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31.12.09

Raymund Krauleidis

Business as usual:
Jahresrückblick 2009

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ein turbulentes Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu! Über viele Ereignisse im Unternehmen haben wir hautnah berichtet, dennoch wurden einige »Randnotizen« (teilweise bewusst) unter den Teppich gekehrt. Unser Reinigungspersonal hat sich die Auslegeware im Firmengebäude deshalb nochmal genauer angeschaut ... Was dabei alles zu Tage gefördert wurde, wollen wir Ihnen an dieser Stelle natürlich nicht vorenthalten: Teppich hoch für den großen Business-as-usual-Jahresrückblick 2009!

Januar

Durch stressige Jahresabschlussarbeiten sieht sich Herr Schmoltke aus der Buchhaltung am 02. Januar dazu gezwungen, den Antritt seines Feierabends in die späten Abendstunden zu verlegen. Jedoch vergisst er in der ganzen Hektik, Mutti rechtzeitig Bescheid zu geben! Die dramatischen Konsequenzen: ein kaltes Abendessen sowie zwei Wochen Fernsehverbot!

Februar

Höhepunkt der innerbetrieblichen Karnevalsfeier ist in diesem Jahr der große »Wer sieht unserem Finanzvorstand am ähnlichsten«-Contest. Kurz nach der Preisverleihung kommt es dabei zu einer folgenschweren Verwechslung: Der Sieger des Wettbewerbs, Herr Bäuerle aus dem Marketing, wird von zwei Beamten der Steuerfahndung in Handschellen abgeführt. Der Finanzvorstand selbst kann den Irrtum leider nicht mehr aufklären. Von ihm fehlt jede Spur ...

März

Ein Einsatz des Kampfmittelräumdienstes in unserer Kantine sorgt für ein großes Hallo. Die Bombenwarnung erweist sich jedoch zum Glück als Fehlalarm. Unser Betriebskoch hatte versehentlich seine Armbanduhr in eine verkohlte Kohlroulade eingearbeitet. Das Gericht wird aus Gründen der Betriebssicherheit mit sofortiger Wirkung vom Speiseplan gestrichen. Mehrere Mitarbeiter sind traurig.

April

Ein Kollege, der namentlich nicht genannt werden möchte, schickt Herrn Schmoltke mit einer fingierten E-Mail von »dessen Mutti« in den April. Inhalt: Der Buchhalter müsse angeblich sofort bei ihr ausziehen! Doch der Schuss geht nach hinten los. Lediglich die Feuerwehr so wie seine eigens herbeigerufene Mutti können Schmoltke buchstäblich in letzter Sekunde von seinem Entschluss abbringen, sich aus Protest gegen den vermeintlichen Liebesentzug an seinem Bürostuhl festzutackern. Das Verhältnis zwischen Herrn Schmoltke und dem eingangs erwähnten Kollegen ist in den darauffolgenden Wochen tendenziell eher unterkühlt.

Mai

Die Firma jubelt: Herr Bäuerle wird aus der U-Haft entlassen! Auch der Finanzvorstand taucht plötzlich wieder aus der Versenkung auf. Allerdings steht er dem Unternehmen aufgrund einer »neuen beruflichen Herausforderung« auf den Komoren bis auf weiteres nicht mehr zur Verfügung ... Er bittet um Barauszahlung seiner Abfindung in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Der Vorstandsvorsitzende willigt ein und erklärt sich zudem völlig altruistisch bereit, das Geld persönlich zu überbringen. Den dreiwöchigen Besuch auf den Komoren rechnet er als Dienstreise ab.

Juni

Die Tatsache, dass wieder einmal eine Umstrukturierung gibt, überrascht niemanden. Die Art und Weise, wie sie in diesem Jahr durchgeführt wird allerdings schon. Alle Kollegen ohne Führungsfunktion müssen sich im Foyer in Reih und Glied aufstellen. Die Leiter wählen sich aus dem vorhandenen Humanmaterial dann abwechselnd ihre jeweilige Mannschaft zusammen. Erinnerungen an den Schulsport werden wach. Glück im Unglück für Herrn Schmoltke: Er wird zwar als letzter gewählt, bleibt aber dennoch in der Buchhaltung.

Juli

Das Unternehmen hat einen neuen Finanzvorstand: den 27-jährigen Studienabbrecher und Langzeitarbeitslosen Björn Fischer! Als bekannt wird, dass es sich bei Herrn Fischer um einen Großcousin des Vorstandsvorsitzenden handelt, macht sich vielerorts Unmut breit. Der Betriebsrat spricht (via BlackBerry) von »Vetternwirtschaft«, der Vorstandsvorsitzende selbst hingegen von einem »großen Zufall«. Als erste Amtshandlung belegt Herr Fischer einen Volkshochschulkurs zum Thema »Grundzüge der Betriebswirtschaft«. Natürlich auf Firmenkosten.

August

Herr Schmoltke schickt eine Ansichtskarte. Er verbringt mit Mutti zwei Wochen auf einem Bauernhof im Teutoburger Wald. Ansonsten passiert nicht viel. Sommerloch.

September

Die erstmals in der Firmengeschichte durchgeführte Mitarbeiterbefragung fördert erstaunliches zu Tage: 100% aller Teilnehmer bewerten die soziale Kompetenz unseres Vorstands als »absolut gigantisch«! Einige Kollegen merken jedoch kritisch an, dass »absolut gigantisch« leider auch die einzig mögliche Antwortoption auf diese Frage gewesen sei. Auf Anweisung der Unternehmensleitung werden daraufhin mehrere Abmahnungen ausgesprochen.
Am 21. September vergisst Herr Schmoltke versehentlich sein Pausenbrot zuhause. Mutti schimpft.

Oktober

Der Betriebsrat verspricht (via BlackBerry), sich künftig mehr für die Belange der Mitarbeiter einsetzen zu wollen. Schließlich finden im kommenden Jahr die nächsten Wahlen statt ... Eine vom Vorstand finanzierte Lustreise nach Bangkok bewirkt jedoch einen mittelkleinen Sinneswandel: »Man wird doch ab und zu mal einen Witz machen dürfen!«, ulkt der gelöst wirkende Betriebsratsvorsitzende (via BlackBerry) nach seiner Rückkehr und stimmt den ersten betriebsbedingten Kündigungen seit acht Jahren freudestrahlend zu.

November

Der Vorstandsvorsitzende wähnt sich am Ziel seiner Träume: Er wird vom Manager Magazin zum »Top-Manager des Jahres« gekürt und spendiert zur Feier des Tages eine Runde Freibier für alle! Die Ernüchterung ist groß, als er einen Tag später dezent darauf hingewiesen wird, dass sein Bild vielmehr die Kategorie »Flop-Manager ...« ziert. Der Vorstandsvorsitzende nennt das ganze einen »Irrtum«, ordnet aber dennoch vorsichtshalber an, den Mitarbeitern das jeweils konsumierte »Freibier« im Rahmen der nächsten Gehaltsabrechnung in Rechnung zu stellen. Eine Richtigstellung des vermeintlichen »Druckfehlers« durch das Manager Magazin bleibt aus.

Dezember

Eklat auf der Firmenweihnachtsfeier! Sowohl Uschi Blamayer (36) aus der Unternehmenskommunikation als auch Birgit Wetzlaff (57), ihres Zeichens Leiterin Facility Management, haben sich an diesem Abend für dasselbe geblümte Kleid entschieden! Herr Fischer versucht zwar noch, die angespannte Situation mit der Bemerkung »Sie könnten glatt als Zwillingsschwestern durchgehen!« zu entschärfen – allerdings bleibt die erhoffte deeskalierende Wirkung seiner Worte aus. Uschi Blamayer wirft kurzerhand eine Spaghettizange in Richtung des Finanzvorstands, der sich jedoch durch eine geschickte Duckbewegung gerade noch in Sicherheit bringen kann. Die Spaghettizange prallt somit mit voller Wucht an die Stirn des sich unglücklicherweise direkt hinter ihm befindlichen Kollegen Schmoltke.

Der eilig herbeigerufene Notarzt diagnostiziert ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma, sieht jedoch gute Chancen, dass der Buchhalter das Krankenhaus bis Monatsende wieder verlassen kann. Schmoltkes rauschender Silvesterparty mit Mutti und ihrer langjährigen Freundin Renate (76) dürfte somit nichts mehr im Wege stehen ...

Wir – die komplette Belegschaft (und somit natürlich auch Schmoltke & Ich) – wünschen Ihnen hiermit ebenfalls ein berauschendes Silvesterfest! Und natürlich auch ein produktives, erfolgreiches und friedliches 2010!

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Alle Jahre wieder ...

  1. Ich und der Vorstand
  2. Jobrotation
  3. Schmoltke in der Krise
  4. Das Weihnachtswunder
  5. Schweinegrippe-Party
  6. Doktorspielchen
  7. Falsch verbunden | Misconnected
  8. Jahresrückblick 2009

Wo sind die vielen anderen Kolumnen der wahnsinnigen Büroreihe »Business as usual« von Raymund Krauleidis hin?
Die können Sie seit Ende 2009 als Büroroman »Schmoltke & Ich« lesen!



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Foto: Raymund Krauleidis

Raymund Krauleidis

Raymunds Nachname Krauleidis birgt schon das erste Missverständnis in sich: Er ist nämlich nicht – wie viele vermuten – griechischen Ursprungs, sondern kommt aus Litauen und bedeutet [..]

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