02.11.07

Michael Meyn

Schnuckie, mein Ei tickt!

Sonntags bekomme ich nicht ein Frühstücksei, sondern drei. Das mag vielleicht ungesund sein, ist aber bei uns Tradition. Ich stehe gar nicht so sehr auf gekochte Eier und ich weiß auch nicht, wie das angefangen hat, jedoch ziehe ich das jetzt durch.

Sobald mein Rippchen aus dem Bett gestiegen ist, schnappt sie sich das Telefon und ruft ihre Mutter in Deutschland an. Auch das ist Sonntagstradition. Das läuft dann immer so ab:

»Hallo, hier ist das Kind. Eier, Schatz?«

»Ja, bitte.«

»Nein, nicht du, Mama.«

»Was?«

»Nicht du, Schatz.«

Heute stellte sie mir wie gewohnt meine drei Eier und den Salzstreuer auf den Schreibtisch, setzte sich auf die Couch und plauderte ausführlich mit Frau Mama. Dabei fiel mir auf, dass die Eieruhr noch immer tickte. Ich rollte missmutig mit den Augen, weil dies wohl bedeuten musste, dass die Eier frühzeitig aus dem kochenden Wasser gefischt worden waren. Weiche Eier mag ich nicht. Doch plötzlich stutzte ich. Wir haben nämlich überhaupt keine Eieruhr! Und tatsächlich: das Ticken kam von einem der drei Eier. Hat man sowas schon mal erlebt? Ich nicht!

»Schnuckie, komm mal schnell!«, rief ich. »Mein Ei tickt!«

Erstaunlicherweise zögerte sie keinen Augenblick. Sie informierte ihre Mutter: »Ich muss auflegen. Michaels Eier ticken!« Dann eilte sie herbei und lauschte besorgt.

»Ich höre nix.«

»Dieses Ei hier.«

Sie nahm den Kopf aus meinem Schoß und beugte sich über den Frühstücksteller.

»Stimmt, da tickt ja wirklich was.«

»Sag ich doch!«

»Sachen gibt's ...«

»Wie lange hast du sie gekocht?«

»Wie immer.«

»Was heißt das?«

»Nach Gefühl.«

»Das hat in einer Geschichte von Loriot auch mal jemand gesagt und das gab hinterher einen riesen Ärger. Was meinst du, wieviel Zeit war vergangen, bist du das Gefühl hattest, die Eier könnten hart genug sein?«

»Zehn Minuten waren's bestimmt. Ich habe da nicht so drauf geachtet. Wieso?«

»So wie sich das anhört, scheint ja wohl irgendwer oder irgendwas zu versuchen aus dem Ei auszubrechen.«

»Meinst du wirklich? Das kann doch nicht sein!«

»Hast du eine andere Erklärung?«

»Vielleicht ist es eine Eieruhr. Warte mal ab, gleich klingelt's.«

Ja, manchmal meint mein Rippchen, sie hätte gute Witze auf Lager. Man muss es konsequent ignorieren, sonst zieht sich das wie ein roter Faden durch den ganzen Tag.

»Ich weiß nicht, Schnuckie, mir ist das alles nicht geheuer. Was ist, wenn wir es hier mit einer Eierbombe zu tun haben?«

»Quatsch! Wer sollte uns denn eine Eierbombe unterjubeln? Sowas macht man doch nicht!«

»Das sagst du! Osama bin Laden hat erst vor kurzem wieder mit neuen Anschlägen gedroht. Damals hat auch niemand damit gerechnet, dass jemand mit Flugzeugen in öffentliche Gebäude fliegt. Wer rechnet schon mit einer Bombe im Frühstücksei?«

Jetzt hatte ich mir selbst gehörige Angst eingejagt. Warum sollte man ausgerechnet uns eine Eierbombe ins Haus schmuggeln?

»Wir sollten versuchen, das Ei zu entschärfen. Aber wie?«

»In Filmen muss man immer den roten Draht durchschneiden. Oder war's der blaue?«

»Siehst Du hier einen roten Draht?«

»Nein. Du musst es natürlich erst aufpellen.«

»Ich bin doch nicht lebensmüde!«

»Dann schmeiss es einfach aus dem Fenster.«

»Zu gefährlich. Da könnte gerade ein Nachbar vorbeilaufen.«

»Wenn's der Idiot von oben ist, wäre das eine glückliche Fügung.«

»Aber wenn's die heiße Schnecke von unten ist, wäre das ein schrecklicher Verlust.«

»Richtig. Schmeiss es aus dem Fenster!«

Für eine Weile blickten wir schweigend auf das tickende Ei. Dann ließ uns das Telefon zusammenzucken und mein Rippchen warf sich flach auf den Boden. Ich griff zum Hörer. Schwiegermama wollte sich nur vergewissern, dass alles in Ordnung war.

»Danke, meinen Eiern geht es gut. Eins tickt nur ein wenig ... Genau, finde ich auch sehr ungewöhnlich. Aber kein Grund zur Besorgnis .... Ja, ich werde das mit den kalten Umschlägen ausprobieren. Danke. Schönen Sonntag noch!«

»Meine Mama ist eine weise Frau,« erklärte mein Rippchen stolz, nachdem wir das Ei in ein nasses Handtuch gewickelt hatten. Kurz darauf hatte es aufgehört zu ticken.

»Was meinst du, ist das Ei jetzt entschärft?«

»Ich will's hoffen, aber wir gehen besser auf Nummer sicher.«

Eben habe ich das Ei draussen in der Apartmentanlage, gleich hinter dem Tennisplatz vergraben. Sollen sich zukünftige Generationen damit auseinander setzen. Ich habe für sowas keine Zeit. Wir haben beschlossen, nicht großartig darüber zu reden. Nachher denken die Leute noch, wir ticken nicht richtig ...

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

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