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06.04.08

Raymund Krauleidis

Brumm Brumm – oder: Gruppensex im Joghurtbecher

Das schöne am Kindsein ist die Reduzierung der Komplexität auf das Notwendige. So ist für meinen zweijährigen Neffen ein Fortbewegungsmittel noch kein Daimler, BMW, Porsche, Ford oder Opel, und auch die Tatsache, ob er mit Kompressormotor, Turbomotor oder einem Diesel-Direkteinspritzer von A nach B kutschiert wird, spielt für ihn keine wesentliche Rolle. Für ihn ist alles ein und dasselbe: ein »Brumm Brumm«.

Das könnte sich aber jeden Moment ändern. Denn die Komplexität des Alltags verhält sich zum einen proportional zur Anzahl der Stunden, die ein Mensch seit Öffnung der mütterlichen Cervix uteri auf diesem Planeten verweilt. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erhöht sie sich zudem noch, je weiter sich die Menschheit von jenem Tag entfernt, an dem in der Nähe von Jerusalem ein Mann ans Kreuz genagelt wurde, weil er – vereinfacht dargestellt – vorgeschlagen hatte, man könne sich doch künftig einfach mal auf's Wesentliche konzentrieren.

Experten nennen diesen Effekt auch »Mooresches Gesetz«.

Ursprünglich bezog sich dieser ominöse Herr Moore allerdings auf die Anzahl von Transistoren auf handelsüblichen Speicherchips. Diese verdoppelt sich nämlich im Schnitt alle zwei Jahre und sorgt somit für eine stetig ansteigende Komplexität auf den witzigerweise immer kleiner werdenden Chips, wie Herr Moore ziemlich genau 1965 Jahre nach dem tragischen Zwischenfall bei Jerusalem feststellte.

Letzten Endes ist die Menschheit jedoch auch nichts anderes als ein Kuddelmuddel aus unzähligen Schaltkreisen und biologischen Speicherchips. Zugegeben: vielleicht verdoppelt sich die Komplexität unseres Alltags nicht gerade alle zwei Jahre, aber dennoch ist ein ähnlich gelagerter Effekt nicht von der Hand zu weisen.

Und der fängt schon bei normaler, zwischenmenschlicher Interaktion an.

Als ich ein Teenager war (also ungefähr zu der Zeit, als Britney Spears noch munter in die Hosen machte), gab es zum Beispiel Sex. Einfach nur Sex. Okay, es gab auch damals schon unterschiedliche Stellungen und Intensitäten – aber das war's dann auch. Zumindest laut der BRAVO. Wenn jedoch heute über das Thema gesprochen wird, fühlt man sich fast schon wie bei McDonalds:

»Mir wär's heute nach einmal Gangbang mit einer Prise BDSM.«
»Griechisch?«
»Schau mal Schatz: Gruppensex wäre im Angebot!«
»Okay, dann einmal Doggy-Style, einmal mit Fisting und noch ein bisschen Spanking.«
»NS oder KV dazu?«
»Aber nur einen kleinen Spritzer!«
»Zum Mitnehmen oder hier essen?«

Da kann einem wirklich der Appetit vergehen. Apropos: Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass auch Lebensmittel immer komplexer werden?

So war noch bis vor einigen Jahren die Geschmacksrichtung das einzige Unterscheidungsmerkmal bei Joghurt. Es gab Erdbeere, Himbeere oder Ananas. Suspekte Mischungen wie »Waldfrucht« deuteten allerdings bereits recht früh auf eine drohende Zunahme der gefühlten Komplexität hin. Das Chaos war jedoch erst richtig perfekt, als die ersten probiotischen LC-Kulturen plötzlich damit begannen, ungefragt die Supermärkte und Werbeblöcke dieser Welt zu okkupieren.

Wieso es zudem auf einmal von Bedeutung war, zu wissen, in welche Richtung der Joghurt bei seiner Herstellung gedreht worden war, habe ich bis heute nicht verstanden. Die Geschmacksrichtung verlor zunehmend an Bedeutung und ich mein Interesse an Joghurt. Wer konnte mir garantieren, dass diese merkwürdigen Kulturen nicht gerade dabei waren, wilde Gruppensexpartys in ihrem Becher zu veranstalten, während ich sie genüsslich verspeisen wollte? Ein marginal unappetitlicher Gedanke ...

Doch ich will nicht immer alles schlecht reden, auch wenn sich die Liste beliebig fortführen ließe. Die stetige Zunahme der Komplexität hat natürlich – absolut betrachtet – auch ihr Gutes. Könnten Sie sich etwa vorstellen, immer noch Mammuts zu jagen und in dunklen, feuchten Höhlen zu hausen? Oder gar den lieben langen Tag auf Bäumen herumzuklettern – und zwar ohne Handy, Laptop und iPod? Nein? Ich nämlich auch nicht! Und deshalb freue ich mich insgeheim sogar ein klein wenig über Dinge wie Diesel-Direkteinspritzermotoren oder den Gangbang im Joghurtbecher ...

Jetzt muss ich mich aber wieder um meinen kleinen Neffen kümmern. Ich glaube, er hat gerade zum ersten Mal »Porsche« gesagt!

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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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