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02.07.08

Raymund Krauleidis

Happy Birthday!

Zwei Dinge vorweg. Erstens: Ja, ich habe heute Geburtstag. Zweitens: Nein, Sie müssen mir nicht gratulieren. Zumindest nicht sofort! Lesen Sie stattdessen lieber die folgenden Zeilen ...

Mit Geburtstagen ist es wie mit Zahnschmerzen: die eigenen sind immer die schlimmsten. Weitaus angenehmer ist es hingegen, seine Mitmenschen an deren Festtag zu beglücken und ihnen entsprechende Freuden zu bereiten. Allerdings – so lehrte mich meine bisherige Erfahrung – sollten derlei Überraschungen stets sorgsam geplant und bedacht sein. Ich erinnere mich zum Beispiel nur ungern an den Versuch, meine damalige Freundin an deren Geburtstag damit zu überraschen, dass ich vorgab, den selbigen einfach vergessen zu haben. Ich hatte natürlich daran gedacht – nur eben einen Tag zu spät. Da sie jedoch auch in anderen Belangen sehr nachtragend sein konnte, gingen wir kurz darauf getrennte Wege ...

Geburtstage werden schlichtweg überbewertet. Können Sie mir etwa erklären, weshalb man sich zum so genannten Wiegenfest überhaupt gratuliert? Wenn jemand einen schönen Text oder ein herzzerreißendes Gedicht verfasst hat, ist Gratulieren ja okay. Oder auch am Hochzeitstag – schließlich ist jedes schadlos überstandene Ehejahr heutzutage durchaus eine respektable Leistung! Und selbst der Gewinn des Titels »Vize-Europameister« ist zweifelsohne ein zur Gratulation berechtigender Grund. Aber dass man mich heute noch dazu beglückwünscht, dass ich es vor 35 Jahren doch tatsächlich geschafft habe, mehr oder weniger schadlos aus dem mütterlichen Leib herausgepresst worden zu sein, finde ich irgendwie albern. Schließlich beträgt selbst die Regelverjährungsfrist gemäß BGB mittlerweile nur noch drei Jahre. Ungefähr elfmal so lange habe ich übrigens auch keine Wiege mehr von innen gesehen.

Der eigentliche Wahnsinn beginnt allerdings meist schon viel früher. »Was wünschst Du Dir eigentlich?«, eröffnet meine Mutter für gewöhnlich vier bis sechs Monate zuvor bereits die heiße Phase der Geburtstagsvorbereitung. Als Kind hatte diese Fragestellung durchaus noch ihre Berechtigung. Schließlich blieb vom kärglichen Taschengeld durch den regelmäßigen Erwerb von Yps-Heften und Schokolade nicht mehr allzu viel übrig, weshalb es nur bescheidene drei Möglichkeiten gab, dennoch zum heiß ersehnten Chemiebaukasten zu kommen: Weihnachten oder der eigene Geburtstag. Die dritte Möglichkeit – eine Eins in Mathematik – erwies sich hingegen meist nur als theoretisches Konstrukt.
Heute lautet meine – zumindest gedachte – Standardantwort auf die eben erwähnte Fragestellung hingegen: »Nichts, was Du mir erfüllen könntest«.

Ein Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet ist den meisten Schenkenden zu teuer, den Weltfrieden gibt es leider immer noch nicht käuflich zu erwerben und für alles andere habe ich inzwischen meine eigene Master Card. Somit läuft schätzungsweise auch in diesem Jahr alles auf einen nagelneuen Schiesser-Schlafanzug (vielleicht sogar mit lustigen Porsche-Motiven) hinaus, welcher dann zu einem tristen Dasein in den tiefsten Niederungen meines Kleiderschranks verdammt sein wird – unmittelbar neben den Vorjahresmodellen. Aber bekanntlich zählt ja die Geste. Vor allem, wenn sich diese Gesten über die Jahre hinweg schon fast auf den Gegenwert eines in Zuffenhausen produzierten Sportwagens meines Baujahrs aufsummiert haben dürften.

Nicht dass Sie jetzt denken, ich wäre ein oberflächlicher, notorischer Geburtstags-Nörgler. Mitnichten! Ich bin immer wieder gerührt, wie viele Leute an diesem Tag doch an mich denken! Deshalb habe ich auch in diesem Jahr wieder eine kleine Tabelle vorbereitet, in welcher mein kompletter Freundes- und Bekanntenkreis aufgeführt ist (plus einer zusätzlichen Spalte für das jeweilige Geschenk). Morgen werde ich die Liste fein säuberlich abhaken und danach höchstwahrscheinlich wieder ein paar so genannte »Freunde« weniger mein Eigen nennen. Selbst schuld – man vergisst auch keine Geburtstage!

Zu dieser tollen Idee dürfen Sie mir jetzt übrigens ruhig gratulieren! Sach- und Geldspenden sind ebenso willkommen – Sie wissen ja mittlerweile, was ich mir wünsche ...



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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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