Ich bin ein Amerikaner. Na ja, zumindest fast, nämlich in dem Sinne, in dem JFK ein Berliner war. Also eigentlich gar nicht. Aber: Ich wäre gern Amerikaner, d.h.: US-Bürger. Wie bitte, könnte man einwerfen, Amerikaner wollen Sie werden? Bürger eines Landes wollen Sie werden, in dem jeder zweite leibhaftig glaubt, Gott habe die eine Hälfte der Menschheit aus der Rippe der anderen geschnitten? Eines Landes mit Slums und race riots und George W. Bush? Das ist doch, könnte man einwerfen, ein wenig degoutant.
Ich wäre aber trotzdem gern Amerikaner, und zwar gerade weil die Amerikaner so anders ticken, weil Amerika so anders funktioniert als Deutschland. Der größte Unterschied ist, glaube ich, folgender: Amerika versteht sich als eine von Menschen gemachte Gesellschaft, die sich immer wieder neu definiert als Resultat ihres Handelns. Deutschland versteht sich dagegen als schicksalhafter Zusammenhang, in den die Bürger hineingeboren werden und dem sie deshalb auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Amerika glaubt daran, dass die Zukunft veränderbar ist; Deutschland glaubt nur an die endlose Wiederholung des Immergleichen (bei tendentiellem Fall der Wohlstandsrate). Derzeit drohen deutsche Experten z.B. mal wieder mit der Verelendung kommender Generationen, weil die Bundesregierung den Rentnern ein paar Euro mehr gewährt als geplant. Verändern? Nein, das können wir nicht! Derweil wehrt sich Amerika trotz Immobilienkrise und Dollarschwäche tapfer (und vielleicht ein wenig naiv) gegen den stummen Zwang der Verhältnisse und proklamiert: Change? Yes, we can!
Überhaupt, dieser Barack Obama – auch seinetwegen wäre ich gern Amerikaner. Nicht weil ich der Inszenierung glaubte, die einen stinknormalen Senator als messianischen Heilsbringer verkauft, sondern weil er den Unterschied zwischen deutscher und amerikanischer Weltsicht im Wortsinne verkörpert. Die Deutschen mögen an Amerika ja vor allem die Indianer und die Schwarzen, weil die sich mit ihnen als Opfer des White America identifizieren können. Auch Obama kritisiert natürlich die fortdauernde Benachteiligung der Afroamerikaner; Amerika heißt für ihn aber gerade nicht rassistische Unterdrückung, wie für die Deutschen, sondern im Gegenteil die Bewegung, die aus der Unterdrückung hinausführt – nicht die bestehende Unfreiheit ist für ihn amerikanisch, sondern das Streben, diese Unfreiheit zu überwinden. Obamas Denken gründet im Pursuit of Happyness, dem Postulat, das Glück eines Jeden müsse der Zweck der Gesellschaft sein. Dieses Postulat ist zwar auch in Amerika niemals einzulösen, in Deutschland aber wird es nicht einmal mehr formuliert – und deshalb wäre ich, der langen Rede kurzer Sinn, gern Amerikaner.
Natürlich wäre ich ungern ein Südstaaten-Redneck, für den Schwarze nur als Arbeiter auf Baumwollfeldern einen Platz in der Gesellschaft haben, und ich wäre auch ungern einer dieser White Anglo-Saxon Protestants, die als herrschende Klasse der Ostküste meinen, an ihren Wohltätigkeits-Bällen hinge das Glück der Welt. Nein, am liebsten wäre ich ein intellektueller Bohemian in New York: Als Amerikaner lebte ich in einer kleinen Wohnung in Greenwich Village, mit Feuerleiter am Haus, abends träfe ich in einer Bar zufällig auf Woody Allen, mit dem ich dann stundenlang über Großstadtneurosen diskutierte, und tagsüber säße ich die ganze Zeit in Cafés und schriebe Kolumnen darüber, dass ich, wie eigentlich jeder New Yorker Intellektuelle, lieber Europäer wäre. Das allerdings käme, wäre ich wirklich Amerikaner, einem hoffnungslosen Unterfangen gleich: Amerika ist bekanntlich ein Einwanderungsland für alle »Rassen« dieser Erde, Amerikaner kann man also werden. Europa dagegen ist eine exklusive Veranstaltung – und exklusiv heißt »ausschließend«. Als Europäer muss man letztlich geboren sein.