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[english] This column's translation: »Eating Habits«

02.04.07

Michael Meyn

Essgewohnheiten

Es ist ein optisches Spektakel, mein Rippchen beim Essen zu beobachten. Wenn sie ein Sandwich verspeist, kann man mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass ihr nach dem Verzehr ein Teil des Sandwichs vom Ohrläppchen baumelt. Selbst der kleinste Snack endet fast immer in einer gewaltigen Schweinerei. Nach jeder Mahlzeit sieht es bei uns aus, als sei etwas Lebendiges explodiert.

Gefährlich wird es bei allen Speisen, die krümeln, kleben, tropfen, kleckern oder sich gar in die Länge ziehen lassen. Da weiss man nie so genau, wo hinterher Essensreste auftauchen werden. Vor kurzem gab es mal wieder Nudeln zum Abendessen, und noch ehe die Soße überhaupt fertig gekocht war, entdeckte ich bereits Soßenkleckse auf der Maus meines Computers. Ich habe auch schon ein Stück Torte, von dem sie steif und fest behauptete, es ganz aufgegessen zu haben, auf der Arbeit von meinen Schuhsolen kratzen müssen.

In den Augen meines Rippchens habe allerdings ich die seltsamen Essgewohnheiten. Für sie ist es ein echtes Rätsel, wie ich es schaffe, ein belegtes Brot zu essen, ohne dass ich mir gleich mit der Butter die Wangen einreibe. Sie dagegen kriegt das schon beim ersten Reinbeissen hin. Ich habe ihr mal gezeigt, wie man richtig in ein Brot beisst, aber das war ihr alles zu aufwendig. »Ich will mein Essen genießen und mich nicht konzentrieren müssen«, gab sie mir zu verstehen, worauf mir dann einfach kein Gegenargument einfiel.

Manche Sachen rühre selbst ich nicht an. Schinkenbrote fallen mir jetzt spontan ein. Meine Schneidezähne sind zu stumpf, als dass sie sich da durchbeißen könnten. Ausnahmslos ziehe ich jedesmal die komplette Scheibe von der Stulle. Besonders in Deutschland werden Schinkenbrote bei Festlichkeiten immer gerne serviert. In diese Falle bin ich früher schlauerweise nie getappt, denn ich weiss sehr wohl, wie dämlich es aussieht, wenn die Schinkenscheibe vor den Kehlkopf des Idioten klatscht.

In Gesellschaft von Freunden und Bekannten zu essen, stellt stets ein großes Problem dar. Schließlich will man keinen schlechten Eindruck machen. Da uns das leider nur selten gelingt, habe ich mir einige Techniken ausgedacht habe, die den Schaden für mein Rippchen so gering wie möglich halten sollen.

Ein freundschaftlicher Klaps auf ihren Rücken kann beispielsweise ein Stück Kartoffel von der Schulter wieder zurück auf den Teller befördern. Bei Kartoffelbrei allerdings muss man schon etwas fester zuhauen.

Spaghetti, die sich (hoffentlich) auf dem Weg zu ihrem Mund befinden, schneide ich noch in der Luft blitzschnell, für das bloße Auge kaum sichtbar, mit der kleinen Schere meines Taschenmessers mehrfach durch. Dabei habe ich meine niedliche Ninjamampferin schon einige Male angeritzt, jedoch wusste sie nie, aus welcher Richtung die Attacke kam.

Vorspeisen wie Suppen oder Salate mit reichlich Dressing vertilge ich in einem Affenzahn und tausche, erstaunt »Schon satt?« fragend, unsere Teller aus. Unfair, aber notwendig.

Oder ich stoße »versehentlich« mein Weinglas um, damit sie genügend Zeit hat, sich unbemerkt die Stirn oder das Dekolleté zu reinigen. Für solche Zwecke habe ich immer eine große Packung feuchte Tücher dabei. Die sind zwar eigentlich für'n Arsch, weisen aber auch im Gesicht und anderorts gute und vor allen Dingen schnelle Ergebnisse auf.

Schokopudding kommt mir noch in den Sinn. Ganz heimtückischer Nachtisch mit hässlichen Auswirkungen! Er zwingt mich, sofort einen Erstickungsanfall vorzutäuschen, welcher die Aufmerksamkeit für den Rest des gemütlichen Zusammenseins auf mich lenkt. Beim Heimlich-Manöver winke ich jedoch neuerdings dankend ab und spucke den Pudding freiwillig aus; zu unangenehm!

Soweit funktioniert das alles auch ganz gut, aber manchmal, wenn mein Rippchen mit einem aggressiven Knurren die Zähne fletscht, weiß ich, dass sie jetzt unbedingt ihr Essen genießen will und dies auch tun wird, komme was da wolle. Dann halte ich mich zurück und beuge mich nur gelegentlich zu ihr herüber, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben (in Wirklichkeit lecke ich ihr natürlich irgendwelche Speisen vom Gesicht) oder ich entschuldige mich für einen Augenblick und sammle auf dem Weg zum Badezimmer schonmal die gröbsten Brocken vom Boden auf.

Sollten alle Stricke reißen und mein Rippchen das Essen so schwerwiegend vergewaltigen, dass selbst die Gastgeber übelst in Mitleidenschaft gezogen werden, hilft nur der Trick eines geschickten Themenwechsels in der laufenden Konversation: »Habe ich euch schon von meiner neusten Kurzgeschichte erzählt?« Da senken sofort alle Anwesenden geschwächt den Blick auf ihre Teller. Wenn sie dann die Kraft aufbringen wieder aufzuschauen, sind wir schon längst über alle Berge.

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

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Michael Meyn

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