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16.12.08

Raymund Krauleidis

Impressa und ich

Kaum ein Getränk spielt in unserer Gesellschaft eine ähnlich große Rolle wie Kaffee. Man trifft sich allenthalben »mal eben auf einen Kaffee«, ältere Damen pflegen gerne das mehr oder weniger kultivierte Ritual des Kaffeekränzchens und die bürointernen Neuigkeiten und Gerüchte erfährt man natürlich nirgendwo anders als in der Kaffeeküche. Auch ich war dem aromatischen Heißgetränk nicht abgeneigt – bis wir eine neue Mitbewohnerin bekamen ...

Unsere Mitbewohnerin hört auf den klangvollen Namen »Impressa F 50«. Ihren Familiennamen möchte ich an dieser Stelle übrigens nicht erwähnen – nur so viel: er deutet bereits an, dass ein abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften (oder eine vergleichbare Ausbildung) dringend vonnöten sind, um reibungslose Alltagsabläufe in ihrer Gegenwart halbwegs sicherzustellen.

Die »Impressa F 50« ist nämlich von Beruf Zicke. Nebenher brüht sie zugegebenermaßen auch gerne mal die eine oder andere Tasse Kaffee. Aber nur, wenn sie Lust und Laune dazu hat – was jedoch, zumindest soweit ich das beurteilen kann, so gut wie nie vorkommt. Mittlerweile kann ich den mitleidigen Gesichtsausdruck des Media Markt-Verkäufers nur zu gut verstehen, als er uns die Impressa F 50 seinerzeit als Kaffeemaschine anpries. Als Kaffeevollautomat, um genau zu sein.

Nachdem unsere konventionelle Kaffeemaschine (19,99 Euro bei Aldi Süd) vor wenigen Monaten farblich plötzlich nicht mehr so recht in die Küche passen wollte und uns fünf Minuten Wartezeit für eine schnöde Tasse Kaffee grundsätzlich eh viel zu lange erschien, entschieden sich die wahlberechtigten Mitglieder des Familienrats mit einer Pro-Stimme sowie einer Enthaltung (von mir) nahezu einstimmig für den Erwerb eines formschönen Kaffeevollautomats im Wert von sagenhaften 929,99 Euro.

»Vollautomat« bedeutet in diesem Zusammenhang übrigens, dass man alles vollautomatisch selbst machen muss. Die Anweisungen hierzu gibt ein kleines Display, auf welchem im Minutentakt neue Imperative in Form von roten Bildpunkten erscheinen. Ehe man – wenn überhaupt – in den Genuss einer Tasse Kaffee kommen konnte, waren somit fortan folgende Arbeitsschritte zu beachten:

  1. Anschaltknopf drücken
  2. während der Aufwärmphase leicht verunsichert sowie in Erwartung weiterer Instruktionen ziellos in der Küche umherirren
  3. die Pflegetaste betätigen
  4. den Wassertank füllen, selbst wenn er noch voll ist (der Impressa F 50 geht es hierbei rein ums Prinzip!)
  5. Trester leeren, selbst wenn er gänzlich leer ist (siehe oben)
  6. frische Bohnen zuführen
  7. die Stärke sowie die gewünschte Füllmenge auswählen
  8. Starttaste drücken
  9. panisch den Abschaltknopf suchen
  10. Entfernen der in Ermangelung eines entsprechenden Hinweises, rechtzeitig eine Tasse unter die Düsen zu stellen entstandene Sauerei
  11. siehe 1.)

Überraschenderweise gewöhnt man sich im Laufe der Zeit an alles. Auch an eine Wartezeit von rund zehn Minuten vor einem zickigen Vollautomaten. Und an ein Leben ohne Kaffee.

Richtig grotesk wurde die ganze Sache aber erst, als unsere Impressa F 50 vor wenigen Tagen damit begann, sich eigene, bis dato unbekannte Instruktionen auszudenken und den Anwender (also in der Regel mich) vollständig zu überfordern. »Bring gefälligst den Müll runter, statt hier nur dumm rum zu stehen«, »Denkst Du, die Spülmaschine räumt sich von alleine aus?« oder »Da hinten liegen Krümel – Du weißt wo der Staubsauger steht« war nun plötzlich – um nur einige Beispiele zu nennen – auf dem Display unserer Impressa F 50 zu lesen.

Ich beschloss, mich von unserer Mitbewohnerin zu distanzieren. Kaffee substituierte ich zunehmend durch Alkohol und die Befehle der Impressa F 50 wurden zwar zur Kenntnis genommen, bestenfalls aber mit zynischen Bemerkungen meinerseits quittiert.

Heute Morgen erwartete mich dann die nächste unliebsame Überraschung: »Habe die Schnauze endgültig voll von Dir!!! Ziehe vorübergehend zu meiner Mutter ...« huschte in roten Buchstaben über das Display unseres Vollautomaten. Durch einen merkwürdigen Zufall der Natur hatte auch ich mittlerweile die Schnauze voll! Unsanft trennte ich die Impressa F 50 von der Stromversorgung, öffnete das Fenster und ...

»Schatz, bist Du wach?«

Verdutzt öffne ich meine Augen und schaue in ein mir wohl vertrautes Gesicht. Gott sein Dank – alles nur ein Alptraum! »Hast Du von mir geträumt?«, haucht mir meine bessere Hälfte von rechts ins Ohr und schaut mich dabei erwartungsvoll an. »So in etwa«, erwidere ich wahrheitsgemäß und gähne.

»Wenn Du eh schon wach bist«, keift sie mich plötzlich an, »kannst Du mir eigentlich auch gleich einen Kaffee machen!«

Aber gerne doch, Impressa!

Zuvor melde ich Dich aber eben noch bei Deiner Mutter an ...



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