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22.05.10

Raymund Krauleidis

Facebook rettet die Welt

Jeden Freitag ab 12 Uhr dasselbe Spiel: Ein Facebook-»Freund« nach dem anderen teilt mir völlig überraschend mit, dass er sich auch diesmal auf das unmittelbar vor der Tür stehende Wochenende freue. Meist sind diese Nachrichten dann noch mit diversen »#«-und »*«-Symbolen verziert, deren tiefere Bedeutung mir seit jeher ein riesengroßes Rätsel ist.

Deshalb wagte ich gestern, den folgenden – äußerst provokanten – Beitrag auf meine Pinnwand zu posten: »Raymund Krauleidis fragt sich, wie es die Weltöffentlichkeit vor Facebook erfahren hat, dass sich jemand freitagnachmittags auf das Wochenende freut ...«

Die erste Antwort ließ nicht lange auf sich warten: »Davon sind wir alle stillschweigend ausgegangen«, schrieb mir eine FB-Freundin 17 Minuten später zurück.

Das stimmte mich nachdenklich. Sind die alten Griechen nicht auch Jahrhunderte lang stillschweigend vom ptolemäischen Weltbild ausgegangen, welches besagt, dass sich die Sonne um die Erde dreht und nicht umgekehrt? Was sie im Nachhinein davon haben, können wir derzeit tagtäglich den Nachrichten entnehmen ...

Und wer glaubte dem damaligen IBM-Chef Thomas J. Watson nicht, als er 1943 mutmaßte, dass es einen Weltmarkt für »vielleicht fünf Computer« gäbe? Okay, ich – aber das lag zugegebenermaßen nur daran, dass ich erst rund 30 Jahre später das Licht der Welt erblicken sollte.

Dafür nahm ich jedoch die Worte von Franz Beckenbauer 47 Jahre später kopfnickend zur Kenntnis, als er nach dem Gewinn der letzten Weltmeisterschaft vollmundig verkündete, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft »auf Jahre hinaus nicht zu schlagen sein wird« und dass es ihm deshalb »für den Rest der Welt« unendlich leid täte. Keine 365 Tage später verlor die Mannschaft ihr drittes EM-Qualifikationsspiel gegen die Fußball-Großmacht Wales mit 0:1.

Was das mit meinem eingangs erwähnten Facebook-Beitrag zu tun hat? Viel! Vielleicht irren wir uns ja ebenso wie die Herren Watson und Beckenbauer nebst den alten Griechen, wenn wir die Vorfreude auf Wochenenden als selbstverständlich betrachten. Vielleicht gibt es ja tatsächlich auch Menschen, die sich freitagnachmittags bereits den kommenden Montag herbeisehnen – aus welchen Gründen auch immer. Und vielleicht müssen wir endlich damit anfangen, vermeintlich selbstverständliche Dinge kritisch zu hinterfragen, um somit künftigen Wirtschafts- oder Wasauchimmer-Krisen bereits im Vorfeld den Garaus zu machen.

Für diese Erkenntnis sollten wir Facebook gefälligst mehr als dankbar sein!

Und wenn mir nun noch jemand verraten könnte, was diese komischen »#«-und »*«-Symbole bedeuten, würde ich mich ebenfalls auf das kommende Wochenende freuen – selbst wenn das den Griechen jetzt auch nichts mehr bringt ...

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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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