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10.02.08

Raymund Krauleidis

Mann 2.0

Männer haben auch Gefühle. Sicherlich dürfte dieses intime Geständnis vielerorts für Verwirrung und Verwunderung sorgen. Aber wer sagt denn, hochverehrtes Weibsvolk, dass ihr die Gefühlsebene für euch alleine gepachtet habt? Das war einmal ...

Ja, ich gebe zu, dass ich das Radio aufdrehe, wenn James Blunt oder gar »Apologize« von Timbaland (oder war es Timberlake? Ich verwechsle die beiden gerne) durch den Äther gejagt wird. Bin ich jetzt ein Weichei, ein Waschlappen oder gar schwul – nur, weil ich Gefühle mein Eigen nenne und diese ab und an zur Schau stelle? Muss ich im Jahr 2008 etwa immer noch durch die Gegend laufen wie ein Terminator und mit eingefrorener Mimik alles kaputt machen, was sich mir den ganzen Tag über in den Weg stellt, während Guns N' Roses im Hintergrund den Soundtrack meines Lebens rockt? Mitnichten! Denn, falls es irgendjemand tatsächlich noch nicht bemerkt haben sollte: Die Ära der unterdrückten männlichen Emotionen ist vorbei.

Willkommen im Zeitalter der neuen Männlichkeit!

Jungs, jetzt mal ehrlich. Wer von euch hatte bei »Missing in Action« kein Tränchen im Auge, als Colonel Braddock, gespielt von Chuck Norris (dem Chuck Norris), nach diversen Massakern und Blutbädern seine Kameraden schlussendlich doch noch in die Arme schließen konnte? Ich vermute übrigens, dass Filme dieser Art Frauen völlig überfordern, da sie bei Männern Emotionen auslösen, mit denen umzugehen Frau nicht in der Lage ist. Deshalb blieben Männer im Kino auch bevorzugt unter ihresgleichen und vergossen – vom weiblichen Part der Bevölkerung weitestgehend unbemerkt – bittere Tränen zu herzzerreißenden Dramen wie »Full Metal Jacket«, »Platoon« oder »Rambo I-III«.

Drohte zur Abwechslung einmal Damenbesuch in den eigenen vier Wänden, musste die Wohnung rasch so umdekoriert werden, dass keinerlei Spuren emotionaler Schwäche mehr sichtbar waren. Ergo wurden die Kuschelrock-LPs, die Stofftiersammlung sowie sämtliche Familienbilder kurzerhand in Schubladen verfrachtet und temporär durch Death-Metal-Platten, Gummipuppen und Playmate-Kalender ersetzt. Wir machten das jedoch nicht, weil wir es unbedingt so wollten, sondern weil ihr, liebe Frauen, das von uns erwartet habt – genau so wie wir im Gegenzug von euch ein leckeres Essen, eine saubere Wohnung oder eine Nackenmassage nach einem harten Arbeitstag. Dann jedoch geschah – langsam aber unaufhaltsam – das Unfassbare: Frauen zeigten immer weniger Interesse daran, ihre Männer zu bekochen, beputzen und bespaßen. Stattdessen widmeten sie sich Dingen, von denen sie bis dato keine Ahnung hatten (böse Zungen behauten übrigens, dass sie das auch heute noch nicht hätten): Bohrmaschinen, Werkzeugkisten, Fußball und Bier – um nur einige Beispiele zu nennen. »Emanzipation« nannte sich dieses Phänomen und eine gewisse Alice Schwarzer aus der Weltmetropole Wuppertal-Elberfeld wurde zum Messias der neu definierten Weiblichkeit.

Es folgte die intersexuelle Anarchie.

Während sich immer mehr Männer verwirklichten, indem sie ungeniert Koch-, Back- oder Klöppelkurse belegten, wurden ihre Frauen aus purer Langeweile und Boshaftigkeit Fußballweltmeister. Wollte Mann nach den ganzen Strapazen dann einfach »nur kuscheln«, statt wilden, hemmungslosen Sex zu haben, war ihre Enttäuschung unendlich. Kurz: die übliche geschlechtsspezifische Rollenverteilung, sorgsam über Jahrhunderte aufgebaut und kultiviert, wurde sukzessive aus ihren Angeln gehoben. Nach und nach öffneten sich somit die Pforten zu einer neuen, bis dato völlig unbekannten Welt. Und in einer Welt, in der Frauen bohren, schrauben und sich freiwillig zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr melden – ja sogar, überhaupt der Bundeswehr beitreten können -, wird Mann doch wohl auch ab und zu Tränen vergießen, James Blunt hören, "Gala" lesen oder einfach nur mal kuscheln wollen dürfen – und zwar ohne sich daraufhin hämische Kommentare von der anderen Seite anhören zu müssen! Denn das, lieber weiblicher Teil der Leserschaft, ist unser neues Selbstverständnis: Mann 2.0.

Ihr habt schließlich damit angefangen ...



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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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