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21.01.09

Raymund Krauleidis

Alien Afternoon – oder: Ich glotz TV ...

Ich hatte einen Alptraum: Außerirdische landeten in meinem Vorgarten und zwangen mich dazu, mit ihnen fern zu sehen. Auf RTL lief gerade das Dschungelcamp.

»Ihr Menschen ernährt euch also hauptsächlich von Insekten?«, fragte mich der Anführer des extraterrestrischen Besuchertrupps und musterte dabei mit einem leichten Anflug von Ekel den Inhalt der Chipspackung, die ich soeben für meine Gäste geöffnet hatte.

»Nein«, versuchte ich den Irrtum aufzuklären, »das ist nur eine Show!«
»Ach so«, zeigte sich das Alien offenbar einsichtig, »das sind also gar keine Erdlinge?!«
»Doch.. Nein ... Ein bisschen ... Genau genommen sind das C-Promis. Also Menschen, die ...«

Weiter kam ich nicht.

Denn plötzlich zuckten meine grün-gräulichen Besucher zusammen. Der Kleinste von ihnen versteckte sich verängstigt hinter der Couch, während der Anführer sofort Angriffshaltung einnahm, etwas aus seiner Tasche zog, das aussah wie ein Laserpointer, und sich mit dem Ding in der Hand schützend vor seine Freunde stellte. Ich überlegte, wie ich meinem Vermieter den drohenden extraterrestrischen Angriff im Wohnzimmer möglicht schonend beibringen könnte und versuchte nebenbei, die Situation ein kleines bisschen zu entschärfen.

»Der tut nichts«, sagte ich mit betont sanfter Stimme, »das ist nur Dirk Bach!« Vorsichtig griff ich zur Fernbedienung und drückte wahllose eine Taste. »Wir schalten besser mal um ...«

»Sind das auch ›Dirk Bachs‹?«, fragte mich das immer noch angespannt wirkende Ober-Alien, während in den Tagesthemen gerade die Portraits von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier eingeblendet wurden. »Nein! Das sind jetzt Politiker«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Und was tun die genau?«
Ich überlegte einen kurzen Moment.
»Normalerweise auch nichts ...«

Wir zappten uns im Folgenden durch die gesamte deutsche Fernsehlandschaft. Bei einer Call-In-Show auf 9Live drohte die Lage ein weiteres Mal zu eskalieren, als ich einem meiner außerirdischen Besucher das Telefon aus der Hand reißen musste, was dieser sofort mit einem äußerst aggressiven Grummellaut quittierte.

Gesucht wurde ein Planet in unserem Sonnensystem, welcher mit dem Buchstaben »M« beginnt und auf »RS« endet. Dazwischen fehlte noch ein Vokal. Kurz bevor das völlig entnervte Alien zu meinem Telefonhörer griff, musste sich eine offenbar geistig unterbemittelte Anruferin vom Moderator der Sendung aufklären lassen, dass es sich bei »Murs« um keinen ihm persönlich bekannten Planeten handeln würde - was aber zugegebenermaßen nicht unbedingt etwas heißen musste ...

Rasch schaltete ich auf RTL2, wo sich gerade zwei Paar weibliche Brüste im Big-Brother-Container über ihre jeweilige Konsistenz unterhielten. Langsam wurde mir das ganze ein wenig peinlich.

Bei n-tv angekommen, legte ich die Fernbedienung schließlich kurz beiseite und schlug eine Runde Freibier für alle vor. Doch meine Offerte verhallte ungehört. »Ein geheimnisvoller Lichtkegel sowie ein lauter Knall haben in Norddeutschland und Skandinavien am vergangenen Wochenende viele Menschen erschreckt«, verkündete ein Nachrichtensprecher, während sich die gebannt lauschenden Außerirdischen die letzten Reste meiner Chips einverleibten. »Experten haben nun die Arbeit aufgenommen und wollen den Vorfall eingehend untersuchen. Wahrscheinlich handelt es sich aber nur um einen Meteoriteneinschlag«, tönte es weiter aus den Boxen.

»Jungs, ich glaube, wir sollten langsam wieder los«, rief das Chef-Alien seinen Kumpels zu. Sie bedankten sich höflich für Strom und Chips und marschierten strammen Schrittes zurück zu ihrem widerrechtlich in meinem Vorgarten geparkten Raumschiff. »Was wolltet ihr überhaupt von mir?«, fragte ich zum Abschied. »Eigentlich durchsuchen wir die Milchstraße gerade nach nachahmungswürdigen Fernsehformaten«, klärte mich der Chef der Truppe auf. »Aber was wir hier gesehen haben ...« Statt seinen Satz zu beenden, tätschelte er mit seinen schrumpeligen Händen mitleidig meinen rechten Oberarm.

»Übrigens«, bereits in der Tür des Raumschiffs stehend drehte er sich nochmals kurz in meine Richtung um und schwenkte dabei eine silberfarbene Werkzeugtasche mit der Aufschrift ‘NASA‘ hin und her. »Hat die zufällig jemand von euch da oben verloren?«


Als ich aus meinem Alptraum erwache, verspeist Peter Bond im Dschungelcamp gerade genüsslich einen Krokodil-Penis. Morgen bleibt die Kiste definitiv aus! Angewidert schalte ich den Fernseher ab, verlasse meine Couch und wanke erschöpft in Richtung Schlafzimmer.

Wo kommen nur plötzlich all diese Chipskrümel her ...

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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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