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10.09.08

Raymund Krauleidis

Europa sucht das Super-Higgs

Seit wenigen Stunden sind 5.000 der renommiertesten Wissenschaftler Europas unweit von Genf damit beschäftigt, das sagenumwobene »Higgs-Teilchen« zu finden. Ob es das so genannte »Gottesteilchen« allerdings überhaupt gibt und was man damit alles machen kann, weiß keiner genau – selbst die 5.000 Wissenschaftler nicht. Da das Higgs-Teilchen aber irgendwie dafür verantwortlich sein soll, dass alles auf diesem Planeten eine Masse hat, könnte es womöglich für die Weight Watchers von großem Interesse sein. Oder auch nicht ...

Grundsätzlich möchte sich bislang niemand so richtig festlegen, was in den nächsten Monaten im neuen, vier Milliarden Euro teuren Teilchenbeschleuniger LHC, der faszinierendsten aller jemals durch Menschenhände erbauten Maschinen (vom Eierkocher einmal abgesehen) passieren wird – außer ein paar apokalyptischen Schwarzsehern, die sich angeblich sicher sind, dass in den 27 Kilometer langen Rohren versehentlich Schwarze Löcher herangezüchtet werden, welche die Erde dann in absehbarer Zeit verschlingen.

Genau darin besteht auch der eigentliche Reiz der Forschung: nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird. Und manchmal ist das wirklich besser so… Hätten meine Eltern beispielsweise vorher schon gewusst, dass ich mit Hilfe meines Chemiebaukastens eines schönen Tages die komplette Wohnung unbewohnbar machen würde, hätten sie mir den selbigen seinerzeit bestimmt nicht unter den festlich dekorierten Weihnachtsbaum gelegt. Nichtsdestotrotz bereiteten mir die Experimente viel Vergnügen, selbst wenn es mir – von drei Wochen Hausarrest (in einer neuen Wohnung) einmal abgesehen – nicht wirklich etwas gebracht hat. Ähnlich werden wohl auch die 5.000 Wissenschaftler an ihre Arbeit herangehen: » ... und falls die Welt aus Versehen doch untergeht, dann hatten wir zuvor wenigstens noch mal ordentlich Spaß!«

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Auf die Apokalypse werden wir – allen Unkenrufen zum Trotz – jedoch auch dieses Mal vergeblich warten. Mutter Erde selbst produziert nämlich seit rund 4,5 Milliarden Jahren in hübscher Regelmäßigkeit ebenfalls Schwarze Löcher. Behaupten zumindest die Experten. Und ich kann dies nur bestätigen. Wie oft schon entschwanden mir Feuerzeuge, Kugelschreiber, Schlüsselmäppchen oder sonstige Gegenstände ebenso plötzlich wie frei von jeglichen logischen Erklärungsmöglichkeiten? Davon untergegangen ist die Welt aber bislang noch kein einziges Mal!

Mich würde es übrigens nicht weiter verwundern, wenn ich eines schönen Tages einen Anruf aus Genf bekäme, in dem mir mitgeteilt wird, dass mein im Jahre 1993 in einer Telefonzelle in Tübingen verschwundener Geldbeutel (Inhalt: 23,73 DM nebst Personalausweis) vor wenigen Minuten inmitten eines im LHC produzierten Schwarzen Lochs wieder aufgetaucht sei. Sicherlich würden die Kritiker von heute dann plötzlich alle behaupten, sie hätten das Ding ja schon immer richtig klasse gefunden und sich – wie der Rest der Menschheit – wahnsinnig über die Zusammenführung ihrer teilweise jahrzehntelang getrennten Sockenpaare erfreuen.

Das eigentliche Problem des Milliarden-Projekts sehe ich vielmehr an einer völlig anderen Stelle: wenn die angeblich 5.000 besten Wissenschaftler Europas für die nächsten paar Jahre allesamt damit beschäftigt sind, wehrlose Teilchen bis zu deren Besinnungslosigkeit zu beschleunigen, wer kümmert sich dann währenddessen um die wirklich wichtigen Dinge?
Zum Beispiel um die Entwicklung eines Eierkochers, der außer den beiden Aggregatzuständen »flüssig« und »steinhart« noch eine dritte, bislang in diesem Zusammenhang gänzlich unbekannte Ausprägung kennt: »zart cremig«?
Oder einer stinknormale Kaffeemaschinen, bei denen man beim Befüllen des Wassertanks nicht jedes Mal die halbe Arbeitsplatte unter Wasser setzt?
Oder einem Bügeleisen, an dem ich mir nicht regelmäßig Arme und Finger verbrenne?

Vielleicht sollte ich einfach nur etwas mehr Geduld haben. Denn möglicherweise stellt sich bald schon heraus, dass sich all diese (und noch weitaus mehr) Probleme künftig mit diesem komischen Higgs-Teil lösen lassen ...

Ich freu mich jedenfalls schon auf das Ding!



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Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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