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02.01.10

Michael Meyn

Besuch aus Germanyland – Explosionsgefahr beim Doppelkopf

Kennen Sie das Kartenspiel Doppelkopf? Nein? Sie spielen lieber Skat? Sie Glückspilz! Dann werden Sie auch niemals Gefahr laufen, mit Jürgen Krafzik in einer Runde zu sitzen. Skat kann er nämlich nicht. Nur Doppelkopf.

Die Regeln sind für diesen tragischen Bericht nicht unbedingt von Belang. Dennoch hier ein kurzer Überblick: Es reicht zu wissen, dass Doko mit vier Spielern gespielt wird. Jede Karte ist doppelt enthalten, die Spieler mit den Kreuz-Damen treten gegen die Spieler ohne die Kreuz-Damen an. Da es verboten ist, dem Nebenmann in die Karten zu schauen, ist man zunächst damit beschäftigt seinen Partner zu finden, was hin und wieder zu großen Verwirrungen führen kann. Um zu gewinnen, müssen die Re-Leute (das Team mit den Kreuz-Damen) im Spielverlauf mindestens 121 Punkte erwirtschaften, während die Contra-Leute (yup, das Team ohne die Kreuz-Damen) nur 120 Punkte zum Sieg brauchen.

Es ist schwer zu sagen, wer von uns vieren der fanatischere Doppelkopfspieler ist. Wir alle lieben das Spiel ungemein. Am Ende als Gewinner dazustehen ist uns wichtiger als jede Freundschaft oder gar die Ehe. Menschen und Beziehungen sind vergänglich. Wenn es aber darum geht die Contenance zu wahren, hat Jürgen zweifellos die kürzeste Zündschnur. Da verwandelt er sich blitzartig vom menschenliebenden Christen in einen verbalen Amokläufer. Für ihn geht bereits ab der ersten Runde die Welt unter:

»Es ist nicht zu fassen! Ich sitze noch gar nicht richtig am Tisch, schon habe ich scheiß Karten!«

»Gewöhn' dich dran.« Frau Tülle hatte kein Mitleid. »Heute zieh' ich dir das Fell über die Ohren!«

»Mit meinen Karten ist das kein Kunststück.«

»Mit meinen Karten auch nicht«, konstatierte sie gehässig. Sie war aus einem anderen Holz geschnitzt, spielte konsequent niederträchtig und scherte sich herzlich wenig um Sympathieverluste. Eine Gegnerin nach meinem Geschmack, darum galt es sie zu vernichten. Im Verlauf des Abends lieferten wir uns eine gnadenlose Schlacht, in der wir Jürgen und mein Rippchen als Bauernopfer missbrauchten. Letztere beschwerte sich nicht. Für sie war es schon eine gelungene Runde, wenn sie es schaffte, die Kreuz-Dame bis zum Schluss festzuhalten, anstatt sich ihrem Partner zu offenbaren. Ein Umstand, der mich schon vor Jahren in den Alkoholismus getrieben hatte. Ihre eigensinnige Spielweise gab auch Jürgen reichlich Anlass zum Saufen. Und motzen:

»Wieso gibst du dich nicht früher zu erkennen?«, verhörte er mein Rippchen zwischen zwei kräftigen Schlücken Rotwein.

»Ich schmeiß doch meine Dame nicht auf irgendwelche Pipikarten!«

»Mensch, ich denke die ganze Zeit, ich spiele mit deinem Mann und butter ihm ein Pfund nach dem anderen rein, weil du nicht mit der Ollen rausrücken willst. Das ist doch dämlich!«

Ich kicherte schelmisch in mich hinein und prostete mir im Spiegel zu. Gelungener Coup!

Einige Runden später stellte Jürgen Nachforschungen bei seinem besseren Dreiviertel an:

»Kannst du mir bitte erklären, warum du das As nicht eben schon reingeworfen hast?«

»Ich habe mich verworfen. Kann doch mal vorkommen.«

»Toll! Sowas passiert dir nur, wenn du mit mir spielst. Die reinste Verschwörung ist das!«

»Als würde mir nichts mehr am Herzen liegen, als dir den Abend zu vermiesen.«

»So langsam glaube ich das wirklich. Alle Anzeichen sprechen dafür!«

»Hörst du schlecht? Ich habe mich ver-wor-fen!«

»Zwanzig Punkte hat uns dein Patzer gekostet. Zwanzig Punkte! Das ist das letzte Mal, dass ich mit euch Doppelkopf spiele. Ich habe die Schnauze voll!«

»Sicher, und morgen machst du wieder Männchen vor der Couch: ›Habt ihr Lust auf Doko?‹«

»Da kennst du mich aber schlecht.«

»Ich kenne dich nur allzu gut.« Hechelnd imitierte Frau Tülle einen bettelnden Hund. Das konnte jetzt dauern. Leise erhob ich mich. Es war die perfekte Gelegenheit für einen Gang zur Toilette. Anschließend legte ich Plastikplanen im Flur aus und strich die Wände in einem frischen Weiß.

Zuweilen schielte Jürgen auf den Punktestand, den ich peinlichst genau in meinem Notizbuch protokollierte. Die vielen Striche in der Spalte unter meinem Namen machten ihn stutzig:

»Ey, Meyn, du hast ja noch gar keine Punkte!«

»Ja, wie heißt es doch so schön: Wer schreibt, der bleibt.«

Ich schnippte mit den Fingern und trug dem kleinen Inder auf, unsere Weingläser aufzufüllen. »Darauf lasst uns trinken!«

Der Glanzpunkt des Abends war auch gleichzeitig die vollständige Demontage des Herrn Krafzik. Frau Tülle und ich spielten ein Blättchen, wie es dem eingefleischten Doppelkopfspieler vielleicht ein- oder zweimal im Leben vergönnt ist. Jürgen und das Rippchen, die beiden Totalloser, starrten hilflos und mit offenen Mündern auf die über den Tisch gehenden Stiche. Das Dreamteam hatte grausam zugeschlagen! Fachmännisch rechnete ich die Strafpunkte aus:

»Gegen die Alten, keine 121, keine 90, keine 90 angesagt, keine 60, keine 60 angesagt, keine 30, keine 30 angesagt, schwarz, zwei Füchse gefangen, Doko gemacht, macht 12, contra 24, re 48, Bock 96, Doppelbock 192, Dreifachbock 384. Macht 384 Punkte, Freunde. Das ist bitter für euch!«

High-Five mit meinem Spiegelbild. Genüsslich notierte ich den neuen Punktestand.

»Sauber! Blitzeblank!« Frau Tülle freute sich. »Wir haben sie schwarz gespielt, obwohl sie die Damen hatten. Haha!«

Mein Rippchen nahm die Niederlage gelassen auf. Zufrieden blickte sie auf die Kreuz-Dame im letzten Stich. Hingegen verschwand Jürgens Gesicht in einer Wolke aus Wasserdampf. Er kochte. Sein Schweigen deutete ich als Ruhe vor dem Sturm. Sicher würde hier bald einiges zu Bruch gehen. Schnell leerte ich mein Glas. Geduldig warteten wir alle auf das Donnerwetter. Leider zwang mich der Alkohol zu einem Nickerchen.

Ich erwachte, als ich von meinem Rippchen über die Schulter geworfen und in unsere Schlafstätte getragen wurde.

»Wer hat gewonnen?«, fragte ich besoffen.

»Keine Ahnung. Jürgen hat dein Notizbuch aufgegessen.«

»Ist er immer noch sauer?«

»Hörst du ihn nicht schimpfen?«

»Doch. Aber er hört sich so weit weg an.«

»Er ist zum Pool gerannt. Will sich abkühlen.«

»Hm, die 384 Punkte haben ihn überschnappen lassen. Die hat er nicht verkraftet.«

»Schlaf jetzt, Schatz. Morgen Abend fängt der Zirkus wieder von vorn an.«

»Ich freu' mich drauf!«

Lächelnd schlummerte ich auf der luftleeren Luftmatraze ein.

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

Geboren wurde er irgendwo in Oberhausen, und zwar am 11.11.1968. Berichten seiner Mutter zufolge begann Michael im zarten Alter von drei Jahren, die Tapeten seines Kinderzimmers mit Fäkalien zu [..]

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