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20.06.08

Raymund Krauleidis

Deutschland - Portugal: Protokoll des Grauens

20:40 Uhr: Alles steht bereit. Bier, Chips und das Telefon, um die aktuellen Geschehnisse relativ zeitnah mit Gleichgesinnten teilen zu können. Dennoch beschleicht mich ein leichtes Gefühl der Suboptimalität. Ich schaue nach rechts und merke, weshalb: meine Frau schickt sich an, mir während des Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal Gesellschaft zu leisten. »Wolltest Du nicht noch mit Steffi telefonieren?«, versuche ich die Situation zu retten. »Ach – das reicht auch noch morgen ...«

20:42 Uhr: Das Wohnzimmer wird mit der deutschen Nationalhymne beschallt. »Wieso ist denn der Lehmann heute in grün?«, fragt mich die Stimme aus dem Off. Nun gibt es viele fußballtechnische Fragen, deren Antwort ich aus dem ff beantworten könnte. Leider gehört die der Lehmann'schen Trikotauswahl nicht dazu. »Ich dachte, Du kennst Dich mit Fußball aus«, wird meine Ratlosigkeit sogleich unsachlich kommentiert. Die Kamera schwenkt derweil auf die deutsche Trainerbank, was von meiner Nebensitzerin leider nicht unbemerkt bleibt: »Der Löw sieht heute aber irgendwie komisch aus ...«

20:44 Uhr: »Die sind viel süßer als unsere«, tönt es während der portugiesischen Nationalhymne von rechts. Ich wünschte, wir hätten einen zweiten Fernseher ...

21:07 Uhr: Schweinsteiger schiebt die Kugel mit dem rechten Fuß ins portugiesische Tor, nachdem er zuvor mustergültig von Lukas Podolski bedient wurde. »Was schreist Du denn so?«, meckert es nach meiner intensiven Jubelorgie. Ich kläre meinen geliebten Schatz über die veränderte Spielsituation auf, was sich jedoch als schwerwiegender Fehler erweist: »Der Schweini? Also ich weiß nicht – mit der Frisur ...«

21:11 Uhr: »Susi hat mir heute übrigens erzählt, dass Tom zu ihr gesagt hätte, dass Ulla ...« – »Tooooooooooooooooor!« – »Sag mal, hörst Du mir überhaupt zu?« Wenn Miroslav Klose im Viertelfinale gegen Portugal gerade völlig sensationell das 2:0 erzielt, lautet die Antwort eindeutig: »NEIN!«

21:12 Uhr: Die Kamera schwenkt auf Hansi Flick. »Kann es sein, dass sich der Löw die Haare gefärbt hat?«

21:13 Uhr: Ich schnappe mir das Telefon und rufe Christian an. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, endlich mit einem Gleichgesinnten zu reden.

21:14 Uhr: »Dauert es eigentlich noch lange bei euch? Ich wollte gerade Steffi anrufen ...«

21:25 Uhr: Mein Schatz sitzt mit dem Telefon in der Hand neben mir: »... und dann sagt der Tim zu Christiane, dass ... oh, guck mal, der ist ja süß! Ich hab's ja geahnt – bei dem grünen Oberteil vom Lehmann ...«. Völlig unverdient hat Nuno Gomes soeben den Anschlusstreffer für Portugal erzielt. Ob es vor Gericht wohl mildernde Umstände für mich gäbe: »Herr Richter, es war immerhin das Viertelfinale der EM ...«

21:31 Uhr: Halbzeit! Ich öffne mir ein weiteres Bier und lausche dem fachkundigen Frauengespräch am Telefon: »Hihi ... Schau mal, der Typ da im Glaskasten sieht aus wie der Löw ...« Delling und Netzer sind eine wahre Wohltat dagegen!

21:46 Uhr: Die Spannung steigt ins Unermessliche. Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt pfeift soeben die zweite Halbzeit an – noch 45 Minuten zittern bis zum Halbfinale! Von rechts tönt es: »... der Carsten? Echt??? Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut ...«

22:03 Uhr: Michael Ballack köpft zum 3:1 für Deutschland ein! Das Telefonat zu meiner Rechten wurde zwischenzeitlich beendet. Leider ... »Der Ballack hat den süßen Roten doch eindeutig weggeschubst! Schau mal« – »Ich schubs Dich auch gleich«, denke ich, während ich ausgelassen durch das Wohnzimmer hüpfe.

22:14 Uhr: »Weißt Du was? Ich glaube, der Löw ist gar nicht der Löw«.

22:27 Uhr: Dank einer Unachtsamkeit der deutschen Abwehr kommt Portugal durch einen Treffer von Helder Postiga gleichwohl überraschend wie ärgerlich auf 2:3 heran. Es folgen also doch noch endlose Minuten des Bangens. Meine Nebensitzerin sieht das offensichtlich ähnlich: »Ich geh' jetzt schlafen«.

22:34 Uhr: Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! I wer' narrisch! Deutschland ist im Halbfinale – und meine Frau leider immer noch nicht im Bett.

22:39 Uhr: »Finale, oho ...«, singe ich leise vor mich hin, während sich die Stimme aus dem Off ein weiteres Mal meldet: »Warum ist eigentlich Brasilien diesmal nicht dabei?«

22:55 Uhr: »Schaaahaatz«, ertönt es von der rechten Seite, während ich gerade genüsslich mein drittes Bier öffne, »ich gehe nächsten Mittwoch übrigens mit Steffi ins Kino ...«

Danke, Hansi.
Danke, Jogi.
Danke, lieber Fußball-Gott!



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