganze Stadt. Jeder meiner Schritte tönte wie ein dumpfer Schlag aufs Straßenpflaster, als stapfe Godzilla in Metallboots durch Erlangen und diese Vorstellung beunruhigte mich immerhin so sehr, dass ich meine Schritte verlangsamte. Das Geräusch wurde langsamer, aber nicht leiser. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich die Gelegenheit nutzen und paranoid werden oder mich nicht weiter darüber wundern sollte, dass der göttliche Soundtrack auch mal mit Spezialeffekten aufwartet. Dann unterbrach ein Gefühl, als würde mein Herz stolpern, meine Gedanken, und ich merkte, dass nicht mein Herz, sondern meine Füße aus dem Takt liefen. Das Geräusch der dumpfen Schritte löste sich von ihnen und führte mich letztendlich zu seinem Ursprung: Eine Nachtbaustelle, hell erleuchtet. 2000 Watt für einen einsamen Hammerschlag, so schien es. Kein Godzilla. Kein Gott.

Wieder zu Hause teilte ich die Gesamtheit aller Wunder in zwei Gruppen:

1. Sympathische Wunder, wie Synchrone Nachtbaustellen und Apfel-/Felswand-Wunder

2. Unsympathische Wunder, wie die gängigen PhotoRunterfallTantetot – Wunder, die durch Film und Fernsehen spuken;

Unsympathische Wunder eignen sich bestens dazu, kleine Kinder zu verängstigen. Als Kind fiel ich sofort zitternd auf die Knie und begann zu beten, wenn ein Photo herunterfiel, was leider sehr oft der Fall war, weil bei uns zu Hause Portraitaufnahmen noch in schweren Holzrahmen mit Reißzwecken an der Wand befestigt wurden.

Das können Sie glauben oder auch nicht. Am besten ist aber, Sie wundern sich.

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Foto: Melanie Knapp

Melanie Knapp

Geboren 1973 in Nürnberg. Befasst sich gerne mit den großen Fragen des Lebens, beispielsweise, warum das Betreten von Rolltreppen auf Schuhen mit Gummisohlen verboten ist, und wann die Geräte, [..]

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