.


Zur Druckversion

12.02.10

Raymund Krauleidis

Das Vierte Fragezeichen

Als ich zehn war, liefen die Geschäfte schlecht ... Ja, Sie haben richtig gelesen: Während sich meine Klassenkameraden noch altersgerecht mit Playmobil, Barbiepuppen oder sonstigen Peinlichkeiten beschäftigten, wagte ich tatsächlich schon im zarten Alter von zehn Jahren den gewagten Schritt in die Selbständigkeit – als Privatdetektiv, um genau zu sein ...

Schuld daran waren insbesondere drei Menschen: Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Daneben gab es natürlich auch noch TKKG – die ich jedoch, obgleich seinerzeit eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Klößchen und mir nicht von der Hand zu weisen war, vergleichsweise eher uncool fand. »Fünf Freunde« ging übrigens gar nicht! Weshalb, kann ich heute leider auch nicht mehr so genau sagen – vermutlich spielten mir einfach zu viele Mädchen mit ...

Jedenfalls beschloss ich eines schönen Tages im Jahre 1983, es den »Drei Fragezeichen« gleichzutun und eröffnete mit stolz geschwellter Brust das erste Detektivbüro in unserer beschaulichen Tausend-Seelen-Gemeinde. Ich bestellte mir von meinem mühevoll zusammengesparten Taschengeld den »Drei Fragezeichen-Detektivkoffer« (Inhalt: Fingerabdruckpulver, eine billige Plastik-Kleinbildkamera, eine Lupe sowie ein superwichtig anmutender »Detektiv-Ausweis«), hing mir ein mit der elterlichen Schreibmaschine verfasstes Schild mit den Öffnungszeiten in mein Kinderzimmerfenster (Mo. - Fr. von 15 bis 19 Uhr – danach musste ich schließlich ins Bett) und wartete gespannt auf meinen ersten Fall ...

Was ich dabei allerdings nicht bedachte: In einem kleinen Dorf am Rande der Schwäbischen Alb passierte Anfang der achtziger Jahre – rein verbrechenstechnisch gesehen – leider kaum etwas. Eigentlich gar nichts, um genau zu sein. Somit sollte die Suche nach dem Ganoven, der Omas Blumentopf brutal von der Außenfensterbank gestoßen hatte, auch mein erster und gleichzeitig einziger ernstzunehmender »Fall« als Privatdetektiv bleiben. Das Rätsel wurde übrigens nie richtig gelöst ...
Im Nachhinein werde ich aber den Verdacht nicht los, dass meine Oma das Ding damals selbst kaputt gemacht hat. Aus purem Mitleid ...

Aufgrund der angespannten Auftragslage verkürzte ich dann zunächst meine montäglichen Öffnungszeiten auf 17:45 Uhr. Somit konnte ich wenigstens in aller Ruhe »Ein Colt für alle Fälle« schauen, statt sinnlos in meinem Zimmer darauf zu warten, dass ein potenzieller Kunde an die Fensterscheibe klopft. Und hätte es tatsächlich einmal jemand getan, so hätte ich mich vor Angst wahrscheinlich zitternd unter meinem Bett verkrochen und darauf gewartet, dass mir Colt Seavers mit seinem GMC-Pickup heldenhaft zu Hilfe eilt. Aber das nur am Rande ...

Irgendwann hatte ich die Warterei dann schließlich endgültig satt. Ich entfernte das Schild aus meinem Fenster und teilte meiner Oma offiziell mit, dass ich mich ab sofort anderen Aufgaben zu widmen gedenke, was von ihr mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde. Vermutlich nahm sie meine ermittlerischen Ambitionen eh nie richtig erst.

Die weitere Karriere des ominösen »Vierten Fragezeichens« ist schnell erzählt: Auf der Suche nach neuen Herausforderungen wurde ich relativ rasch fündig. Ich widmete mich in den folgenden Jahren zunächst dem Sammeln von Briefmarken, ehe diese Leidenschaft vom plötzlichen aufkommenden Interesse für das andere Geschlecht abgelöst wurde (die Ähnlichkeiten mit Klößchen waren mittlerweile zum Glück Geschichte). Heute schreibe ich Bücher über Controlling und Buchführung sowie ab und zu auch peinliche Kindheitserinnerungen für kolumnen.de. Verraten Sie das aber bitte nicht Justus, Peter und Bob – es wäre mir irgendwie peinlich.

Apropos: Gestern erzählte mir meine Mutter am Telefon, dass unbekannte Täter in der Nacht auf Montag die Tischtennisplatte im Innenhof meiner ehemaligen Grundschule demoliert hätten. Endlich war im Dorf mal so richtig was los! Leider ein paar Jahre zu spät: Den »Drei Fragezeichen-Detektivkoffer« hatte ich bereits 1984 gegen ein Briefmarkenheft aus der Dauerserie »Burgen und Schlösser« (Nennwert drei D-Mark) eingetauscht. Irgendwie schade ...

Zum Zehnjährigen

... von kolumnen.de drehen sich die Kolumnen in dieser losen Reihe um den zehnten Geburtstag: Ob der eigene zehnte Geburtstag, ein historischer Moment, eine erste Liebe ...

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Raymund Krauleidis.

Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

Ausgewählte Kolumnen von Raymund Krauleidis

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Raymund Krauleidis