Ich war schon immer einer von den ganz harten Jungs. Einer von denen, die genauso gut einstecken können, wie sie austeilen. Und das, obwohl sie verdammt gut austeilen. Einer von denen, die immer wieder aufstehen, wenn sie auf die Fresse fallen. Und das, obwohl sie verdammt oft auf die Fresse fallen.
Männer wie mich kennt man aus der populären Kultur: Django, Rambo, Superman. Oder Obelix, der für Falbala sogar mal eine ganze Legion angegriffen hat. (Auch wenn es nur eine klitzekleine Legion war.)
Ich habe es in meinem Leben schon mit zahlreichen Erzschurken aufgenommen. Ich denke da zum Beispiel an Bertram, den analsadistischen Mathematiklehrer, der mich während meiner Schulzeit kleinkriegen wollte. Es ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil: Nur die ehernen Gesetze des von ihm unterrichteten Faches konnten ihn vor der Quadratur seiner kreisförmigen Visage durch meine Fäuste bewahren.
Ich denke da auch an das Wolferl, den stark nuschelnden Kant-Exegeten, der es sich in meinen Göttinger Jahren mit mir verscherzte. In einem mit rein geistigem Geschütz geführten Gefecht rang ich ihm Worte ab, die man seit der Gründung der ersten deutschen Universität im Jahr 1348 noch nie einen deutschen Professor zu einem Studenten hatte sagen resp. nuscheln hören: »Ich glaube, Sie haben recht, Herr Maier. Ich habe mich getäuscht.«
Ein atemberaubendes Geständnis, nach dem der bemitleidenswerte Mann wahrscheinlich von seinen Standeskollegen liquidiert und durch einen Roboter mit hinreichenden Kenntnissen der »Kritik der reinen Vernunft« ersetzt worden ist. (Technisch machbar ist so was heute ja.)
Wenn ich mich an meine Kämpfe mit widerwärtigen Bösewichtern erinnere, erinnere ich mich natürlich auch an Adolf, den Besitzer der schlechtesten Werbeagentur der Welt. Mit abartig-sinnlosen Motivvorschlägen – »Wie wäre es, wenn auf dem Lebkuchenherz noch ein Gürtel liegt?« – versuchte er ganz gezielt, mich in den Wahnsinn zu treiben. Meine Reaktion darauf war die einzig angemessene. Ich schürfte ihm mit einem Drehkick das Gesicht auf.
Ganz harte Jungs sind bekanntlich sehr oft Straßenkämpfer. Selbstverständlich gilt das auch für mich. Wenn auch noch nicht sonderlich lange. Um genau zu sein: seit gestern.
Das kam so: Ich hatte in meiner Lieblingspinte ein paar Getränke zu mir genommen und mich dann, schon etwas angetütert, auf den Weg nach Hause gemacht. Kurz bevor ich an meiner Wohnung ankam, geschah es. Beim Überqueren der Schwieberdinger Straße wurde ich attackiert und verlor das Gleichgewicht. Dumpf schlug mein Körper auf dem Asphalt auf.
Vom Sturz benommen, fasste ich mir an die Nase. Sie blutete stark. Mühsam rappelte ich mich auf und nahm den Feind ins Visier. Zu meinem Erschrecken stand mir kein Mann gegenüber. Es war sie, die mich zu Fall gebracht hatte.
Meine Glieder schmerzten schrecklich. Schwankend vor Zorn, sah ich mich vorsichtig um. Anscheinend wurden wir nicht beobachtet.
Also trat ich zu. Schnell, hart, brutal. Ich setzte meine Angriffe in so dichter Folge, dass sie überhaupt keine Chance hatte. Die Treffer, die ich landete, waren schlicht verheerend.
Ich gebe zu, dass ich allmählich die Kontrolle über mich verlor. Sie lag wehrlos da, und ich trat immer weiter auf sie ein, immer weiter auf sie ein ...
Als ich heute Morgen mit einem gewaltigen Brummschädel aufwachte – ich weiß gar nicht, woher ich den hatte – konnte ich mich zunächst an nichts erinnern. Doch auf dem Weg zur Arbeit passierte ich den Tatort und sah die schlimmen Folgen meiner bösen Tat. Von unzähligen Autos überrollt, lag sie immer noch da. Grau, aschfahl, leblos.
Und ich allein war schuld daran, dass sich die Schwieberdinger Straße nicht rührte. Ich, der Straßenkämpfer.