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17.11.10

Raymund Krauleidis und Till Frommann

Elf grausame Wahrheiten über die Liebe

Lass uns über Liebe reden.

Ein Thema, das im Gegensatz zu unserer letzten Diskussion alles beinhaltet: Freude, Glück, Sehnsucht, Trauer, Wut und Hass. Aber fangen wir von vorne an – und zwar mit der Frage, was Liebe überhaupt ist. Wikipedia weiß wie immer Rat: »Liebe (von mhd. liebe »Gutes, Angenehmes, Wertes«) ist im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch für einen anderen Menschen (auch zu einem Tier u.a.m.) zu empfinden fähig ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht.«

Und damit wären wir auch schon mittendrin im ersten Problem an der ganzen Sache – nämlich der Erwiderung. Wird Liebe nicht erwidert, möchte man schreien, brüllen, weinen und alles rauskotzen, was man bis dahin gegessen hat. Oder man merkt, dass man überhaupt nicht richtig verliebt war, zuckt mit den Schultern und denkt sich: »So what? Die Nächste kommt bestimmt.«

Höchste Zeit für Wahrheiten:

1.) Liebe weckt das Tier in uns!

Wer hat sich beispielsweise nicht zum Affen gemacht und der Schulschönheit in der Mittel-/Oberstufe heimlich Zettelchen zugesteckt, deren Inhalte jeden Rosamunde-Pilcher-Roman in Sachen Schwülstigkeit locker in den Schatten stellen würden?

Wie die Geschichte ausging, ist bekannt: Die Angebetete verliebte sich keine drei Wochen später in den Neuen der Klasse (eine Sportskanone aus wohlsituiertem Hause), machte nach dem Abi »zur Sicherheit« eine Banklehre und lebt heute als alleinerziehende Mutter von Hartz IV. Von ihrer einst atemberaubenden Figur ist noch so viel zu sehen wie von der Fassade des Berliner Reichstags nach Christos Verhüllungsaktion. Selbst schuld! Sie hätte es auch anders haben können ...

2.) Liebe macht geil, aber kaputt!

Und auf einmal war sie schwanger, kann ja mal passieren. Das 19-jährige Mädchen erzählte mir das sehr abgeklärt. Ich hatte sie auf einer Bahnfahrt kennen gelernt, irgendwie waren wir ins Gespräch gekommen. »Würde es Sie stören, wenn ich kurz telefoniere?«, fragte sie mich, und ich antwortete, dass sie mich erstens nicht siezen solle und es zweitens darauf ankomme, wie spannend das Telefonat werden würde.

Das Telefonat war verstörend, anscheinend ist ihr Freund sauer auf sie gewesen. Weil sie ohne ihn weggefahren ist zu ihren Eltern. Und weil sie noch feiern gehen würde. Auch ohne ihn.

Zuerst hatte ich überhaupt nicht gesehen, dass das Mädchen schwanger war, weil sie es mit einem weiten Jogginganzug kaschierte. »Ich bin im sechsten Monat«, berichtete sie mir, öffnete die Joggingjacke und zeigte mir ihre derzeitige Lebenssituation.

»Oh«, antwortete ich irritiert.

»Ich rauche auch noch, aber mit dem Baby ist alles okay, ich bin vorhin beim Frauenarzt gewesen.« Auch mit dem Muttermund sei alles in Ordnung, und das Kind entwickle sich sehr gut.

Ich fragte weiter.

»Wird es ein Mädchen oder ein Junge?« Ein Mädchen, sie wollen es Tamara nennen. Ob es ein Wunschkind sei (»Nein, erst nicht, jetzt aber schon«). Ob sie mir ihre Zigaretten geben könnte, sie sollte sowieso nicht mehr rauchen (»Nein, kauf dir selbst welche«). Was sie beruflich vorhat (eine Ausbildung zur Kosmetikerin, obwohl sie weiß, dass man damit nicht viel Geld verdient).

Liebe macht geil, lässt einen unüberlegt handeln – und auf einmal ist das Leben nicht mehr ganz so unproblematisch wie zuvor.

3.) Liebe macht einsam!

Tom war der Anführer unserer Clique. Er war Cheforganisatior, Stimmungskanone und Kummerkastenonkel zugleich – derjenige, der stets als erster kam und am Ende das Licht ausmachte. Ein Abend ohne ihn war schlicht undenkbar.

Dann lernte er Pia kennen. Er zog mit ihr zusammen, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. »Nein, heute kann ich nicht – hab Kopfweh!«, »Morgen vielleicht – bin hundemüde!«, »Ich glaub', da braut sich 'ne ausgewachsene Erkältung zusammen ...« war plötzlich in abwechselnder Reihenfolge von ihm zu hören. Dass Pia den Rest der Clique ziemlich doof fand (was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte), war hingegen nur ein äußerst merkwürdiger Zufall ...

Irgendwann wurde Tom dann überhaupt nicht mehr gefragt, wenn es darum ging, Mitstreiter für abendliche Aktivitäten zu akquirieren. Sonderlich zu stören schien ihn das jedoch nicht.

Letzte Woche klingelte überraschend mein Telefon.

»Hi, ich bin's, Tom! Hättest Du heute Abend vielleicht Zeit auf ein Bierchen? Bräuchte jemanden zum Reden, hab mich von Pia getrennt ...«

Ich überlegte einen kurzen Moment und antwortete: »Prinzipiell echt gerne! Wenn nur diese tierischen Kopfschmerzen nicht wären.«

4.) Liebe macht taub!

»Natürlich finde ich Rihanna gut!«, lüge ich. Was tut man nicht alles für einen guten Fick.

5.) Liebe vernichtet Zukunftspläne!

Eine wahrscheinlich wahre Geschichte aus dem Leben meiner Friseurin. Während sie an meinen Haaren herumschnippelt, beichtet sie mir ihren tragischen Werdegang. »Früher«, sagt sie, »war ich Gogo-Tänzerin.« Ein schöner Job sei das gewesen: Fürs Feiern Geld bekommen und im Mittelpunkt stehen, wo bekommt man sowas schon noch in diesen Zeiten?

Nur leider hatte die Liebe wieder einmal alles zerstören müssen. Ihr Freund wollte nicht, dass sie halbnackt vor geifernden Kerlen tanzt. »Du kannst ja mitkommen und es dir anschauen«, schlug sie vor, »und Du wirst sehen, dass ich einfach bloß tanze, mehr nicht.«

Leider wurde sie an eben diesem Abend angetatscht, und das Sicherheitspersonal hatte den Lustmolch diskret aus dem Tanzschuppen entfernen müssen – alles vor den Augen ihres Freundes. Der nun die Forderung stellte: Entweder das Gogo-Tanzen oder er. Sie entschied sich für ihn, was sich im ersten Moment sehr romantisch anhört. Im zweiten Moment hatte er wenig später trotzdem die Beziehung beendet.
Und nun war sie Friseurin. »Fürs Gogo-Tanzen bin ich jetzt zu dick«, schätze sie ihren wunderbaren Körper ein, was ich sofort vehement dementierte.

Die Moral dieser Geschichte? Bleib Gogo-Tänzerin, egal, was dein Partner fordert.

6.) Liebe ist realistisch. Im Fernsehen!

Die beste Fernsehserie im deutschen Fernsehen ist »Reich und Schön«. Kein anderes fiktives Produkt schafft es, Liebe und Leid lustvoller und realistischer zu zeigen. Das kommt einer literarischen Glanzleistung gleich. Damit das wenigstens einmal gesagt wurde.

7.) Liebe macht nicht (immer) kreativ!

Bis zum 11. Jahrhundert nach Christus war die Brautschau eine recht unkomplizierte Sache: Man(n) schlug allen potenziellen Rivalen den Kopf ab, und schon war mal am Ziel seiner (sexuellen) Träume angelangt. Doch dann kam der Minnesang ...

Plötzlich galt es, seine Nebenbuhler mittels kreativer Höchstleistungen auszustechen. Es wurde gedichtet und gesungen, getanzt und gemalt – natürlich alles aus niederen Beweggründen!

»Eine äußerst humane Lösung«, mag der eine oder andere nun denken. Aber darf ich Sie in diesem Zusammenhang an »Verdammt, ich lieb' Dich« erinnern? Oder an John Paul Youngs »Love is in the air«? Von den kompletten musikalischen »Lebenswerken« von Roger Whittaker und Howard Carpendale einmal ganz zu schweigen.

Ich will nicht sagen, dass es im Frühmittelalter besser war – aber manchmal fast genauso schlimm.

8.) Liebe macht arm!

Erstes Date (Chateaubriand an Rotweinjus plus eine Flasche Moet & Chandon Imperial): 300 Euro.

Hochzeitsreise (zwei Wochen Seychellen, 5-Sterne Superior): 5.000 Euro.

Scheidung (inkl. Unterhalt für drei bezaubernde Kinder): Unbezahlbar.

9.) Liebe macht lauffaul!

Meine Großmutter pflegte immer wieder zu sagen, dass man Frauen und Straßenbahnen nicht hinterher laufen soll. »Es kommt nämlich immer die nächste«, erklärte sie. Womit sie Recht hat. Immer und immer und immer wieder.

10.) Liebe macht technikfeindlich!

Mit meinem Handy, das nicht ganz state-of-the-art ist, kann ich auf Facebook wenigstens ein bisschen herumsurfen. Manchmal schaue ich mir sehnsüchtig Fotos von Frauen an, mit denen ich leider niemals eine Beziehung eingehen werde.

Und weil mein Handy nicht das Beste ist, blinkt dort anstelle eines Fotos hin und wieder der Text »Derzeit nicht verfügbar« auf. Wie recht mein antiquiertes Mobilfunkgerät da doch ungewollt hat.

11.) Liebe macht verrückt!

Lalalalalala. Bla. Hihihi. Zimifoküüüüüm.

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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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