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30.12.05

Andreas Maier

Wie wir leben werden

Der vielgepriesene Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx veröffentlichte unlängst ein Buch mit dem Titel »Wie wir leben werden«, in dem er der Frage nachgeht, wie sich unser Leben im 21. Jahrhundert gestalten wird. Um es gleich vorwegzunehmen: Er weiß es auch nicht. – Was daran liegen könnte, daß, wie ein Spötter einmal treffend bemerkte, Prognosen schwierig sind, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

Um wen es sich bei dem Spötter handelte, kann ich nur vermuten. Denn mit Angaben zu Zitaten gehe ich sehr vorsichtig um, seitdem mich der umfassend gebildete – und hervorragend aussehende! – Herausgeber von kolumnen.de darauf aufmerksam gemacht hat, daß Winston Churchill dem eigenhändigen Fälschen von Statistiken womöglich doch ablehnender gegenüberstand, als gemeinhin angenommen wird. Deshalb also und weil der nur scheinbar allwissende Herr (oder Frau?) Google hier auch nicht weiterhelfen kann, äußere ich nur eine Vermutung, und zwar: George Bernard Shaw. Sie wird schon richtig sein, weil alles, was ein bißchen »witty« ist, von einem Briten stammen muß.

Damit aber genug vom Problem des unzuordenbaren, gleichsam herrenlosen Zitats, dem man durchaus einmal eine eigene Kolumne widmen könnte. Zurück zur Zukunft! Gerade in der Zeit zwischen den Jahren, in der man dazu neigt, Bilanz zu ziehen, erscheint es sehr verlockend, die Gedanken auch einmal ein wenig nach vorn schweifen zu lassen und darüber nachzusinnen, was im bereits angebrochenen 21. Jahrhundert wohl noch so passieren wird.

Werden Paare ihre Kinder demnächst nicht mehr auf herkömmliche, in vielerlei Hinsicht bewährte Weise zeugen, sondern sie nur noch in enger Zusammenarbeit mit speziell ausgebildeten Babydesignern herstellen? Und wenn ja, haben die Eltern dann einen Anspruch auf Schadensersatz gegen den Designer, falls statt des erhofften pflegeleichten Wunderkindes doch wieder nur ein so aufsässiges kleines Menschlein herauskommt, wie es der Verfasser dieser Zeilen einst war? Ein brüllendes, strampelndes und bis weit in die Pubertät hinein kein Gemüse essendes Wesen?

Wird endlich Ernst gemacht mit der Parole vom lebenslangen Lernen? Und wenn ja, müssen Angestellte dann jeden Morgen damit rechnen, daß ihr Chef mit den Worten »Hefte raus! Klassenarbeit« das Büro betritt?

Wird es, um direkt an diese Frage anzuknüpfen, überhaupt noch Büros und Angestellte geben? Oder geht uns die Arbeit in einigen Jahren endgültig aus, sodaß die eine Hälfte der deutschen Bevölkerung ihren Alltag mit dem völlig aussichtslosen Versuch verbringt, der anderen Hälfte im Rahmen von Hartz zwölf sogenannte 0,01-Euro-Jobs zu vermitteln? Und wenn ja, tauschen die beiden Bevölkerungshälften dann wenigstens ab und zu miteinander?

Geht, um noch ein wenig in der Arbeitswelt zu verweilen, im Jahr 2045 der erste Praktikant in Rente, der zeit seines vierzigjährigen Berufslebens nie in einem ordentlichen Beschäftigungsverhältnis gestanden hat? Und wenn ja, ist die Rente von Norbert Blüm dann immer noch sicher? Die Rente jenes Mannes, dem es die gewaltigen Fortschritte der Medizin – die aus ebendiesem Grund nicht uneingeschränkt zu begrüßen sind – möglicherweise auch noch als 110jährigem erlauben werden, sich bei jeder Gelegenheit zum Hampelmann zu machen?

Werden – um zum Abschluß auf den ja letztlich doch und immer wieder allerinteressantesten Bereich, den des Geschlechtlichen nämlich, zu sprechen zu kommen – die klugen Worte des Herrn Klug fruchten? Wird die holde Jungdamenwelt dermaleinst den weisen Entschluß fassen, sich in Fragen des Gefühls und des Untenrum wieder mehr an der Realität zu orientieren als an vier allenfalls mäßig komischen TV-Tussis? Oder wird der 73. Staffel von »Sex and the City«, in der es vornehmlich um die Vorzüge von Sex mit androgynen Außerirdischen gehen dürfte, ein noch größerer Erfolg beschieden sein als allen Staffeln zuvor?

Dies sind faszinierenden Fragen, die man sich zum Jahreswechsel 2005/2006 stellen kann und vielleicht sogar sollte. Aber es sind auch Fragen, auf die man nur Antworten erhält, wenn man ein wenig Geduld hat und abwartet, was die Zukunft bringt. Denn das einzige, worauf wir uns in den nächsten 100 Jahren wirklich verlassen können, ist, daß in der Weihnachtszeit auf allen Radiosendern rund um die Uhr »Last Christmas« von »Wham!« läuft.

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1975 im Herzen der Finsternis, das auch unter dem verharmlosenden Namen Stuttgart bekannt ist, geboren. Hat sich während seines Studiums der Philosophie und der Neueren Geschichte jahrelang in die [..]

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