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17.09.07

Raymund Krauleidis

Business as usual:
Ich und der Vorstand

9:23 Uhr. Fast alle sind da: Müller aus dem Vertrieb, Schmoltke aus der Buchhaltung, Produktentwickler Petersen, Kleinmann, seines Zeichens Bereichsleiter Controlling und Einladender des heutigen Meetings in Personalunion sowie meine Wenigkeit. Lediglich Dworschak aus dem Marketing lässt sich wegen akuter Diarrhö entschuldigen.

Eigentlich mag ich diese Termine nicht, bei denen ich im Vorfeld nicht genau weiß, worum es geht. Wenige Minuten später bin ich jedoch etwas beruhigter: keiner der Anwesenden scheint es zu wissen.

Das ganze nennt sich »Kick off« – eine Art feierlicher Willkommensgruß für ein neues Projekt. Um den feierlichen Charakter der Veranstaltung zu unterstreichen, werden sogar Kekse gereicht, die die Sekretärin Kleinmanns aus dem entlegensten Winkel ihres stets unter strenger Bewachung stehenden Vorratsschranks hervorgezaubert haben muss (Verfallsdatum: Oktober 2001). Dazu wahlweise kalten Kaffee oder lauwarme Kaltgetränke.

Dann geht's los. Kleinmann (intern wegen seiner spitz zulaufenden Nase auch »Graf Zahl« genannt) eröffnet das Meeting zu unserer großen Überraschung mit »So!«. Sehr ungewöhnlich, da er normalerweise »Goodie!« als Einstiegsfloskel zu verwenden gedenkt. Vielleicht ist er um diese Uhrzeit noch nicht ganz so gesprächig, vermute ich.

Doch weit gefehlt: Es folgt eine Ansprache Kleinmanns in gefühlter Länge der durchschnittlichen Tragzeit von Streifenhörnchen, in welcher er inflationär und ohne erkennbaren Zusammenhang zum eigentlich Gesagten mit Worthülsen wie »Produktivität«, »Total Quality«, »Effizienz« und »Kosteneinsparungspotenziale« um sich wirft. Dieser fehlende Zusammenhang resultiert übrigens größtenteils daraus, dass es inhaltlich schlicht und ergreifend nichts »Gesagtes« gibt.

»Somit«, schließt er seinen Monolog pathetisch ab, »haben ich und der Vorstand beschlossen, ein Projekt aufzusetzen. Und genau deswegen sind wir heute alle hier.«

Ach deshalb! Ich dachte schon, die Kekse müssten nur endlich mal weg.

Es folgt betroffenes Schweigen. Schmoltke schaut Müller an, Müller schaut Petersen an, der wiederum verstohlen in meine Richtung schaut, während Kleinmann mit erhöhtem Speichelfluss durch die Glastür auf die Titten der im Flur stehenden Praktikantinnen starrt. Ich schaue weg und wünsche mir, die verbale Diarrhö Kleinmanns gerade nur geträumt zu haben.

Nach ein paar Minuten ratloser Stille gebe ich mir schließlich einen Ruck und versuche, die munter im Raum umherschwirrende, alles entscheidende Frage in Worte zu packen:

»Und ... zu ... welchem ... Thema genau ...???«

Graf Zahl schaut mich an, als hätte ich ihn soeben gefragt, ob ich mal kurz mit seiner Frau schlafen dürfte und wühlt nervös in seinen Papieren herum. »Ich und der Vorstand«, zischt er geringfügig aggressiv, »haben keine Zeit und Lust, uns in Detailfragen zu verlieren. Für was haben wir Sie schließlich eingestellt? Zeigen Sie mal, dass Sie alle Ihr Geld auch wert sind!«

Ich wage einen erneuten Vorstoß um mir absolute Klarheit über die Situation zu verschaffen: »Das Ziel des Projektes ist es also, ein Ziel für das Projekt zu finden?«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Sie sind die Projektgruppe! Also stellen Sie keine unnötigen Fragen, sondern machen Sie sich an die Arbeit, meine Herren! Und nächste Woche will ich die ersten Ergebnisse sehen! Ich kümmere mich derweil um unsere neuen Arbeitskräfte – Sie sind schließlich die Zukunft unseres Unternehmens und somit Chefsache!« stellt Kleinmann klar und verlässt ohne ein Wort des Abschieds das Sitzungszimmer, um seine volle Aufmerksamkeit fortan den zugegebenermaßen nett dekolletierten Praktikantinnen auf dem Flur zu widmen.

Die Projektgruppe und ich kamen unterdessen recht schnell auf einen Konsens. Ob jedoch auch Graf Zahl und der Vorstand mit dem Projektziel »Outsourcing der kompletten Führungsriege nach Indien« einverstanden sein werden?

Ich liebe meinen Job!

  1. Ich und der Vorstand
  2. Jobrotation
  3. Schmoltke in der Krise
  4. Das Weihnachtswunder
  5. Schweinegrippe-Party
  6. Doktorspielchen
  7. Falsch verbunden | Misconnected
  8. Jahresrückblick 2009

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Die können Sie seit Ende 2009 als Büroroman »Schmoltke & Ich« lesen!

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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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