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22.10.08

Raymund Krauleidis

Freunde fürs Leben

Die wahren Helden der Wissenschaft bleiben oftmals ihr Leben lang unbe- und erkannt, obgleich ihre Errungenschaften revolutionär und ihr Beitrag für ein besseres Leben auf diesem Planeten von unermesslicher Bedeutung ist. So konnte ich den Schöpfer der in meinen Augen bedeutendsten Erfindung seit der Glühbirne trotz intensivsten Googelns bislang noch nicht ausfindig machen. Falls er (oder sie) rein zufällig diese Zeilen lesen sollte, so melde er (oder sie) sich doch bitte bei mir – ich würde gerne einmal persönlich »Danke« sagen oder ihn (beziehungsweise sie) zumindest für den Nobelpreis nominieren!

Meine ersten Erfahrungen mit besagtem Wunderwerk der Ingenieurskunst machte ich bereits im zarten Alter von sechs Jahren. Damals galt es, die nagelneue Märklin-Modelleisenbahn auf einer schicken Holzplatte zu montieren, was natürlich nicht ohne die Mithilfe von handwerklich einigermaßen begabten Erwachsenen vonstatten ging. Mit dem Draht- und Kabelsalat der Eisenbahn völlig überfordert, sah ich damals plötzlich dieses Ding in den Händen meines Onkels und wusste sofort, dass dies der Beginn einer gleichwohl wunderbaren wie lebenslangen Freundschaft sein würde. Es schien mir nahezu unmöglich, mich der schlichten Faszination dieses Dings, für welches ich fortan den Namen »Kabelbinder« verwenden sollte, zu entziehen ...

Dass sich die Einsatzmöglichkeiten besagter Erfindung nicht auf das bloße Zusammenbinden von sinnlos herumhängenden Modelleisenbahnkabelsträngen beschränken, war mir relativ schnell klar. So eigneten sich Kabelbinder zum Beispiel auch perfekt dazu, die Mädchen im Kindergarten an neuralgischen Punkten wie etwa Heizungsrohren oder Bäumen festzuketten. Eine der herausragenden Eigenschaften der wunderbaren Plastikstreifen ist es nämlich, dass sie ohne Zuhilfenahme eines scharfen Messers oder einer Schere – also Gegenstände die Kindergartenkinder damals für gewöhnlich recht selten mit sich trugen – nur schwerlich zu öffnen sind. So sorgten Kabelbinder nicht nur dafür, dass ich richtig viel Spaß im Kindergarten hatte und der Schrecken aller damals noch nervenden Mädchen war (viele Jahre später versuchte ich dergleichen übrigens mit größeren Mädels, wobei ich die Heizungsrohre durch das Bettgestell substituierte, was jedoch auch nur zu bescheidenen Begeisterungsstürmen führte), auch war er indirekt dafür verantwortlich, dass sich meine Eltern von Zeit zu Zeit nach einem neuen Kindergartenplatz für mich umschauen mussten, da die Mitarbeiterinnen besagter Einrichtungen oftmals meine Definition von »Spaß« nicht zu teilen vermochten.

Generell scheint der weibliche Part der Bevölkerung nicht nur relativ wenig Spaß zu verstehen, auch scheint er für den Kabelbinder als solchen nicht sonderlich viel übrig zu haben. Frauen kleben nämlich lieber. So bekam auch ich eines schönen Tages eine geklebt. Und zwar als ich in einem überschwänglichen Anfall grenzenloser Romantik plötzlich meine damalige Lebensabschnittsgefährtin zu ehelichen gewillt war und mir in Ermangelung eines für solche Anlässe üblichen Verlobungsringes interimsmäßig mit einem liebevoll aus Kabelbinder gebastelten, dem Original täuschend nahe kommenden Verlobungsringimitat aushalf, um ihr auf diese Weise meine sie betreffenden Zukunftspläne mitzuteilen. Leider konnte sie weder mit meinem Sinn für Romantik noch mit meiner Kreativität und Kabelbinderleidenschaft etwas anfangen und trennte sich nach dem Zwischenfall von mir.

Eine Welt brach für mich zusammen. Glücklicherweise hatte ich jedoch einen Bund Kabelbinder bei mir und konnte somit die Bruchstücke meiner zusammenbrechenden Welt wenigstens einigermaßen beisammen halten. Heute ist sie übrigens mit einem Buchhalter verheiratet, der statt Kabel lieber Krawatten bindet und noch nie einen Baumarkt von innen gesehen hat.

Das Alleinsein hat jedoch auch gewisse Vorteile. So ist es mir nun endlich vergönnt, mich bei der Gestaltung des heimischen Christbaumes kompromisslos so zu verwirklichen, wie ich es gerne möchte. Die Idee, sich an Stelle des teuren Christbaumschmucks mit Alu-Manschetten von Bierflaschen zu behelfen, welche mit Hilfe von Kabelbindern dekorativ am Baum befestigt werden, stieß bislang in allen mir bekannten Fällen auf wenig weibliche Gegenliebe. Anscheinend können in unserer nahezu vollständig materiell gesteuerten Welt mittlerweile nur noch echte Kerle etwas mit liebevoll selbst gebastelten Sachen anfangen. Und falls der liebe Gott ebenfalls ein echter Kerl ist, so würde es mich nicht weiter verwundern, wenn ich nach meinem Ableben feststellen dürfte, dass die Planeten nicht einfach so herumschwirren sondern in Wirklichkeit mit Kabelbindern am Firmament befestigt sind.

Aber bis dahin sind mir hoffentlich noch ein paar Nobelpreisverleihungen vergönnt. Und vielleicht passiert zu meinen Lebzeiten ja doch noch das scheinbar Unmögliche: Einen Nobelpreis für den Erfinder oder die Erfinderin des Kabelbinders (wobei ich nach genauerem Nachdenken mittlerweile dazu neige, die letztgenannte, weibliche Variante nahezu völlig auszuschließen). Oder – falls daraus nichts werden sollte – wenigstens einen für den Erfinder des Bauklebers oder den des Zahnstochers.

Bleibt jedenfalls zu hoffen, dass eines schönen Tages auch mal echte Kerle in der Königlich-Schwedischen Akademie sitzen.

Bin solange mal weg – Bier und Kabelbinder kaufen. Schließlich steht ja bald schon wieder Weihnachten vor der Tür ...

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Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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